• Interview
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  • Tobias Herbers
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  • 19.12.2012

Allgemeinmedizin = Chance?

Eine besondere Chance in der Allgemeinmedizin sehen derzeit nur wenige Studenten. Nun hat man auch noch eine Pflichtfamulatur Allgemeinmedizin eingeführt. Doch bietet dieses Fach vielleicht mehr als nur passives Zuhören während langweiliger Gespräche? Ist sie vielleicht sogar eine neue, noch unentdeckte Chance für die Ärzte von morgen? Das wollte Tobias Herbers vom Leiter des Lehrbereichs Allgemeinmedizin (Bereich Lehre) in Tübingen, Dr. med Michael Datz, wissen.

> Während ihrer Weiterbildungszeit haben Sie u.a. einige Jahre in den Bereichen Innere Medizin, Chirurgie und Dermatologie verbracht. Jetzt leiten Sie als Allgemeinmediziner eine Hausarztpraxis. Was unterscheidet hierbei die Allgemeinmedizin von anderen Fächern?

Die Allgemeinmedizin ist die einzige Disziplin in der Medizin, die es nur im niedergelassenen und nicht im stationären Bereich gibt. Hieraus leitet sich im Vergleich zu den klinischen Fächern eine völlig andere Arbeitsweise ab. Bei dieser ist es nicht die Kunst "etwas schwieriges" zu behandeln. Vielmehr ist es die Kunst "etwas schwieriges" zu erkennen. Die Herausforderung besteht somit im Grenzbereich zwischen "Gesundheit und Krankheit" zu handeln. Wir sind es, die aus den 20 Patienten, welche heute mit Schnupfen und Fieber in meiner Praxis saßen, die drei mit einer Pneumonie herausfiltern. Damit sind es nicht die heroischen Dinge welche die Allgemeinmedizin auszeichnet sondern der selektierende Blick zwischen Gesundheit und Krankheit.

Der Allgemeinmediziner betrachtet den Patienten dabei ganzheitlich und ist erster Ansprechpartner in der Not. Studenten haben dagegen oftmals die Erwartung endlich einmal akut ein Leben retten zu können. Diesen muss ich sagen, dass das Fach hierfür primär nicht geschaffen ist. In der Folge sind einige der Studenten von uns enttäuscht.

Allgemeinmedizin in der Bonner Klinik

 

> Sie sagen, dass die Allgemeinmedizin ausschließlich im ambulanten Bereich angesiedelt ist. Wie hat man es dennoch in Tübingen geschafft, das Fach an der von stationären Fächern geprägten Universität anzugliedern?

An der Universität Tübingen sind wir mit einem Lehrbereich Allgemeinmedizin vertreten. Dieser wird von zwei nicht-habilitierten Allgemeinärzten geleitet und ist dabei oft nicht sonderlich wahrnehmbar. Aus diesem einfachen Grund können wir keine Doktorarbeiten vergeben und sind aus universitärer Sicht vielleicht etwas stiefmütterlich anzusehen.

Zusätzlich stehen die Lehrpraxen manchmal in einem Spannungsfeld zwischen der Leitung des eigenen Betriebs und der Erfüllung ihrer universitären Aufgaben. Um dies zu ändern hat die Landesregierung Baden-Württemberg einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin ausgeschrieben. Dieser wird von einem habilitierten Allgemeinmediziner besetzt werden und das Fach vielleicht etwas mehr ins Bewusstsein der Studenten rückt.

 

> Aufgrund der neu verabschiedeten Approbationsordnung sorgt die allgemeinärztliche Famulatur gerade für großen Gesprächsstoff. Welche Chancen bietet diese dem Studenten und was kann er in der Allgemeinmedizin lernen?

Als erstes kann der Student bei uns das Gesundheitssystem kennenlernen wie er es zuvor vielleicht noch nicht erlebt hat. Er kann die Vernetzung zwischen Haus-, Fach- und Krankenhausarzt live mitverfolgen und dabei wichtige Erfahrungen für seinen späteren Alltag sammeln. Ein zweiter großer Punkt ist die Langzeitbetreuung ambulanter Patienten.

Die Studenten können bei uns einen Patienten von der ersten Diagnose an kennenlernen und lernen, ihn in seinem familiären Umfeld zu betreuen. Gleichzeitig erleben sie den Patienten während eines Hausbesuches. Das ist etwas ganz anderes als in der Klinik. Denn hier sehen die Studenten, in welchem Umfeld ein Patient lebt, welche Ernährungsgewohnheiten oder hygienische Maßstäbe der Patient hat und sind so an wichtigen sozialmedizinischen Entscheidungen beteiligt.

Dabei werden sie neben Medikamentenunverträglichkeiten auch mit völlig neuen Problemen wie der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, der Wiedereingliederung nach langer Krankheit oder der einfachen Bescheinigung für die Reiserücktrittsversicherung konfrontiert. Diese Unmenge an Informationen und gleichzeitig die Eröffnung neuer, bisher fremder Horizonte, erlebt der Student nur bei uns in der Allgemeinmedizin.

Zusätzlich kann er bei uns eine adäquate Gesprächsführung als Grundlage ärztlicher Kunst erlernen. Im persönlichen Gespräch kann er wahrnehmen, wenn der Patient zusammenzuckt, weil man gerade etwas falsches gesagt hat. Nur so kann er eine Antenne für das entwickeln was zwischen Arzt und Patient abläuft. Eine so adäquate Rückmeldung kriegen sie in sonst keiner Famulatur!

Infos zur Änderung der Approbationsordnung

Als Blockpraktikantin mit dem Hausarzt unterwegs

> Hätte es um dies zu erleben, aus Ihrer Sicht, eine Pflichtfamulatur in der Allgemeinmedizin geben müssen?

