• Bericht
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  • Julien H. Park
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  • 10.03.2014

Erste Schritte – frühkindliche Entwicklung erleben (2)

Die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Münster hat im Wintersemester 2013/2014 zum ersten Mal das Wahlfach „Erste Schritte“ angeboten. Das Konzept ist einfach: Ein Student begleitet eine junge Familie und vor allem ihr Kind über ein ganzes Jahr von der U2 bis zur U6. Julien erzählt von den Erfahrungen mit seinem Projekt-Patenkind.

 

Leno und seine Mutter - Foto: privat

Julien mit seinem Projekt-Patenkind Leno

 

Relativ plötzlich und mitten in der Adventszeit erreichte mich eine Mail der pädiatrischen Assistenzärztin: Ein kleiner Junge war geboren worden und wartete schon auf seine U2. Mit ordentlichem Herzklopfen machte ich mich auf zur Wöchnerinnenstation der Geburtshilfe und traf mich dort zuerst mit der Ärztin. Wir gingen noch mal den groben Ablauf der Untersuchung durch und dann stand ich auch schon mitten im Zimmer. Ein winziger Mensch lag in den Armen seiner Mutter und war offensichtlich gerade wach geworden. Das also war mein Projekt-Patenkind! Der kleine Junge blinzelte ein kleines bisschen in die Welt und bei mir war alle eventuell mal vorhandene Professionalität dahin. Es war unglaublich faszinierend, so ein kleines Wesen zu sehen. Nach kurzer Zeit stellte sich dann auch Hunger ein und der Kleine machte sich lautstark bemerkbar.

Nachdem ich mich bei den Eltern vorgestellt hatte, ging es auch schon zur Untersuchung. Eine Oberärztin der Kinderklinik führte sie durch und ich muss ehrlich gestehen, dass ich von dieser ersten Untersuchung maximal die Hälfte mitbekam. Ich war einfach zu fasziniert von „meinem“ kleinen Patienten.

Im Anschluss an die Untersuchung konnte ich mich noch etwas intensiver mit den Eltern unterhalten. Sie erzählten mir vom Familienleben und plötzlich erschien es gar nicht so abwegig, selbst mal ein Kind zu bekommen ...

 

Wie ich Pate wurde

Vorangegangen war eine Bewerbungsverfahren, bei dem auf einen Platz fast drei Bewerber kamen. Nachdem zehn Glückliche einen der begehrten Plätze ergattert hatten, wurde uns auf einem Einführungsseminar der Ablauf des Wahlfachs erklärt: Vor jeder der fünf Untersuchungen würden wir ein Einführungsseminar von einem erfahrenen Kinderarzt bekommen, in dem wir auf die wichtigsten Inhalte vorbereitet werden würden. Gleich beim ersten Termin sprachen wir über die „U2“, die zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag stattfindet. Neben den eigentlichen Untersuchungsinhalten war vor allem der Umgang mit den jungen Eltern ein spannendes Thema: Wie kann man häufigen Sorgen begegnen? Wie geht man mit „Impfgegnern“ um?

 

Pädaudiologie und Hüftsonographie

Neben den Untersuchungen unserer Patenkinder besuchten wir auch das Hörscreening in der Klinik für Pädaudiologie und die Hüftsonographie in der orthopädischen Ambulanz unserer Klinik. Die pädaudiologische Untersuchung fand hauptsächlich bei Kindern statt, deren Hörscreening auffällig gewesen war. Der untersuchende Arzt erklärte uns allerdings, dass die Untersuchung zu einem frühen Zeitpunkt nach der Geburt durch im Ohr verbleibendes Fruchtwasser verfälscht werden kann. Das erklärte die hohe Rate an Kindern, deren intensive Untersuchung nach einem anfänglich pathologischen Befund letztlich unauffällig war.

