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  • Julia Hadala
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  • 02.08.2019

So war meine Vorklinik Zeit

Was ich in den 4 Semestern Vorklinik gelernt habe - und woran ich gewachsen bin.

 

 

Wenn es eine Sache gibt, die ich am Ende des 4.Semesters der Vorklinik sagen kann, ist es: Man lernt mit wirklich allem umzugehen und zu leben. Man lernt mit dem Stress der Vorklinik und den zig Prüfungen zu jonglieren. Man lernt einzuschätzen, wie viel Zeit man für die Prüfungsvorbereitung braucht, wie und wo man am besten lernt und wie man eine Niederlage handhabt.
Als Résumé kann ich nur sagen: Ich bin dankbar für alles, was ich durchlebt habe. Ich bin dankbar für die vermasselten Prüfungen, die Cortisol- und Adrenalinspitzen vor meinen Wiederholungsprüfungen und die Niederschläge, die sich sowohl in meinem Studium, als auch in meinem Privatleben abgespielt haben.
Ich stehe am Ende des 4.Semesters mit anderen Menschen da, als ich es zu Beginn des Studiums tat. Und um ehrlich zu sein, bin ich unglaublich dankbar dafür, dass ich mich jetzt mit anderen Menschen umgebe, als ich es noch im 1. und 2. tat. Aber ebenfalls muss ich zugeben: Die Person, die das damals Studium begonnen hat, ist schon lange nicht mehr derselbe Mensch, der diesen Artikel schreibt.
Ein paar Eigenschaften bin ich natürlich treu geblieben: die Tollpatschigkeit, das Helfer-Syndrom, die selbe Lache - aber im Grunde hat sich mit einer neuen Einstellung meine ganze Person verändert. Optimismus sei der Schlüssel zum Erfolg, sagt man. Ich glaube aber, das hängt ganz von dem Menschen ab. Eine gute Portion Optimismus ist unabdingbar für ein andauerndes Lächeln - aber dasselbe gilt für eine kleine Portion Egoismus, die dazu beiträgt, dass du darauf hörst, was du und dein Körper brauchen (denn im Grunde genommen, bist du doch der Hauptcharakter deines Lebens).

Ich habe in diesem 4. Semester fast alle Prüfungen beim 1. Antritt bestanden, ausgenommen die Klausur in Soziologie und Psychologie (die wir gefühlt jedes Semester schreiben und ehrlich gesagt diese Floskel in 3/4 Fällen zutrifft). Vorlesungen habe ich nur sporadisch besucht, ab Mitte des Semesters schon gar nicht mehr - Seminare reichen ja als Pflichtveranstaltungen. Anstatt sich morgens also in Vorlesungen zu setzen, habe ich ausgeschlafen, bin zum Sport gegangen, habe danach gekocht, die Themen selbstständig abgearbeitet - oder mir die Pausen gegönnt, die ich nach dem 3.Semester und meinem letzten Versuch im Kopftestat auch brauchte, aber nie die Zeit fand, sie mir zu genehmigen. Dem Kaffee bin ich treu geblieben, jedoch nicht mehr als „Mich-Wachhalte“-Droge, sondern für den puren Genuss (und trotzdem ist er schwarz geblieben).
Doch da mich ein paar herzzerreißende Nachrichten erreicht haben, die davon handelten, wie sich Medizinstudenten in ganz Deutschland über die Vorklinik die Köpfe zerbrechen, sich in den Schlaf weinen und mich fragen, ob ich jemals darüber nachgedacht habe, abzubrechen, will ich mein 2. und mein 3. Semester in keiner Weise schönreden.

Ich habe in diesen beiden Semestern mehr geweint, als in meinem gesamten Leben davor - und ich bezweifle, dass ich jemals wieder so viel weinen werde, wie in diesen 2 Semestern. Ich war von Selbstzweifel geplagt, habe mein alltägliches Leben und diese Routine gehasst und hatte bereits beim Aufstehen den Wunsch, einfach nur wieder zurück ins Bett zu gehen. Permanent war dieser eine Gedanke da „Bin ich vielleicht einfach zu schwach oder zu dämlich für dieses Studium?“
Falls du dir schon mal dieselbe Frage gestellt hast: Nein, das bist du mitnichten. Eine Niederlage ist eine Konstellation aus ungünstigen Umständen; Nervosität, Angst, Schlafstörungen, das menschliche Vergessen, das eine Thema, was man einfach nicht mehr lernen konnte. Menschen sind keine wandelnden Lexika und in jeder mündlichen Prüfung haben die Fragen und ausgewählten Themen mit einem Funken Glück zu tun.

Ich weiß nicht, was sich in meinem Leben so drastisch verändert hat - nach dem 3.Semester stand mein letzter Versuch im Kopftestat auf den Zeitplan. Das war wohl die schrecklichste Zeit, ein Testat, das mich seit den Sommerferien über verfolgt hat; sei es an Weihnachten, an Silvester, in Klausuren anderer Fächer, überall verfolgte mich der Gedanke: Was, wenn ich im 3.Versuch scheitere? Ich bestand das Testat, nahm mir eine Pause von allem Lernkrams, vermasselte meine Wiederholungsprüfung der Physiologieklausur, weshalb ich diese im 3.Semester noch einmal antreten muss und fing an das zu machen, was ich wollte: Ausschlafen, lesen, spazieren gehen, täglich Sport machen, öfters mal „Nein“ sagen und zu Neuem „Ja“ sagen.

Irgendwann begann ich lächelnd den Tag zu beginnen und nicht mehr in Selbstzweifel zu versinken. Was kann ich also all denjenigen mitgeben, die gerade in genau demselben Gedankenchaos versinken?
Macht was ihr wollt. Wirklich! Achtet darauf, was ihr wollt oder braucht. Schlaft, esst, achtet auf euren Körper, als wäre er der Tempel eurer Seele. Mögt euch, verzeiht euch die Niederlagen, genießt euer Studium, versucht das Studium nicht auf Prüfungen zu minimieren, lernt zu unterscheiden, wann ihr lernen könnt und wann ihr euch eine Pause genehmigen müsst. Es bringt nichts, eine Seite 100x zu lesen und nicht einen einzigen Satz im Gedächtnis behalten zu können.
Fragt immer nach, sonst wird die Antwort immer „Nein“ lauten und vor allem:
Ergreift jede einzelne Hand, die man euch zur Hilfe reicht - denn zusammen schafft es sich viel leichter, als alleine.

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