• Interview
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  • Daniel Deuter
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  • 18.11.2013

"Es gibt keinen Ärztemangel, sondern nur ein Problem der richtigen Verteilung"

Die bayerische Staatsministerin Melanie Huml erzählt im Interview, wo sie die Zukunft der bayerischen Gesundheitsversorgung sieht und welche Anreize es für junge Ärzte gibt, sich in ländlichen Gebieten niederzulassen.

Staatsministerin Melanie Huml

Staatsministerin Melanie Huml

> Frau Huml, der Freistaat Bayern leidet bereits heute am Hausarzt-, beziehungsweise am Facharztmangel in ländlichen Regionen. In Zukunft wird sich diese Problematik wohl noch weiter verschärfen. Wo sehen Sie die Zukunft der bayerischen Gesundheitsversorgung?

Stopp. Wir haben in Bayern eine sehr gute wohnortnahe Versorgung. Wir haben in erster Linie kein Ärztemangel-Problem, sondern ein Problem der richtigen Verteilung. In manchen Regionen Bayerns kann es schon heute schwierig sein, einen Praxisnachfolger oder junge Mediziner für das Krankenhaus zu finden. Herausforderungen ergeben sich hier besonders im ländlichen Raum. Ich möchte auch in Zukunft die flächendeckende, wohnortnahe und hochwertige medizinische Versorgung für alle Bürger Bayerns. Es gilt, gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land zu sichern. Deshalb haben wir in Bayern frühzeitig reagiert – und ein Förderprogramm zum Erhalt und zur Verbesserung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum aufgelegt. Dieses Förderprogramm möchte ich ausweiten. Nach den Hausärzten soll nun auch die Niederlassung von Fachärzten im ländlichen Raum bezuschusst werden. Wenn wir mehr junge Ärztinnen und Ärzte gewinnen wollen, müssen wir auch die Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf im Blick haben. Maßnahmen und Projekte dafür wollen wir genauso wie die Weiterbildung von Allgemeinmedizinern finanziell fördern. Gefordert ist aber nicht nur die Politik. Gefordert sind auch die Kommunen, Universitäten und Berufsverbände. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten – und keine Sorge, das tun wir bereits!

 

> Einige Kliniken der Oberpfalz werben mit Stipendien für Studierende, falls diese sich im Gegenzug nach dem Studium für einige Jahre dem jeweiligen Haus verpflichten. Lohnt es sich, weitere aus der Politik kommende Anreize für Medizinstudenten zu schaffen, sich in strukturschwachen Regionen niederzulassen?

Es gibt viele tolle Anreize mittlerweile – nicht nur in der Oberpfalz. Auch wir vergeben in unserem Förderprogramm Stipendien von 300 Euro monatlich für maximal vier Jahre an Medizinstudierende. Sie müssen sich bereiterklären, nach ihrem Studium im ländlichen Raum zu arbeiten. Dabei legen sich die Studenten nicht frühzeitig für einen bestimmten Ort oder ein bestimmtes Krankenhaus fest, sondern verpflichten sich allgemein, im ländlichen Raum ärztlich tätig zu werden. Auch die Hausarztniederlassung im ländlichen Raum wird mit bis zu 60.000 Euro bei Praxisgründung gefördert. Sie wird in Gemeinden bis 20.000 Einwohner gewährt, in denen gleichzeitig die Bedarfsplanung keine Überversorgung festgestellt hat. All das soll ein Anreiz sein – wenn sie so wollen, eine Imagekampagne für den ländlichen Raum. Denn viele, die die Vorzüge außerhalb der Ballungsgebiete kennengelernt haben, wollen nicht mehr weg.

 

> Dem sich verschärfenden Ärztemangel gegenüber steigen die Studierendenzahlen im Fach Humanmedizin trotz strengen Zulassungskriterien und zum Teil langen Wartezeiten stetig. Ist bei weiter steigenden Semesterzahlen eine qualitativ hochwertige Ausbildung noch zu gewährleisten?

