• Bericht
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  • Jing Wu
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  • 04.11.2014

Erstsemester Medizin – Ein Drama in drei Akten

Lehrjahre sind keine Herrenjahre – schon gar nicht für Medizinstudenten. Spätestens als die Anatomievorlesungen, beginnen sieht Lokalredakteurin Jing vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

 

 Symbolbild: Studentin beim Lernen, Quelle: Thieme Verlagsgruppe

 

Sonntagabend, 18:35 Uhr. Während ich an meinem Laptop sitze und diese Zeilen schreibe, plagt mich das schlechte Gewissen. Seit zwei Wochen überwältigt es mich bei jeder Tätigkeit, die nichts mit Lernen zu tun hat. Ein Haufen Zusammenfassungen wartet darauf, geschrieben zu werden, meine Karteikärtchen starren mich vorwurfsvoll an. So langsam sollte ich mich auf die morgige Vorlesung vorbereiten. Den ganzen Tag sitze ich nun schon vor meinem Schreibtisch und lerne mit mäßigem Erfolg den Stoff für mein erstes Testat in wenigen Wochen. Wie gut ist es da zu wissen, dass ich nicht alleine bin, sondern mein Schicksal mit knapp 900 anderen Mediziner-Erstis in München teile.

 

 

Zunächst alles ganz entspannt

Dabei fing hier alles ganz entspannt an. In der Einführungswoche hatten wir die Möglichkeit, uns Vorträge von verschiedenen Fachärzten anzuhören. Wir bekamen einen interessanten Einblick in die vielfältige Welt der Medizin und unseren ersten Schein gleich dazu. Ist ja alles ganz locker hier, dachte mein damaliges Ich, eine naive und unerfahrene Studienanfängerin. In den nächsten Tagen sollte sich herausstellen, wie sehr ich mich doch täuschte. Die Einführungswoche war vorbei – und damit auch die Schonfrist. Mit den Worten „Das war euer letztes entspanntes Wochenende“ stellte mein Professor in seinem ersten Vortrag klar, dass wir die restlichen Scheine wohl nicht so einfach bekommen würden.

 

 

Wenn der Ernst des Studiums beginnt

Am Morgen der ersten Anatomie-Vorlesung sicherte ich mir höchst motiviert einen Platz im Hörsaal vorne mittig, legte meinen fein säuberlich angespitzten Bleistift neben meinen neuen Collegeblock und war bereit, mir Notizen zu machen. Falls ich auf die Fragen des Professors eine Antwort wüsste, würde ich mich gegebenenfalls auch melden.. Zehn Minuten später starrte ich verständnislos mit offenem Mund auf die alle zwei Sekunden wechselnden Power-Point-Folien und fragte mich, was es am Mittag wohl in der Mensa zu essen geben würde. Von dem gigantischen Redeschwall des Profs verstand ich vielleicht gerade mal ein Zehntel.

 

Ein Blick durch die Reihen meines Hörsaals beruhigte mich etwas, denn anscheinend ging es vielen meiner Kommilitonen ähnlich wie mir. Einige spielten auf ihren Handys, andere packten schon mal ihr Pausenbrot aus. Die besonders mutigen Leute hatten ihre Notizblöcke längst zur Seite gelegt und gönnten sich ein Schläfchen. Meine Träume von freien Wochenenden und Erstipartys zerplatzten wie Seifenblasen. Ich sah mich schon nachts um drei Uhr vor meinen Lehrbüchern sitzen. Das Medizinstudium war anscheinend doch nicht so einfach wie gedacht.

 

 

 

Andere haben es auch geschafft

Mittlerweile habe ich drei Wochen Studium hinter mich gebracht, war in jeder zweiten Vorlesung den Tränen nahe und habe mich mindestens einmal pro Tag gefragt, warum ich nach dem Abi nicht einfach Eisverkäuferin geworden bin. Aber hey, das Studium hat auch seine Vorteile: Ich habe noch nie so viele spannende Dinge in so kurzer Zeit gelernt. Die Aussicht, mit meinem Wissen das Leben anderer Menschen zu verbessern oder gar zu retten, ist meine Motivation, die Abende und Wochenenden anstatt mit Kino und Freunden auch mal mit Anatomieatlanten und Histologiebüchern zu verbringen.

 

Meine zwischenzeitlich aufgetretene Panik ist mittlerweile wieder etwas abgeebbt. Wenn ich mich erst einmal hinsetze und lerne, wird der gigantische Berg an Wissen übersichtlich und ich stelle erleichtert fest, dass doch alles machbar ist. Andere haben es schließlich auch geschafft.

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