• Bericht
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  • Romeo Rieker
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  • 18.10.2018

In der Klinik wird alles besser!?

In der Klinik hat man endlich den langersehnten Patientenkontakt. Oder etwa nicht?

 

 

Die bescheiden bemessenen Ferien nach dem Physikum sind vorbei. Mit großen Erwartungen, frisch gespitzten Kugelschreibern und einer soliden Portion Selbstvertrauen startete ich letztes Jahr in die Klinik.

Jetzt aber so richtig ran an die Praxis: Bücher weg, Stethoskope raus und Skalpelle gewetzt! Der Citratzyklus war gestern, jetzt fieberte ich dem sagenumwobenen Patientenkontakt entgegen, der in den letzten zwei Jahren ein nur allzu scheues Reh im Theoriewald war.

Bevor die Vorlesungen begannen, hieß es für mich erstmal zurück in den Präpariersaal. Denn dank Physikum und ganz passablen Noten im Präparierkurs, hatte ich mich schon im Vorfeld erfolgreich als Präptutor beworben. Um meine „Küken“ auch sicher durch das anstrengende Semester und die entscheidenden Prüfungen begleiten zu können, wiederholte ich mit ihnen die wichtigen Präparierschritte.

So weit so schön. Jetzt kommt das Neue, Unbekannte, die Praxis. Richtig?
Moment! Bevor es los geht, steht noch das halbjährliche Anmeldungschaos für die Kurse und Vorlesungen an. Die „Übersichtsblätter“ taugen leider nur dazu, den Blutdruck in die Höhe zu treiben und ich ging bei den beliebten U-Kursen leer aus.
Macht nichts - Hauptsache jetzt Köpfer ins Neue!?

Jein.
Natürlich waren meine Erwartungen gelinde gesagt naiv, was die Klinik angeht. Denn die Fächer Mikrobiologie, Humangenetik, Pharmakologie und dergleichen füllen auch im 5. Semester die Vorlesungspläne zu genüge.
Nichtsdestotrotz, in Genetik sehe ich ihn dann doch tatsächlich zum ersten Mal – den Patienten.
Hier bemüht man sich nämlich Patienten einzuladen, die an den anschließend thematisierten Krankheiten leiden. Anders hingegen Mibi und Pharma, die dem altbekannten Muster aus Theorie mit praktischem Bezug – wobei letzterer natürlich weit stärker als noch in der Vorklinik betont wird – folgen.

„Dank“ meines Tutoriats, das ich im Übrigen jederzeit wieder machen würde, verpasste ich zwangsläufig rund 2/3 der Vorlesungszeit, was sich mir als sonst treuem Vorlesungspilger in der Klausurenphase noch rächen sollte. Alles in allem kein sonderlich befriedigender Start, verglichen mit meinen kühnen Vorstellungen, aber natürlich auch kein Weltuntergang.
Die Mibi Vorlesungen sind vor allem aufgrund der Bakteriologie und Parasitologie durchaus kurzweilig und bei Themen wie etwa „sexuell übertragbare Krankheiten“ mit allerhand anschaulichem Bildmaterial untermauert.
Zwischen Vorlesungen, Präp-Kurs und dem ein oder anderen Mibi-Praktikum, in dem die Beispielfälle mit viel Humor und Liebe zum Detail gestaltet sind, plätscherte das erste Semester als cand. med. durchaus angenehm vor sich hin. Immer mal wieder unterbrochen durch POL-Abende und Akute Notfälle, an denen ich sogar tatsächlich mal PRAKTISCHES Procedere lernte. Beispielsweise die Mund-zu-Mund-Beatmung mit und ohne Zunge und Ähnliches. Die erste Pharma-Klausur kam und ging wegen der ein oder anderen Rahmenbedingung auch locker flockig von der Hand. So könnte es gut und gerne weitergehen.

