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  • Melanie Poloczek
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  • 05.06.2020

Medizinstudium in Zeiten von Corona: Ein chronisches Leiden?

Das Corona-Virus verursacht eine Krankheit – die Pandemiezeit vielleicht auch. Was erst als Übergangslösung galt, würde schließlich ein ganzes Semester prägen: Uni in den eigenen vier Wänden. Darunter leidet längst nicht nur die Lehre.

 

Es ist jeden Tag die gleiche Leier. Aufstehen, den Knopf an der Kaffeemaschine drücken und den Computer hochfahren. Die Vorlesungsfolien sind noch die gleichen wie im letzten Jahr, davon abgesehen ist alles anders. Ich sitze zuhause, nicht im Hörsaal, ich trage Pyjama und nicht Jeans, meine Kommilitonen sehe ich nur als Namen in einer Teilnehmerliste und Patienten sind mir in diesem Semester nicht begegnet. Medizin studiert man nun allein.

Ich komme nicht drum herum, den Corona-Alltag mit einer Krankheit zu vergleichen – erst akut, dann chronisch. Jeder Mediziner weiß: Die Akutphase beginnt plötzlich und unerwartet. Anfangs überschlugen sich die Fallzahlen, Eilmeldungen fluteten das Handy.
Die Akutphase ist schmerzhaft und reich an Symptomen: Angst, Sorge, Ungewissheit; Verbote machten den neuen Alltag unvorstellbar.
Die Akutphase verläuft meist schnell, heilt oft vollständig aus: Die ersten Wochen mit Corona waren surreal, insgeheim war da die Hoffnung auf ein baldiges Ende. Mediziner boten Krankenhäusern Hilfe an, an den Semesterstart war nicht zu denken.
Doch der große Knall blieb aus und der Alltag mit dem Virus musste weitergehen, das Medizinstudium auch. Was erst Übergangslösung war, ist nun Dauerzustand: Studieren in den eigenen vier Wänden. Leben mit Corona ist jetzt chronisch.

Home-Uni funktioniert – zumindest, was das Lernen angeht. Wenn die eigene Internetverbindung mitmacht, laufen Videokonferenzen technisch einwandfrei, und Studieren war selten so bequem. Noch nie habe ich so viele Vorlesungen besucht; den Browser öffnen ist kein Aufwand, auf den Campus fahren schon. Da ist kein mühsames Abwägen mehr, ob sich der Gang zur Uni lohnt, stattdessen werden schlechte Vorlesungen einfach mit einem Klick beendet. Aber ich schaue sie mir fast alle an, die guten und die schlechten. Online-Vorlesungen sind das neue Sozialleben am Vormittag, ich fühle mich in meinen zwanzig Quadratmetern weniger allein, wenn ich Vorträgen lausche und jemand hin und wieder Fragen stellt. Ohne Mitbewohner studiert es sich besonders einsam.

Sogar Pflichtveranstaltungen sind an manchen Tagen eine willkommene Abwechslung: Seminare, die mir früher den Nachmittag durchkreuzt hätten, werden zur Beschäftigungstherapie, weil das Alternativprogramm fehlt. Das Theater spielt nicht, Cafés waren geschlossen, Treffen mit Freunden untersagt. Ich sehe endlich bekannte Gesichter wieder, wenn wir die Kamera einschalten müssen. Viele hat es in die Heimat verschlagen, die Uni-Stadt scheint ausgestorben. Viele habe ich vor Monaten das letzte Mal gesehen.

An anderen Tagen habe ich für die Online-Uni keinen Nerv. Auch Ultraschall- und Nähkurs finden online statt. Während ein Chirurg vor der Kamera Donati-Naht und Rückhandknoten vorführt, sitze ich ohne Nähbesteck am anderen Ende der Leitung und lerne nichts dabei.
Was sind Präsenzveranstaltungen, bei denen niemand präsent ist? Mein Name ist da, mein Körper nicht – mein Kopf nicht immer. Manchmal, wenn die Kamera ausbleiben darf, koche ich nebenher das Mittagessen oder suche Laufschuhe im Internet. Joggen ist der neue Volkssport, denn Zuhause ist kein Rückzugsort mehr. Meine Wohnung ist jetzt Hörsaal, Seminarraum, Mensa und auch Krankenhaus – Was übrig bleibt, ist die Flucht nach draußen. Als die Mensa wieder öffnet, treffe ich eine Unifreundin. Mit Maske ausgestattet holen wir uns Falafel und versalzene Kartoffeln „to go“ – das Mensaessen habe ich nicht vermisst, aber ich vermisse das Studentenleben. Studentenleben funktioniert nicht übers World Wide Web.

Nach sieben Wochen Online-Uni dann die Hiobsbotschaft im Posteingang: Abschlussklausuren werden online stattfinden, am eigenen Schreibtisch, über Remote-Desktop und Videoüberwachung. Mich frustriert das – Ich hatte gehofft, meine Kommilitonen wenigstens für die Klausuren wiederzusehen, mit Abstand und mit Maske, aber gemeinsam. Und mich verunsichert das – Ich male mir Internetprobleme aus, prophezeie einen heißen Julitag in meiner Dachgeschoss-Wohnung, kann mir so einen Klausurtag nicht recht vorstellen, weiß aber, dass er beschlossene Sache ist.    

Trotzdem, die Fakultät ist sehr bemüht, betreibt einen Heidenaufwand, damit das Medizinstudium weiterläuft. Studieren ist jetzt einsam, aber immer noch möglich. Ich stehe nicht kurz vor dem Examen, ich bange nicht um einen Job, ich frage mich manchmal, ob ich in meiner Position überhaupt klagen darf. Home-Uni hat auch Vorteile; Die vergangenen acht Wochen hätten die Digitalisierung an den Unis weiter vorangebracht als die vergangenen acht Jahre, sagt man uns. Ich aber fiebere einem Semester entgegen, in dem ich endlich wieder auf den Campus darf, in die Bib und in Bars, in Untersuchungskurse und allen voran: In Patientenzimmer.

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