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  • Raphael Schenk
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  • 19.01.2011

Kommunikation mit Sterbenden

Niemand redet gerne über das Sterben. Auch Ärzte nicht. So ist es wohl kaum verwunderlich, wenn Studien zeigen, dass Ärzte und Pflegende die Patientenzimmer Sterbender regelrecht meiden und die Kontaktzeiten mit ihnen signifikant kürzer sind als mit anderen Patienten. Doch es geht auch anders.

Einmal im Jahr bietet das Institut für Ethik und Kommunikation im Gesundheitswesen (IEKG) der Universität Witten/Herdecke im Rahmen der palliativmedizinischen Ausbildung das Seminar "Kommunikation mit Sterbenden" an. Das leitende Team besteht aus einem Arzt, einer Psychologin und geschulten Mitarbeitern.
An einem verschneiten Novembermorgen sitzen mit mir etwa 20 Teilnehmer in einem Stuhlkreis. Noch etwas fröstelnd von den winterlichen Temperaturen sind wir gespannt darauf, was uns im Kurs erwarten wird.

Schon im Pflegedienstpraktikum begegnen Studenten dem Tod

Mit der Frage: "Wer hat schon mal einen Toten gesehen?" wird das Seminar eröffnet. Alle Hände gehen nach oben. Auch die Frage: "Wer hat schon mal einen Menschen sterben sehen?" bejahen fast alle Studenten.
Während der Vorstellungsrunde berichten die Studenten von ihren Erlebnissen mit dem Tod und Sterbenden. Schnell breitet sich eine intensive und schwere Stimmung im Raum aus. Aber es sind nicht nur traurige und schockierende Berichte dabei, sondern auch schöne und lustige.
Viele Teilnehmer berichten, dass sie sich insbesondere bei Todesereignissen im Krankenhaus oft hilflos und allein gelassen gefühlt haben. Zudem habe kein Austausch über das Erlebte stattgefunden.

"Breaking bad news"

Die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Tod beginnen aber nicht erst beim Eintreten desselben, sondern oft viel früher. Nämlich direkt nach der Diagnose einer lebensbegrenzenden Erkrankung. "Breaking bad news" - das "Überbringen schwieriger Nachrichten" ist der Schlüsselbegriff für die Situation, in welcher einem Patienten eine schlechte Prognose mitgeteilt werden muss.

 

Das SPIKES-Modell

Kann man das Überbringen schwieriger Nachrichten erlernen? Ja, glauben die Seminarleiter und erläutern das SPIKES-Modell. Die sechs Buchstaben sollen als Struktur für ein solches Gespräch dienen:
Das "S" steht für "Setting" - die Gestaltung eines geeigneten Gesprächsumfeldes, "P" steht für "Perception" - das Ermitteln des aktuellen Wissenstandes des Patienten, "I" steht für "Invitation"- das Einladen zum Gespräch, "K" steht für "Knowledge" - das unmissverständliche Überbringen der Fakten, "E" steht für "Emotions" - das Wahrnehmen und Ansprechen der Gefühle des Patienten und schließlich "S" für "Strategy" beziehungsweise "Summary" - das Vereinbaren eines weiteren Handlungsplans.

Rollenspiele

Nun wird es konkret. Es folgen Rollenspiele, in denen das soeben theoretisch Erlernte praktisch erprobt und angewendet wird. Obwohl die Patienten von den Seminarleitern "nur" gespielt werden, wirken die Situationen erstaunlicherweise so real, dass auch mal eine kurze "Verschnaufpause" eingelegt werden muss.

 

Gespräche auf der Palliativstation

Dank der praktischen Übungen vergeht der Seminartag wie im Fluge. In den nächsten Monaten folgt nun die "Feldphase". Jeder Teilnehmer bekommt einen Patienten zugewiesen, welcher sich auf einer Palliativstation oder in einem Hospiz befindet und über seinen bevorstehenden Tod informiert ist. Mit diesen Patienten vereinbaren die Studenten jeweils drei bis fünf Gesprächstermine. Um was es in den Gesprächen geht, ist dem Studenten und Patienten selbst überlassen.

 

Reflexionsphase

Nach einiger Zeit werden sich die Studenten wieder in Kleingruppen zur Nachbesprechung treffen. Dann werden die Erfahrungen aus den Begegnungen gemeinsam mit Ärzten und Psychologen reflektiert.

 

Infos zum Seminar

Das Seminar ist zentrales Element zum Erlernen von Kommunikationsfähigkeiten an der Universität Witten/Herdecke. Eine genaue Beschreibung des Seminars, der Lehrmethodik und der Evaluationsergebnisse werden Ende 2011 in einem Lehrbuch veröffentlicht.

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