Eine Pflichtfamulatur kann vielleicht einigen Studenten die Augen öffnen, die bisher nicht gewillt waren, sich überhaupt einmal mit der niedergelassenen Medizin zu beschäftigen. Andererseits glaube ich aber nicht, dass man hierdurch Menschen dazu bringen kann, sich häuslich niederzulassen. Wer sich nach der Famulatur für die Allgemeinmedizin interessiert, hat das vermutlich auch schon früher getan. Damit wird es durch die Pflichtfamulatur wohl kaum einen großen Durchbruch für die Verbesserung der allgemeinärztlichen Nachwuchssorgen geben. Ich habe außerdem eine große Abneigung gegen alle Dinge, die verpflichtend getan werden müssen. Deswegen tun mir auch all die Studierenden leid, die sich jetzt einen passenden Hausarzt suchen müssen, bei dem sie famulieren können. Aus meiner Sicht hätte es eine Pflichtfamulatur also nicht unbedingt geben müssen.

 

> Trotz dieser großen Vorteile berichten einige Studenten, dass sie in der allgemeinärztlichen Praxis nur wenig Raum zum selbstständigen Arbeiten gehabt hätten. Oftmals habe man einfach nur bei den Gesprächen dabei gesessen und habe wenig aktiv arbeiten können. Was sagen Sie zu dieser Aussage?

Dies ist teilweise sicherlich richtig aber nicht beabsichtigt. Der Allgemeinmediziner muss in seiner Rolle als selbstständiger Unternehmer oft in kurzer Zeit so viele Patienten wie möglich versorgen. So bleibt dem Studenten bei Hochkonjunktur leider nur noch der Zuschauerplatz. Dies ist kein böser Wille, sondern ein Fehler in unserem System. Leider muss ich zugeben, dass dies eine Schwachstelle der allgemeinärztlichen Famulatur ist.

 

> Im Hinblick auf den späteren Berufsalltag geht es immer mehr darum praktische Fertigkeiten zu erlernen. Für wen eignet sich diesbezüglich ein PJ Tertial in der Allgemeinmedizin?

Ich glaube, dass ein PJ in der Allgemeinmedizin für all diejenigen von Vorteil ist, die später einmal in der direkten Patientenversorgung arbeiten wollen. Das ist gar nicht unbedingt nur auf diejenigen ausgelegt, die sich einmal allgemeinärztlich niederlassen wollen. Der Student hat bei uns die große Chance ein echtes 1 zu 1 Ausbildungsverhältnis zu bekommen. Aus meinen Erfahrungen als Prüfer weiß ich, dass dieser Bonus dann auch direkte Auswirkungen auf das praktische Examen hat. Der anleitende Arzt hat ein großes persönliches Interesse daran, dass der, der bei ihm PJ gemacht hat auch mit einer sehr guten Note in den Berufsalltag startet. Dieser Wunsch ist zumindest bei unseren Tübinger Kollegen sehr verbreitet.

 

> Einmal für die Allgemeinmedizin Feuer gefangen, nehmen einige Studenten Stipendien an, welche eine verpflichtende Tätigkeit als Allgemeinarzt fordern. Was halten Sie von dieser Art der Nachwuchswerbung?

Ich finde die Idee gut - allerdings nicht sonderlich zielführend. Sehen Sie es doch mal so: Es kann nicht sein, dass ich mit ein paar hundert Euro zu etwas geködert werde, für das mein Herz nicht schlägt. Das eigentliche Problem ist doch nicht nur der Nachwuchsmangel sondern das System. Dieses hat bei uns große Mängel und ist teilweise ganz bestimmt nicht mehr zeitgemäß. Das ist unter anderem auch der Grund dafür, warum so viele junge Ärzte ins Ausland abwandern. Als Allgemeinmediziner haben Sie aktuell eine hohe Verantwortung und eine hohe Arbeitszeit - und das alles bei überschaubarer Honorierung. Ich will hierüber nicht jammern, aber wenn Sie als junger Kollege neu in das Geschäft einsteigen, und gleichzeitig noch für die eigene Familie Zeit einplanen wollen, bekommen Sie unter Umständen Probleme. Sie starten als junger Arzt nach sehr langer Ausbildung zunächst einmal mit Schulden. Und das ist die Stelle an der das System nicht mehr passt. Um dem aktuellen Hausärztemangel entgegen zu wirken, muss daher das System geändert werden. Aus diesem Grund wird man mit den aktuellen Stipendien wohl nur diejenigen Studenten erreichen, welche ohnehin eine allgemeinärztliche Niederlassung angestrebt haben.


> Welche Antwort geben Sie einem jungen Kollegen, der sie fragt, was das Wichtigste im Studium sei?

Die Frage ist sehr schwierig zu beantworten, da ich hierfür das gesamte Studium bewerten müsste. Sicherlich kann ich sagen, dass es zunächst ganz wichtig ist sich im Studium ein fundiertes medizinisches Fachwissen anzueignen, um dem Patienten später wirklich helfen zu können. Das andere ist allerdings auch der Erwerb einer menschlich/sozialen Kompetenz im Umgang mit Menschen. Hierbei muss man sich immer vor Augen halten, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Dies beinhaltet, dass man daran denkt, keine Krankheiten zu behandeln, sondern Menschen. Sich diesem Grundsatz auch noch nach mehreren Jahren Berufsalltag treu zu bleiben, ist vermutlich eine der wichtigsten Kompetenzen, die ein Arzt im Studium erlernen sollte.

 

Ich bedanke mich ganz herzlich für das informative Interview und wünsche Ihnen, dass sie auch weiterhin dafür kämpfen, die Allgemeinmedizin im Studium interessanter zu machen.

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