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  • Melanie Poloczek
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  • 13.11.2018

Work-Life-Balance: Gesund durchs Medizinstudium

Stundenlang am Schreibtisch sitzen, den Pizzaboten schon beim Namen kennen, leere Kaffeetassen stapeln und in der Nacht kein Auge zutun. Während des Studiums leben wir manchmal genau das Gegenteil von dem, was wir später einmal unseren Patienten empfehlen werden. Wie bleibt man dabei selbst gesund?

 

Egal welches Buch ich aufschlage, egal welche Krankheit ich heute studieren darf, die Risikofaktoren sind fast immer dieselben: Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Stress. Zwischen Klinik und Hörsaal, zwischen Patienten und Dozenten, ist es nicht immer einfach, einen Ausgleich für das eigene Ich zu schaffen – erst recht nicht, wenn man sich an all die Regeln halten will, die uns von Büchern und in Vorlesungen als Schlüssel zur ewigen Gesundheit gepredigt werden. Wenn ich also über den Campus hechte und dabei in meinen Apfel beiße, weiß ich längst: „An apple a day keeps the doctor away“ ist gelogen, reicht bei weitem nicht aus, um in all dem Chaos fit zu bleiben.

„Ich hab’ keine Zeit für sowas“

Sportsachen liegen in der Schrankecke verbannt, Fußball wird nicht gespielt, sondern geschaut, und überhaupt, die Radfahrt zur Uni ist Workout genug. Spätestens zum Jahreswechsel, wenn Fitnessstudios ihre Beiträge drücken und gute Vorsätze in aller Munde sind, wird in der Herzvorlesung klar, dass Herr Müller aus dem Fallbeispiel vielleicht nicht mit 44 Jahren einen Bypass gebraucht hätte, wären da nicht zwanzig Kilo Übergewicht und sein Bürojob mit im Spiel.
Als Studenten hocken wir stundenlang in Hörsälen, um uns danach an den Schreibtisch zu setzen. Mediziner müssen lernen, und gelernt wird eben nicht in den Laufschuhen, die seit Wochen nicht geschnürt wurden. Dabei entpuppt sich der Vorwand, keine Zeit für Sport zu haben, in den meisten Fällen spätestens dann als Ausrede, wenn nach der Lerneinheit das Netflix-Intro den Raum erhellt oder das Handy schon zum zweiten Mal geladen werden muss.
Nicht nur in puncto Sport, auch in Sachen Ernährung kommt die Zeit-Ausrede gelegen. Regelmäßig einkaufen, selber kochen und womöglich auch noch abwaschen müssen? Das geht einfacher, Stichwort Mensa, Stichwort Lieferessen. Aber auch ungesünder, Stichwort Fastfood, Stichwort Zusatzstoffe.

Priorisieren geht über Studieren

Ein Medizinstudium ist kein Schicksal; kein Vorwand, nicht mehr ein geregeltes Leben führen zu können. Es gibt sie tatsächlich, die Mediziner da draußen, die das alles unter einen Hut kriegen – Was hält ausgerechnet dich davon ab, es auch zu schaffen?
Der Schlüssel liegt im Priorisieren. Das, was dir wichtig ist, sollte Aufmerksamkeit bekommen, und zwar im richtigen Maße. Sicher, du möchtest ein guter Arzt werden und dafür musst du dich im Studium bemühen. Gleichzeitig hast du Familie und Freunde und um die kümmerst du dich während des Semesters schließlich auch ein wenig, weil sie dir wichtig sind. Gleiches gilt für den Sport – Was hindert dich daran, ein paar Mal die Woche Zeit dafür zu schaffen? Etwa Kapitel zehn im Patholehrbuch oder komplizierte Biochemiekreisläufe? Glaubst du wirklich, dass dich das gesunde Quäntchen Zeit für studiumsferne Unternehmungen durch die Klausur rasseln lassen könnte?
Ich habe mir meine Pausen immer genommen und sieh’ her, nach zwei Jahren Studium stehe ich immer noch hier.

