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  • Janine Hansmann
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  • 17.02.2014

Ein Dienst im Kreißsaal der Uniklinik Ulm

Im Gynäkologieblock hatte Janine die Gelegenheit, während eines Nachtdienstes im Kreißsaal gleich zwei Geburten mitzuerleben. Hier erzählt sie von diesem besonderen Erlebnis.

Kreißsaal der Uniklinik Ulm – Foto: Janine Hansmann

 

Der Gynäkologieblock bot mir die Gelegenheit, einen Nachtdienst mitzumachen und die einzigartige Chance, trotz nicht-gynäkolgischer Karriere eine Geburt mitzuerleben. Die Geburt eines kleinen Menschen stellte ich mir als besonderen und bewegenden Moment vor und startete hochmotiviert in meinen Dienst.

Gleich am Anfang fand die Übergabebesprechung statt, bei der man alle bevorstehenden Geburten sowie die auf Station befindlichen Risikoschwangerschaften durchsprach. Eine Patientin lag bereits seit 24 Stunden in den Wehen. Die Eröffnungsphase, wie die Zeit bis zur kompletten Öffnung des Muttermundes genannt wird,  dauert bei Erstgebärenden zwischen zehn und zwölf Stunden, bei Frauen, die bereits Kinder geboren haben, verkürzt sie sich meist auf sechs bis acht Stunden. Bei einem derart protrahierten Verlauf besteht die Gefahr einer Atonie der Gebärmutter, was auch in diesem Fall dazu führte, dass später ein Kaiserschnitt, eine so genannte sekundäre Sectio caesarea, durchgeführt werden musste.

 

Das Notfallset für das Kind – Foto: Janine Hansmann

 

Ich durfte assistieren –  die Operateure holten das Kind nach der Misgav-Ladach-Methode, auch „der sanfte Kaiserschnitt“  genannt. Hierbei erfolgt die Eröffnung der Bauchdecke und des Uterus manuell, vornehmlich durch Dehnen und Reißen. So heilt die entstandene Operationswunde schneller und komplikationsärmer als bei der herkömmlichen Operationstechnik mit dem Skalpell. Binnen 15 Minuten war das Baby da. Das Fruchtwasser war grünlich verfärbt – ein Zeichen für den Stress, den das Kleine erfahren hatte.  Bereits einige Stunden später waren Mutter und Kind jedoch wieder wohlauf.

 

Normale Babybetten und der Inkubator – Foto: Janine Hansmann 

 

Außerdem hatte ich auch noch das Glück, eine Spontangeburt miterleben zu können. Die werdenden Eltern kamen kurz zuvor selbst in den Kreißsaal. Die Mutter entband, ohne ihren Mann, in der Vierfüßlerstellung. Diese ist die schonendste und natürlichste aller Positionen. Eine erfahrene Hebamme und eine Schülerin betreuten die Mutter durchgängig und leiteten sie zum Atmen und Pressen an. Die diensthabende Ärztin stieß zum Moment der Geburt hinzu, welcher sich ca. 30 Minuten nach Beginn der Austreibungsperiode einstellte und damit völlig normal für eine Zweitgebärende war.  Bei Erstgebärenden kann sie bis zu einer Stunde dauern. Kaum war das Köpfchen da, folgte auch der Rest des kleinen Körpers, das Kind landete auf den Unterarmen der Hebamme und begann – zur Erleichterung aller – augenblicklich zu schreien. Dieser Moment berührte mich sehr – was für eine schöne Geburt!

 

Einer der kreisrunden Kreißsäale – Foto: Janine Hansmann

 

Nachdem die Nabelschnur durchgeschnitten war, entnahm die Ärztin Blut daraus, um direkt die Blutgasanalyse durchzuführen. Auch der stolze Vater gesellte sich bis zur Lösung der Planzenta und dem Nähen des Dammes hinzu.

 

Bestimmung der Blutgase – Foto: Janine Hansmann

 

Als die Hebammen die Plazenta auf Vollständigkeit überprüften, wurde mir auch klar, woher der deutsche Begriff „Mutterkuchen“ rührt! Wichtig ist, dass der Uterus postpartal komplett platzentafrei ist, da Reste im weiteren Verlauf starke Blutungen provozieren können. Das Nähen des Dammes bekam die glückliche Mutter nur am Rande mit. Es handelte sich um einen Dammriss 2. Grades. Ich lernte, dass man Dammrisse in vier Schweregrade einteilen kann:

  • Dammriss 1. Grades: Reine Verletzung der Haut des Dammes, meist an der hinteren Kommissur (Commissura labiorum posterior) lokalisiert.
  • Dammriss 2. Grades: Neben der oberflächlichen Hautverletzung ist auch die oberflächliche Dammmuskulatur betroffen. Der Musculus sphincter ani externus bleibt intakt.
  • Dammriss 3. Grades: Bei dieser tiefen Verletzung ist auch der Musculus sphincter ani externus betroffen und teilweise oder vollständig durchtrennt.
  • Dammriss 4. Grades: Hierbei handelt sich um einen Dammriss 3. Grades unter Mitbeteiligung der Rektumvorderwand.

 

Die spezielle Badewanne macht Wassergeburten möglich – Foto: Janine Hansmann 

 

Ich war beeindruckt, als ich feststellte, dass die Mutter sämtlichen Geburtsschmerz, Stress und alle Aufregung vergessen hatte, als sie ihr kleines Wunder in den Armen wiegte. Verständlich ist das – aber erstaunlich trotzdem. Nach ein paar Blutabnahmen und Betreuung stationärer Patientinnen beendete ich meinen ereignisreichen Abend im Kreißsaal mit einem Lächeln im Gesicht.

 

 

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