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  • 16.06.2014

Leben zwischen Forschung und Medizin - Interview mit Dr. Daniel Kraus

Medizinstudenten haben nach dem Studienabschluss zahlreiche Berufsfelder in denen sie tätig werden können. Ein Bereich ist zum Beispiel die Forschung. Doch wie sieht der Berufsalltag eines Forschers aus, der gleichzeitig noch als Arzt arbeitet? Lokalredakteur Thomas Lux hat den Würzburger Forscher Dr. Kraus gefragt.

 

Daniel Kraus - Foto: privat

Dr. Daniel Kraus - Foto: privat

 

> Herr Dr. Kraus, Sie haben Medizin studiert und arbeiten nun am Universitätsklinikum Würzburg auf der Nephrologischen Station. Wollten Sie schon immer Arzt werden?

Früher wollte ich immer etwas naturwissenschaftliches studieren, wurde jedoch durch meinen Zivildienst auf die Medizin aufmerksam. Die Mischung aus angewandter Wissenschaft und Menschenkontakt hat mich besonders gereizt.

 

> Wo haben Sie studiert?

Begonnen habe ich mein Studium in Marburg, eine Stadt, die sich durch die sehr hohe Studentendichte auszeichnet. Jedoch herrschte nach dem Physikum eine allgemeine Aufbruchsstimmung im Freundeskreis. Letztlich verschlug es mich dann bis zum Ende des Studiums nach Lübeck.

 

> Neben dem Arztberuf sind Sie mit Leib und Seele Forscher. Haben Sie Ihre Doktorarbeit auch schon im Labor gemacht?

Ja. Während des Studiums habe ich ein Semester pausiert um meinen Fokus ganz dem Labor zu widmen. Mein Doktorvater war kurz zuvor im Anschluss an seinen Postdoc aus Boston zurückgekehrt. Das Thema (Leptin) ging schon damals in eine ähnliche Richtung wie meine heutige Arbeit. Obwohl es eine experimentelle Arbeit war, gelang es mir, die Dissertation zum Ende des Studiums fertigzustellen und auch zu verteidigen. Das war ganz wichtig.Inzwischen betreue ich selbst Dissertationen und bin mit meinen Doktoranten immer wieder im Dialog darüber, wieviel Zeit man für die Doktorarbeit  veranschlagen soll. Meiner Meinung nach hängt es auch davon ab, wofür man die Arbeit verfasst: Wenn es nur darum geht, den Doktorgrad zu erwerben, ist es nicht zwangsweise notwendig eine Auszeit vom Studium zu nehmen. Wer jedoch über die Dissertation hinaus wissenschaftlich arbeiten möchte, sollte schon mit der Doktorarbeit die Grundlagen legen und mehr investieren.

 

> Im Zuge Ihrer Forschung waren sie in Boston. Wie kam es dazu?

Nach meinen ersten Schritten im Berufsleben stellte sich die Frage, wie es nun weitergehen soll. In solch einer Situation kann ein sogenannter "Postdoc" neue Impulse geben. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft vergibt Forschungsstipendien. Ich habe mich um eines beworben und bin zu der Arbeitsgruppe gegangen, deren Forschung mich schon als Doktorand beeindruckt hatte.

 

> Sie haben gerade Ihre Arbeit im Journal Nature veröffentlicht. Das Autorenteam des Nature-Artikels war multikulturell, wie kommt das zustande?

Professor Kahn, meine Bostoner Mentorin ist wie die meisten erfolgreichen Wissenschaftler sehr gut vernetzt. Man versucht heute nicht mehr, alle Methoden im eigenen Labor zu etablieren, sondern holt nach Möglichkeit die richtigen Fachleute mit ins Projekt. "Don't re-invent the wheel" ist die Maxime. Hier zeigt sich wieder, wie essentiell der Austausch von Informationen und Kontakten ist.

 

> Wie läuft Ihr Arbeitstag zwischen Klinik und Forschung ab?

Meist steht tagsüber zunächst der Arztberuf per se im Vordergrund und nachmittags/abends wird im Labor geforscht – dies geht manchmal nur mit Abstrichen im Privatleben und sorgt dann und wann für sehr viel Arbeit. Wichtig ist, dass man sich mit seinem wissenschaftlichen Projekt identifiziert, dann wird man für den Aufwand belohnt. Jedoch gibt es auch die Möglichkeit, sich für ein halbes oder ein Jahr von seinen Klinikaufgaben befreien zu lassen um in Vollzeit zu forschen.

 

> Bleibt dabei noch viel Zeit für die Familie und das Privatleben?

Ja. Man sollte natürlich nicht erwarten, auch noch zeitintensive Hobbies mit Arztberuf, Forschung und Familie vereinbaren zu können. Jedoch sind Fokus und ein Händchen für effektive Organisation auch hier stets hilfreich.

 

> Denken Sie, Frauen haben es schwerer, Forschung und Kinder zu vereinbaren?

Ich bin nicht sicher ob ich diese Frage als Mann vollends beantworten kann, da meine Frau auch in der Forschung tätig ist versuche ich es trotzdem. Vor kurzem kam unser Sohn auf die Welt, da verändern sich erstmal die Prioritäten. Vielleicht kann man sich heute Auszeiten für die Familie besser leisten denn je. Die Drittmittelgeber (z.B. DFG) berücksichtigen offenbar inzwischen auch nachvollziehbare "Lücken" in einem wissenschaftlichen Lebenslauf.

 

> In den letzten Jahren wurde im Medizinstudium viel reformiert und mit dem Modellstudiengang ändert sich das Konzept sogar grundlegend, was halten Sie davon?

Ich bin ja nur noch interessierter Beobachter des Medizinstudiums. Mir scheint, durch die immer stärkere Betonung der frühen klinisch-praktischen Ausbildung wird die zugegebenermaßen trockene Vermittlung der theoretischen Grundlagen etwas vernachlässigt. Das fing Ende des letzten Jahrtausends, als ich studiert habe, schon an. Aus meiner Sicht ist aber ein solides theoretisches Fundament Voraussetzung dafür, den praktischen Bezug später herstellen zu können. Inzwischen ist das Medizinstudium sehr starr, ich sehe das bei meinen Doktoranden. Es ist nicht mehr so sehr Hochschulstudium als praktische Berufsausbildung. Dabei waren Ärzte seit Jahrhunderten immer auch Wissenschaftler. Um das zu werden, braucht man im Studium Raum zur Entfaltung. Dieses Land hat mit heute archaisch anmutenden Studiengängen zahllose große forschende Ärzte hervorgebracht; ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt. Ich denke, durch die sehr frühe Praxisnähe des Studiums geht grade an den wissenschaftlichen Grundfesten des Studiums viel verloren. Da der Arzt in meinen Augen nicht nur ein rein Ausführendes Organ, sondern vielmehr ein praxisbezogener Wissenschaftler mit fundiertem Grundwissen ist, hat das bisherige System einen für mich durch das Neue nicht ersetzbaren Reiz. Dies hat sich im internationalen Vergleich auch insofern gezeigt, dass deutsche Ärzte grundlagentechnisch stets sehr angesehen und vorne dabei waren.  

 

> Was halten Sie von der Möglichkeit, Begleitstudiengänge wie hier in Würzburg zum Thema klinische Forschung und Epidemiologie, oder gar ein Doppelstudium zu besuchen?

Diese Möglichkeit ist gerade für spätere Forscher interessant und durchaus sinnvoll, dennoch sollte keinesfalls den Fehler begehen, sich selbst zu überschätzen. Man muss für beide Studiengänge ausreichend Energie haben. Das will gut abgewogen sein.

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