Die Hüftsonographie dient der Früherkennung einer Hüftdysplasie, also im Grunde eines „Nicht-zusammen-passens“ von Caput femoris und Acetabulum. Durch die Bestimmung zweier Winkel lässt sich das Verhältnis der beiden Anteile beurteilen. Der große Vorteil der Untersuchung ist dabei, dass eine früh erkannte Dysplasie konservativ durch eine Spreizhose behandelt werden kann. Ohne Operation können so Komplikationen wie zum Beispiel Arthrosen vermieden werden. Dank eines netten Assistenzarztes durften wir selbst einige Hüften untersuchen und konnten so die Winkel selbst bestimmen.

 

Untersuchungen beim niedergelassenen Kinderarzt

Nach der U2 gab es einige Veränderungen: Die nächsten Untersuchungen würden alle beim niedergelassenen Kinderarzt erfolgen. Deswegen fanden auch die Vorbereitungsseminare bei wechselnden niedergelassenen Ärzten statt. Der Wechsel war für alle Teilnehmer sehr interessant, weil die Perspektiven, aus denen man sich einem Kind nähert, doch deutlich andere sind. Insbesondere die Entwicklung des gesunden Kindes spielt eine sehr viel größere Rolle als in einem großen Klinikum, in dem die Ärzte sich ja – selbstverständlich – tagein tagaus hauptsächlich mit erkrankten Kindern in einer „Ausnahmesituation“ beschäftigen.

Der erste Besuch beim Kinderarzt meiner Familie stand ganz im Zeichen des Kennenlernens auf beiden Seiten. In einem sehr intensiven Gespräch über etwas mehr als eine Stunde, hatten die Eltern Zeit und Gelegenheit, alle Dinge anzusprechen, die sie bewegten. Vom Stillen bis hin zur Rachititsprophylaxe wurden viele Themen besprochen. Hier hat mich vor allem beeindruckt, wie der Arzt auf die Bedürfnisse und auch Schwierigkeiten der jungen Familie einging. So nahm zum Beispiel das Thema Impfen mit allen Facetten einen großen Raum ein.

Neben dem Gespräch mit den Eltern fand natürlich auch noch die eigentliche Untersuchung statt. Der kleine Junge wurde wortwörtlich auf den Kopf gestellt: Um den Muskeltonus zu überprüfen werden die Kinder in alle möglichen und unmöglichen Positionen gebracht. Was im ersten Moment reichlich skurril wirkt, hat durchaus einen ernsten Hintergrund: Diese Untersuchung erlaubt es, die motorische Entwicklung eines Kindes sehr genau nachzuvollziehen und eventuelle Einschränkungen früh zu bemerken. Auch alle anderen Organsysteme werden untersucht und beurteilt. Mein Patenkind scheint übrigens ein großes Vertrauen in Ärzte gefasst zu haben: Vor Beginn der Untersuchung quengelte er noch herum, aber sobald es losging, war er ganz aufmerksam und verfolgte alles, was um ihn herum passierte.

Auch ich hatte die Möglichkeit, einige Untersuchungen durchzuführen und war wirklich überrascht, wie unterschiedlich sich die gleichen Untersuchungen beim Kind „anfühlen“. Die Herzauskultation zum Beispiel ist allein schon wegen der unterschiedlichen Frequenz (beim Säugling ca. 130/min) eine Herausforderung, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass natürlich alles sehr viel kleiner ist. Der Kinderarzt nahm sich, neben dem Gespräch mit den Eltern und der Untersuchung des Kindes, auch Zeit, mich in viele der Untersuchungen einzubinden und mir die Hintergründe zu erklären.

Inzwischen steht die U4 in Verbindung mit den ersten Impfungen an. Schon jetzt bin ich sehr froh, an diesem Wahlfach teilnehmen zu können und ich freue mich auf den Rest des Jahres mit „meinem“ Kind und seiner Familie.

 

 


 

 

Hier geht's zum Erfahrungsbericht von Carolin Lömke, die ebenfalls ein Projekt-Patenkind begleitet hat.

 

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