Tut es (leider) nur nicht, denn wer hätte es nur ahnen können. Wie in jedem Semester nahte gegen Ende unwiederbringlich die Prüfungsphase, und mit ihr kam das Erwachen, dass die Vorlesungen allen Ernstes die Frechheit besessen haben, auch in meiner Abwesenheit beachtliche Fortschritte zu machen.
Gut, insgeheim gewusst hatte ich es natürlich schon vorher, aber die Verdrängung ist doch viel zu schön, um nicht auch mal angewendet zu werden.

Hilft aber alles nix – also ran an den Speck!
Jetzt rächte sich für mich leider, dass ich von Vielem dank konsequenter Abwesenheit in der Vorlesung noch nie was gehört hatte. Ich griff zur alt bewährten Taktik: Karteikarten.
Im Fall von Mibi hieß das: Jedes Bakterium, jeder Pilz, jeder Parasit eine Karte. Stoffwechsel, Kolonieform, Gramverhalten, Krankheitsbilder, Therapie und, und, und.
Vieles musste ich in Büchern und Vorlesungen nachschlagen. Spätestens hier begann sich Unmut in mir zu regen. Unmut darüber, jedes noch so kleine Parasitchen – Fallzahlen von drei (!) in der gesamten BRD 2015 sind nicht ungewöhnlich – zu lernen und zu allem Unglück auch noch in einer mündlichen Prüfung abperformen zu dürfen.
Also nicht „bloß“ passiv abrufen und 20% Ratewahrscheinlichkeit in der Hinterhand haben - ne, ne, ne ! Aktiv runterbeten – alle 5 426 438 Erreger (Anzahl leicht dramatisiert).

All das könnte rückblickend dazu beigetragen haben, dass ich der Bakteriologie und Parasitologie seither mit Ressentiments gegenüberstehe - so kann man nebenbei auch vortrefflich von der eigenen Faulheit das Semester über ablenken.

Gebüffelt wie ein Blöder und ab zur Prüfung. Hier hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, zufällig eine Karte mit einem Fallbeispiel samt Erreger zu ziehen. Zum Glück stand auf meiner Karte Staphylococcus aureus samt Pseudomonas aeruginosa. Andere hatten Pech und zogen eine kryptische Beschreibung der Amöbenruhr. Trotzdem: Die Mikrobiologen wollen euch nichts Böses.

Die gute Nachricht ist, dass selbst, wenn es hier und in der anschließenden schriftlichen Prüfung absolut katastrophal laufen sollte (was es nicht tun wird, aber selbst wenn), ihr immer noch bestehen könnt. Denn die Punkte aller Mibi-Fächer werden kumuliert und ihr könnt mit Immunologie, Virologie und Transfusionsmedizin im nächsten Semester so manchen Schnitzer noch ausbügeln. Ein paar Punkte Puffer schaden dem Gewissen trotzdem keinesfalls.

Leider schreiten nicht nur die Vorlesungen der Mikrobiologie mit oder ohne euch voran. Das Pharma-Institut hat dankenswerterweise das entsprechende Lehrbuch von Thieme lizensiert und stellt es euch kostenlos zur Verfügung. In den anderen Fächern kann ich euch wärmstens die Kurzlehrbücher von Thieme empfehlen. Keine Sorge, das tu ich nicht (nur), weil die Thieme Redaktion gerade einen Revolver an den Kopf eines zuckersüßen Hundewelpen hält, nein, die Bücher können tatsächlich was. Ein Gang in die Bib oder zum Dealer deines Vertrauens lohnen sich.

Nach dem Semester bietet sich die Gelegenheit zur heißerwarteten Famulatur. So verlockend der Gedanke auch war, hatte ich doch zwischen Physikum und 5. Semester so gut und knapp nur eine Woche Ferien gehabt und entschloss mich erstmal original gar nichts außer Nasebohren zu machen – muss auch mal sein.
Auf den Boden der Tatsachen zurückbefördert, blickte ich auf mein erstes klinisches Semester zurück und hoffte insgeheim auf das kommende, das doch sicherlich in manchen Teilen ein bisschen besser werden könnte – kleiner Spoiler: tat’s auch.

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