Lern’ mit Klasse, nicht nur Masse

Natürlich ist Zeit ein knappes Gut. Solltest du tatsächlich das Gefühl haben, jeden Tag den ganzen Tag lang lernen zu müssen, um am Ball zu bleiben, dann hast du eventuell noch keine effiziente, für dich richtige Lernmethode gefunden. Wenn ich an mein erstes Semester zurück denke, dann denke ich an Überforderung. Ein Gefühl, das zu Semesteranfängen regelmäßig wiederkehrt, wenn ich passende Lehrbücher noch finden und mit neuen Fächern warm werden muss – solange, bis die Taktik gefunden ist, mit der in weniger Zeit die gleiche Menge Wissen in den Kopf gelangt. Die Kunst liegt nicht immer darin, viel zu lernen, sondern auch darin, von vielem nicht zu viel zu lernen. Und gerade dann, wenn ein Prüfer dafür berüchtigt ist, sinnlose Details abzufragen, die keine Relevanz fürs Arztdasein haben, solltest du dir ins Gedächtnis rufen, dass wir eben nicht bloß fürs Bestehen lernen, sondern vor allem fürs spätere Leben.

Du kannst nicht alles haben

Das Bild vom durchtrainierten Mediziner, der sich neben Doktorarbeit und Auslandsaufenthalt sozial engagiert, in jeder Prüfung brilliert, auf sämtlichen Partys anzutreffen ist, jeden noch so schwierigen Patienten – oder Chefarzt – um den Finger wickeln kann und täglich seine acht Stunden Schlaf bekommt, ist eben nur ein Bild. Du wirst bewusst Abstriche machen müssen, mal hier, mal dort – sowohl im Studium als auch Zuhause. Natürlich ist gesunde Ernährung in Klausurphasen auch mal zweitrangig, und natürlich lässt man die 8-Uhr-Vorlesung am Morgen nach der Medizinerparty sausen. Doch du kannst nicht Anästhesist werden und gleichzeitig den Chirurgen spielen; du musst Entscheidungen treffen können und lernen, mit den Folgen zu leben.

Gesunder Lebensstil = gesunde Entscheidungen

Letztendlich geht es darum, den Überblick zu behalten – sowohl über das Studium als auch über das Privatleben, nicht zuletzt über sich selbst. Einfacher gesagt als getan, priorisieren die meisten von uns wohl zu oft die Medizin. Wir sind intelligent, wir sind ehrgeizig, wir verfolgen ein Ziel. Dass das Medizinstudium nicht alles im Leben ist, übersieht man manchmal schneller als gedacht. Dass das Studentenleben Freiheiten bietet, die man später nie wieder genießen können wird, sollte man ausnutzen.

Handeln

Stress, schlechtes Essen, Bewegungsmangel – wie bannt man diese Risikofaktoren denn nun konkret aus seinem Medizinerleben? Das eine führt zum anderen, individuell verschieden.
Ich laufe gerne, habe in meinem Leben wohl noch nie so viele Kilometer zurückgelegt wie zu Physikumszeiten. Sport kann ein Ausgleich sein, so wie die Zeit, die man sich zum Kochen nimmt und dann einspart – Stichwort „Meal Prep“.
Auch bei Regen fahre ich mit dem Rad zur Uni, nehme Treppen, meide Aufzüge, nutze Freistunden für den Gang ins Fitnessstudio; kleine Taten, die sich aufsummieren, irgendwann Routine werden. So auch die halbe Stunde vor dem Zubettgehen, in der ich lese (Nichtmedizinisches!) und die Stunde davor, in der ich noch einmal die Bücher aufschlage. Durch Planung Platz schaffen für das, was nicht immer planbar ist – Treffen mit Freunden, spontane Netflix-Eskapaden oder einfach nur ein Mittagsschlaf – das ist meine Taktik. Und egal wie deine aussehen mag, lass dir gesagt sein, dass es tatsächlich existiert: Das Leben neben dem Medizinstudium.

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