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  • Julia Hadala
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  • 29.01.2020

Scheinfrei(heit)

Endlich scheinfrei und die Vorbereitung für das Physikum kann entspannt beginnen - oder doch nicht so entspannt?

 

 

 

Als ich noch einmal im Hörsaal der Physiologie saß und das Fach im 3.Semester wiederholen musste, habe ich zuerst gedacht: alles wird entspannter. Immerhin ist es ja nur das eine Fach, oder? An das Physikum habe ich im Oktober noch lange nicht gedacht, das liegt ja noch so weit in der Ferne. Dann in der ersten Januarwoche: Klausur und Testatergebnisse. Beides bestanden. Endlich. Den Antrag am 08.01 persönlich abgegeben und auf einmal stand man nun vor der Realität: Scheinfreiheit! Es wird wirklich das Physikum im Frühjahr 2020.

Und die Panik kam auf.

 

Irgendwie hat man diesen Moment zwar herbeigesehnt, aber sich doch genauso sehr vor ihm gefürchtet: So kurz davor endlich sagen zu können „Vorklinik adieu“ - Motivation genug, um die Nervosität zu unterdrücken? Doch eigentlich auch die Vorfreude, endlich Teil der Klinik zu sein. Freunde, die entspannt aus den Vorlesungen kommen oder gar nicht mehr hingehen. Prüfungen bestehen ohne sich wochenlang zu stressen und sich endlich ein bisschen mehr wie zukünftige Mediziner fühlen.


Ich habe die Tatsache verflucht, das 3.Semester wiederholen zu müssen. Es blieb mir ein bitterer Nachgeschmack daran denken zu müssen, dass ich jetzt genauso gut in der Klinik hätte sein können, wenn ich es irgendwie im 3.Semester doch auf die Reihe hingekriegt hätte. Und dann sitze ich in Reihen voller neuer Gesichter und erwarte eigentlich, dass mindestens einer etwas sagt wie „Also um Repetent zu werden, braucht man ja wirklich Pech (und Faulheit)“ und wahrheitsgemäß gab es diese Gedanken und wird es immer geben - bis man selbst in so einer Situation landet und sich noch einmal der immensen Stoffmenge bewusst wird, die man sich in den 4 Semestern reingeprügelt hat. Wie man von Prüfung zu Prüfung gelernt hat und das soziale Leben auf der Strecke geblieben ist. Wie man alles mit dem Medizinstudium entschuldigt hat, außer wenn man selbst einmal versagt.

 

Über meinen Blog schrieb mir letztens jemand, wie er das Gefühl hat, der Einzige im Studium zu sein, dem die Vorklinik schwer fällt. Eigentlich schade, dass man so selten darüber redet oder schreibt, denn das ist wohl der einzige Grund, wieso man sich so fühlen könnte. Es geht vielen so, meinen engsten Freunden und mich eingeschlossen. Abende, in denen man zum ersten Mal wirklich daran denkt, jemanden anzurufen, weil man gerade einfach eine Umarmung braucht, damit die Nerven am selben Platz bleiben und sich nicht in die letzte Ecke des Raums oder in den vielen Medizinbüchern verstecken. Und Nächte, in denen man einfach nicht gut schläft, weil die Gedanken nicht leise sein wollen und man sich Szenarien ausmalt, wie man handelt wenn man durchfallen würde.

Also falls du das hier liest: Du bist nicht alleine, weder mit deinen Gefühlen noch Gedanken.

 

Und so sitze ich mit abgeschlossenen 2/3 der 30 Tage des Thieme-Lernplans und verstehe: Ich habe das alles irgendwie gebraucht. Das Wiederholen des Semesters, um mir die Panik vor dem Wiederholen zu nehmen. Hätte ich irgendetwas anders gemacht? Früher angefangen, etwas mehr Verständnis zu zeigen. Denn so viel Verständnis man auch anderen zeigt, das Verständnis einem selbst gegenüber ist meistens nicht einmal ein Bruchteil davon. Hilfe zu kriegen ist nicht schwer - eine Umarmung oder ein aufmunterndes Gespräch zu kriegen auch nicht, nur darum zu bitten. Das mündliche Physikum steht in nicht einmal einem Monat an - und ich weiß, irgendwie kriege ich das schon hin, wenn ich die Nerven behalte, aber dafür muss ich nicht alleine sein oder mich alleine fühlen, denn man ist es eh nicht.
Abschließend also an alle Vorkliniker: Viel Erfolg bei den Prüfungen und an meine Mitkandidaten des Physikums Frühjahr 2020: Euch den größten Erfolg, die stärksten Nerven und das größte Maß an Unterstützung, dass ihr kriegen könnt.

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