Die bayerischen Universitäten bieten mit den zugehörigen Universitätskliniken eine ausgezeichnete methodische und wissenschaftliche Ausbildung. Die Absolventinnen und Absolventen sind national wie international gefragt. Zur Verbesserung der Chancengleichheit der zahlenstarken Abiturjahrgänge hat Bayern auch die Zahl der Medizinstudienplätze erhöht und damit einen wichtigen Beitrag geleistet, um die Situation in dem stark nachgefragten Studiengang zu entspannen. Für den Ausbau der Studienplätze wurden entsprechend zusätzliche staatliche Mittel zur Verfügung gestellt, damit das hohe Niveau der Qualität von Studium und Lehre sichergestellt werden kann.

 

> Dieses Semester starten die Regensburger Studierenden in ein neues Curriculum, in dem unter anderem ein Profilbildungssemester vorgesehen ist. Hier soll Zeit für eine umfangreichere Doktorarbeit oder einen Auslandsaufenthalt gegeben werden. Gleichzeitig wurden zahlreiche studienbegleitende Sprachkurse aus dem Fremdsprachenprogramm der Universität aufgrund des Wegfallens der Studienbeiträge gestrichen. Wie wichtig schätzen Sie Auslandsaufenthalt und Doktorarbeit für die spätere Tätigkeit als Mediziner ein?

Ein Auslandsaufenthalt im Lebenslauf macht sich immer gut. Auch persönlich profitiert jeder Student, weil es ein Gewinn für den eigenen Erfahrungsschatz ist. Ich selbst war während meines Praktischen Jahres eine Zeit lang im Schweizer Kanton St. Gallen und möchte diese Zeit keinesfalls missen. Gleichwohl bin ich der Meinung, dass es einen solchen Aufenthalt im Ausland nicht zwangsläufig braucht, um ein guter Arzt zu sein. Also lassen Sie sich hier nicht unter Druck setzen; es ist nun einmal nicht jedermanns Sache, mehrere Monate von Familie und Freunden getrennt fern der Heimat zu verbringen. Ähnliches gilt aus meiner Sicht für die Doktorarbeit: Sie ist der Beweis für wissenschaftliches Arbeiten. Es ist eine persönliche Entscheidung eines angehenden Mediziners, ob er seinen Doktortitel machen möchte oder nicht. Über die medizinische und menschliche Qualität eines Arztes sagt der Titel wenig aus.

 

> Im September 2003 wurden Sie Abgeordnete des Bayerischen Landtags, 2004 erhielten Sie Ihre Approbation als Ärztin. Was bewog Sie zu der Entscheidung, der Medizin den Rücken zu kehren und in die Politik zu gehen?

Als Ärztin war und ist mir immer der Kontakt zu den Menschen wichtig. Und ich habe schon immer gern Verantwortung übernommen. Als ich vor gut zehn Jahren die Entscheidung getroffen habe, für den Landtag zu kandidieren, war für mich klar: Jetzt habe ich eine großartige Chance – und die will ich nutzen. Politik war schon immer mein großes Hobby. Fakt ist: Als oberfränkische Politikerin und noch mehr als Bayerische Gesundheitsministerin kann ich mich für die Menschen in unserem Land, für die wohnortnahe Versorgung, stark machen. Mein Medizinstudium hilft mir gerade in meinem Ressort.

 

> Welches Motto beziehungsweise welchen Rat würden Sie den Studentinnen und Studenten mit auf den Weg geben?

Seien Sie fleißig und lassen Sie sich nicht entmutigen. Arzt ist einer der schönsten Berufe der Welt. Kaum einer genießt bei den Menschen mehr Ansehen! Und ziehen Sie den ländlichen Raum in Ihre beruflichen Überlegungen mit ein – Sie werden es nicht bereuen.

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