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  • Sebastian Senneck
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  • 24.06.2013

Promotion leicht gemacht?

Sebastian hat gerade das Physikum hinter sich und will nun das nächste Semester ruhig angehen. Leider gelingt ihm das nicht so richtig, denn ihn plagt das schlechte Gewissen: Alle Kommilitonen haben schon mit der Doktorarbeit begonnen, nur er nicht.

 

Wie am Wühltisch

Es ist Sommer. Das Physikum ist gerade überstanden und ich will die nächsten Semester eigentlich ganz entspannt angehen um mich für die Strapazen der letzten Monate zu entschädigen. Doch bei meinen Kommilitonen ist von Ruhe nichts zu spüren. Es herrscht eher Wühltisch-Stimmung. Um mich herum gibt es einen wahren "run" auf Doktorarbeiten. Gefühlt fängt jeder außer mir gerade an zu promovieren. Mit diesem Thema will ich eigentlich noch gar nichts zu tun haben - aber verpasse ich da gerade die Chancen meines Lebens?

 

Kapitulation

Die anderen haben es geschafft, mich soweit anzustecken, dass ich mich nun auch auf die Suche nach einer Doktorarbeit mache. Also auf ins Getümmel! Doch wo anfangen? In Tübingen gibt es jedes Semester die Doktorandenbörse für Mediziner. Eine nette kleine Veranstaltung für Studenten, auf der die verschiedenen Möglichkeiten vorgestellt werden zu promovieren. Von Neurodegenerativen Erkrankungen über Prostatakarzinome bis zu Fragestellungen der Mikrobiologie steht alles zum Erforschen bereit. Für den ambitionierten Wissenschaftler gibt es sogar einen neuen PhD Studiengang. Manchmal hat man aber auch das Gefühl, hier soll einem etwas verkauft werden, was sonst nicht so gut unter die Leute kommt. Vielleicht werden die wirklich interessanten Doktorarbeiten ja auch ganz anders vergeben?

 

Was ist für mich dabei?

Soll es die große experimentelle Arbeit werden, die den ersten mühsamen Schritt zum Nobelpreis bedeuten könnte? Im Mausmodell oder in der Zellkultur erforschen, was den Menschen im innersten zusammen hält. Oder will ich lieber die überschaubare klinische Studie? Viel näher am ärztlichen Beruf, die mir eine verwertbare Aussage darüber macht, ob die neue Behandlungsmethode wirklich wirksamer ist als die alte. Eventuell reicht mir ja auch eine kleine statistische Arbeit? Vielleicht interessiert es nachher niemanden mehr, was Inhalt meiner Dissertation war. Es müssen auch viele ganz konkrete Fragen geklärt werden: Wie viel Zeit muss ich einkalkulieren, muss ich vielleicht sogar ein Freisemester nehmen? Wer ist mein Betreuer, wie werde ich eingearbeitet, wer steht mir für Fragen zur Verfügung? Welche Methoden kann ich lernen, gibt es ein Stipendium, wird es eine Publikation geben, kann ich Erstautor sein?

 

Eine schwere Entscheidung

Ich frage einfach mal in meinem Bekanntenkreis herum, auf was ich noch achten sollte. Freunde aus höheren Semestern, Ärzte die ich kenne, jeder hat eine ganz spezielle Meinung zum Thema Doktorarbeit. Zur experimentellen Arbeit hörte ich zum Beispiel "das geht gar nicht, da züchtest du über Monate irgendwelche Zelllinien und kurz bevor du fertig bist, gibt es einen Stromausfall, die Zellen sind tot und du kannst wieder von vorne anfangen."Zur klinischen Arbeit werde ich gewarnt, dass sich gegen Ende gern herausstellt, dass die Patientenzahlen zu klein kalkuliert waren oder die Ergebnisse so deutlich gegen eine neue Behandlungsmethode sprechen, dass man sie lieber in der Schublade verschwinden lässt.Mit einer kleinen statistischen Arbeit sagt man mir, könnte ich mich dann im Badeparadies der Wissenschaft im Nichtschwimmerbecken mit den anderen Dr. meds treffen.Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Die Betreuung ist das Wichtigste! Eine noch so tolle Arbeit wird zum Alptraum werden, wenn man keine Ansprechpartner hat oder es Probleme in der Arbeitsgruppe gibt.

 

Keine Schnellschüsse

Jetzt sehe ich also etwas klarer. Die Auswahl einer Doktorarbeit ist nichts für Kurzentschlossene. Wenn man nicht sehr viel Glück oder eine gute Portion Leidensfähigkeit mitbringt, könnte ein Schnellschuss leicht nach hinten losgehen. Man muss sich sehr klar darüber sein, was genau man mit seiner Dissertation erreichen will. Erst dann kann man sich im Dschungel der Möglichkeiten zurecht finden. Die ersten meiner Kommilitonen haben ihre erste Doktorarbeit mittlerweile schon wieder abgebrochen. Irgendwie hat es mit der Betreuung nicht gepasst, die Methoden waren nicht etabliert oder der Doktorvater wurde spontan an eine andere Uni berufen.

 

Entspannt aber vorbereitet

Ich dagegen sitze in der Sonne und lese entspannt, was die Arbeitsgruppe so publiziert, bei der ich morgen hospitieren werde. Ich freue mich schon darauf, denn es klingt wahnsinnig interessant! Ich habe mir klar gemacht, was ich von meiner Dissertation erwarten will und kann. Und mit ein bisschen Glück, bin ich auch bald Doktorand.

 

 

 

 

 

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