• Bericht
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  • Felix Hutmacher
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  • 30.03.2020

Einmal Indien und zurück – Eindrücke aus der Pandemie

Felix und seine drei Freunde wurden während ihrer Famulatur von der Corona-Pandemie überrascht. Hier schildert er, wie sie die Situation erlebt haben – und durch welchen Glücksfall sie alle wieder gesund in Deutschland sind.

 

Man kann es im Nachhinein als Glücksfall bezeichnen, dass wir uns bei der Einreise nach Indien entschieden haben, eine SIM-Karte zu kaufen. Denn ohne Handyvertrag wären wir, 4 Famulanten aus Deutschland, nun ein Teil der Deutschen, die verzweifelt auf ihre Rückholung warten und vom Auswärtigen Amt dazu aufgefordert werden, sich ‚auf einen längeren Aufenthalt einzustellen‘. Dank der Verbindung zur Außenwelt sind wir alle wieder gut daheim angekommen.

Rückblick: Ende Februar waren wir zu viert aus Deutschland abgereist, um in Südindien über vier Wochen eine Famulatur zu absolvieren. Auf unserem Hinflug fiel das OnBoard-Entertainment aus, und wir hielten uns mit allerlei Unsinnsspielen bei Laune - zum Beispiel testeten wir, wer den Getränkehalter am längsten in Rotation versetzen konnte. Der Mensch ist zu erstaunlichen Leistungen in der Lage, wenn es darum geht, sich selbst zu beschäftigen. Dass dieses Experiment im Kleinen bald im Großen stattfinden würde, wenn Millionen ihre Wohnungstür nur noch von Innen sehen würden, war kaum abzusehen

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Das Wort Corona fiel in diesen Tagen eigentlich kaum ohne den Zusatz ‚-Panik‘, doch wir hatten trotzdem die Vorstellung, dass alles schon nicht so schlimm werden würde. Wir gingen davon aus, dass mit unserer Rückkehr die Epidemie eingedämmt wäre. So, wie es mit den wenigen Corona-Fällen in Bayern nach dem Jahreswechsel passiert war.
Zudem fühlten wir uns vor Infektionen weitestgehend sicher – die Gegend Indiens, in die wir reisten, war abgelegen. Der nächste Bahnhof war etwa eineinhalb Autostunden entfernt vom Krankenhaus, es gab lediglich mehrere Busse am Tag, die eine Verbindung nach außen herstellten.

Wir waren in Sittilingi, einem Dorf im Süden Indiens, das ein indischer Arzt und eine indische Ärztin in den Neunzigerjahren gegründet haben, um die Versorgung der dortigen Stammesbewohner zu sichern. Stämme machen etwa sieben Prozent der indischen Gesamtbevölkerung aus, sind aber politisch unterrepräsentiert und dementsprechend in vielen Belangen unterversorgt.

Das Interresante an der  ‚Tribal Health Initiative‘ (http://www.tribalhealth.org/) ist, dass sie Gesundheit nicht auf die Behandlung von Krankheiten beschränkt sieht. Vielmehr geht es darum, eine Gemeinschaft in vielerlei Hinsicht zu stärken. Neben dem Krankenhaus gibt es auch eine landwirtschaftliche Kooperative, die biologisch anbaut, eine Schule und ein Unternehmen, das Saris und andere Kleidung handproduziert und in Indien verkauft. All diese Initiativen sind im Dialog mit der lokalen Bevölkerung entstanden – die beiden Gründer sind in der Tradition Ghandis durch die umliegenden Dörfer gewandert, um zu verstehen, was die Leute brauchen. Das Krankenhaus versteht sich auch, ganz im Sinne Ghandis, als streng egalitär – auch Ärzte mussten bis vor Kurzem Toiletten putzen. Für einen durchhierarchisierten deutschen Studierenden ist das auf positive Art und Weise gewöhnungsbedürftig.  


Auch viele andere Dinge brauchen Zeit: Mit dem Personal in Kontakt zu kommen, das oft nur wenig Englisch spricht, zu sehen, wo man als Student etwas lernen kann und sich einbringen sollte und wo nicht. Nach zwei Wochen fühlten wir uns gerade angekommen, da kam die Krise in großen Schritten näher.


Hatten uns zuvor nur die Bilder von leeren Supermarktregalen erreicht, gab es nun erstmals einen weltweiten Reisehinweis. Wir diskutierten die Sache kurz, trugen uns in die Krisenvorsorgeliste ein und beschlossen, uns in einer Woche wieder mit dem Thema zu befassen. Im Nachhinein erscheint das fast absurd: Eine Woche später saßen wir bereits wieder in Deutschland. Aber alles, was wir sahen, hörten und taten, war genauso wie die Wochen zuvor: In unserer Umgebung hatte sich nichts geändert. Lediglich unsere Handys mit ihren indischen SIM-Karten vibrierten zunehmend nervöser.
Der Vorsatz, zu bleiben, hielt wiederum hielt keine zwölf Stunden: Am Folgetag lag bereits eine weltweite Reisewarnung vor. Das bedeutet, dass auch Auslandsreisekrankenversicherungen binnen 14 Tagen ungültig werden. Das, so meinten wir, reiche aber noch, um die Famulatur zu Ende zu bringen. Die deutsche Botschaft bewahrten uns vor dieser fatalen Fehleinschätzung. Sie forderte uns am nächsten Tag zur unmittelbaren Ausreise auf. Flugverbindungen nach Europa würden demnächst eingestellt.


Ich habe in meinem Leben selten eine Entscheidung getroffen, die sich so falsch anfühlte und dennoch so richtig war. Ich wäre unheimlich gerne geblieben. Dennoch buchten wir unsere Flüge um und wussten, wir würden das Krankenhaus binnen 24 Stunden verlassen.
Denn auch in Indien war die Zeit nicht stehen geblieben: In der Nacht vor unserer Abreise tauchte der erste Corona-verdächtige Patient im Krankenhaus auf. Die Zugverbindungen zwischen den einzelnen Bundesstaaten waren bereits eingeschränkt. Und fast jeder trug eine Atemmaske.


Mittlerweile ist Indien im völligen Lockdown, der Flugverkehr wurde 48 Stunden nach unserer Abreise eingestellt. Wir können uns glücklich schätzen, als reiche Europäer einfach wieder in unsere Heimat entschweben zu können: In Indien ist das Gesundheitssystem schon vor Corona weit jenseits der viel beschworenen Kapazitätsgrenze gewesen.


Es fühlt sich für uns wie für alle anderen seltsam an, in einer Gesellschaft ohne gesellschaftliches Leben zu sein. Gleichzeitig war für uns klar: Gerade in Krisenzeiten ist Medizin ein sozialer Beruf. Daher arbeiten drei von uns nun beim Gesundheitsamt, einer hilft in einer Kinderarztpraxis aus, und wir alle stehen auf der Liste der möglichen freiwilligen Helfer am Uniklinikum Regensburg.
Besonders aber für Medizinstudierende der höheren Semester ist die Lage schwierig. Das Staatsexamen wird vielleicht verschoben, die Studierenden werden als Arbeitskräfte gebraucht. Unterstüzt uns hier (www.openpetition.de/!coronaPJ) dabei, dass die Arbeit der Studierenden wenigstens entlohnt wird – denn Applaus vom Balkon freut uns sehr. Aber davon lebt es sich mehr schlecht als recht.

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