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  • Julia Hadala
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  • 10.02.2020

Fallen und auffangen lassen

Tiefpunkte im Medizinstudium kennen wir alle. Julia erzählt, wie sie sich trotz aller Niederschläge immer wieder neu motivieren kann.

 

Die häufigste Frage, die man mir stellt, ist eine, über die ich manchmal selbst lange nachdenken muss, bevor ich antworten kann. „Woher nimmst du deine Motivation?“ Motivation, weiterzumachen, weiterzulernen, ein Semester zu wiederholen, mich an den 30 Tage Lernplan zu halten. Eine eigentlich simple Frage, zu der meine Antwort jedoch nicht ganz so simpel ist. Zu allererst muss ich zugeben, dass all diese Motivation nicht aus mir alleine entspringt, sondern ziemlich viel aus meinem Umfeld.

Meine Eltern sind meine größten Vorbilder und wichtigsten Menschen im Leben. Aus ihnen schöpfe ich meine größte Energie.
Es ist mir unfassbar schwer gefallen, im regulären 3.Semester zuzugeben, dass es mir schlecht geht. Zwischen verlogenen Telefonaten mit „Alles okay bei mir.“, weinte ich jeden Abend – und im Rückblick kann ich wirklich verstehen, wieso ich das 3. Semester damals nicht bestanden habe. Es waren nicht nur die äußeren Umstände, wie die geballte Menge an Fächern und Prüfungen, sondern vor allem auch wie es in mir drin aussah. Nach Hilfe zu fragen, kam mir nicht einmal in den Sinn – ich wollte ja keine Belastung darstellen. Ein halbes Jahr später, nachdem mein persönlicher Albtraum endlich sein Ende fand, stellte ich fest, dass genau das eigentlich das Belastende war. Für meine Familie und vor allem für meinen Freund, der alles in der Welt erdenkliche tun wollte, damit es mir besser geht – und bemerkte, dass jeder Versuch kläglich scheiterte, weil ich mir nicht helfen lassen wollte.

Weil ich mir das Studium doch selbst ausgesucht habe, weil das meine Entscheidung war und ich mit den Folgen meiner Entscheidung für dieses Studium selbst klarkommen muss. Ein Jahr später fand ich mich in derselben Situation wieder und dachte, dass ich genau dieselben Fehler machen könnte und mich dabei so unfassbar „stark“ fühlen würde, unter den Tränen und Selbstzweifeln – damit aber auch das Risiko eingehen werde, wieder nicht zu bestehen, mich in Panikattacken reinzusteigern und sich meine Liebsten sorgten.

Was ich also tat? Ich rief meine Eltern manchmal am Abend an und gab zu, dass es mir heute einfach nicht gut gehen würde, dass ich verdammt gerne eine Umarmung und ein paar liebe Worte haben wollen würde. Ich schrieb meinem Freund, dass ich mich heute etwas verloren fühle und nicht alleine einschlafen kann. Ich schrieb meiner besten Freundin, dass ich mich manchmal immer noch für das Wiederholen verurteile und trotzdem jeden Tag versuche, dass ich mir selbst Akzeptanz gewähre – immerhin ist das doch der Ratschlag, den ich so vielen Menschen selbst erteile.

Und ich bekam von jeder möglichen Seite das größte Maß an Unterstützung: mein Vater, der ohne zu Zögern, sich auch nachts noch auf dem Weg nach Rostock machte, um mich aus ganzer Liebe fest zu drücken und so all meine verwirrt zersprungenen Gedanken- und Gefühlsteile mit einer Umarmung wieder zusammenfügte und mit einer Handbewegung die Tränen aus meinen Augen wischte und ein grinsendes Lächeln auf meinen Lippen zauberte.
Meine Mutter, die sich direkt nach dem Frühdienst auf den Weg machte und mich mit dem größten herzlichsten Lächeln und den liebsten Küssen begrüßte, die man sich wünschen kann – und direkt noch etwas kochen wollte.
Wie meine beste Freundin mir zig Nachrichten schrieb, nachts aus einer anderen Zeitzone anrief und mir immer wieder klarmachte, dass ich schon so viel erreicht habe und das ich trotzdem noch alle Zeit der Welt hätte. Und zu guter Letzt meinen Freund, der weiß, dass es mir manchmal schwer fällt „Ich brauche dich zu sagen“ und dann lieber 20x nachfragt, bis er schlussendlich mit Blumen vor der Tür steht und ich mich einfach ausweinen konnte, nicht weil irgendjemand Schuld an dieser Situation hat, sondern weil es einfach die Umstände waren.

Ein unfassbar wichtiger Mensch predigte mir immer wieder „Wie man sich bettet, so schläft man.“ –
und vielleicht habe ich nach diesem Jahr und nach dem 30 Tage Lernplan verstanden: Es schläft sich besser auf einem weichen Kissen, mit dem Gewissen, dass es Menschen gibt, die nur ein Wort von dir entfernt sind – und dir jede Sorge nehmen.

Motivation nehme ich mir also aus Menschen, die es, wie mein Freund, entweder schon geschafft haben oder aus Menschen, die mir jegliches Verständnis dafür geben, wenn ich es mal nicht schaffe. Motivation nehme ich mir aus Menschen, die scheitern, aber einfach nicht aufgeben. Denn was gibt es Motivierenderes als der Versuch, es immer wieder zu versuchen und nicht liegen zu bleiben? Motivation daraus, dass es Menschen gibt, die mir über E-Mails oder Nachrichten schreiben, dass sie toll finden, wie ehrlich ich über all diese Gedanken im Studium berichte.
Motivation daraus, weil mein Freund, wie aus Zufall, immer der Erste ist, der meinen Artikel liest und täglich die Website checkt.

Ich nehme mir die Motivation aus meiner Mutter, die ihren Beruf als Krankenschwester liebt, obwohl er so Knochen zehrend ist – und ich dieselbe Liebe und Leidenschaft für meinen Beruf empfinden will. Motivation daraus, dass es motivierendere Fächer geben wird, als die Themen, die ich jetzt lerne. Aus meinen Vater, der lieber noch einmal nachfragt, ob er wirklich nichts für mich machen kann, um mir das Lernen zu erleichtern.
Und die Motivation daraus zu wissen, wie ich mich fühlen werde, wenn ich das Physikum bestanden habe.

Und so werde ich in nicht einmal drei Wochen das mündliche Physikum antreten und hoffen, dass es klappt. Das Beste geben, sodass es klappt. Mir vertrauen, dass dieser Weg, mit all den Höhen und Tiefen eine Lektion war. Dass sich im Nachhinein herausstellt, dass all das nötig gewesen ist, um nun mit mir im Einklang zu sein. Zu wissen, dass es im Leben immer Menschen gibt und geben wird, die da sind, wenn man fällt, nimmt mir den Druck und ich freue mich auf alles, was noch kommt.

 

 

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