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  • Anne-Sophie Mehdorn
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  • 17.01.2011

Das Würzburger Philosophicum für Mediziner

Wer aufmerksam die Neuigkeiten auf der Seite des Dekanates liest, dem ist im letzten Semester sicherlich eine Veranstaltungsankündigung besonders ins Auge gefallen: Das Würzburger Philosophicum für Mediziner wurde angekündigt. Nun bereits im zweiten Semester angelangt, habe ich dieses Philosophicum unter die Lupe genommen.

Auf Nachfragen mehrerer Studenten, die erfahren hatten, dass der ehemalige Oberarzt der Herz-Thorax-Chirurgie, Privat-Dozent Dr. Thomas Bohrer, sich "nebenbei" noch mit der Philosophie beschäftigt und sogar einen Mastergrad in diesem Fach erworben hat, initiierte dieser nach einjähriger Vorbereitung zu Beginn des Sommersemesters 2010 das erste Würzburger Philosophicum.

Für viele Studenten stellt diese Veranstaltung ein Novum dar; schließlich ist das Medizinstudium äußerst stark naturwissenschaftlich geprägt: Außer "ein wenig" medizinischer Psychologie sowie Geschichte und Ethik der Medizin, müssen die Studenten während des Studiums keinerlei Exkurse in derart wacklige Gebiete unternehmen, sondern können sich fest an dem Faktenwissen der Lehrbücher orientieren.

Geschichte der Philosophie im Medizinstudium

Ein Novum ist die Philosphie im Medizinstudium gar nicht: Bis 1861 hatten die Medizinstudenten im damaligen Preußen eine philosophische Prüfung als Vorprüfung abzulegen. Seitdem jedoch wurde vielen Ärztegenerationen das Physikum mit all seinen Fakten und naturwissenschaftlich bewiesenen Erkenntnissen - so wie wir es kennen - abgenommen.

Vergessen wird in diesem Zusammenhang allerdings, dass nicht nur derjenige ein guter Arzt ist, der die Fakten am besten beherrscht, sondern dass auch weitere, so genannte weiche "Faktoren" zum Heilungserfolg beitragen können. Schließlich waren auch einige der alten Griechen nicht nur ärztlich, sondern auch philosophisch gebildet - oder sollte man lieber sagen, nicht nur philosophisch, sondern auch ärztlich. Tertullian, Autor und Christ im Antiken Rom, nannte die Philosophie sogar "die Schwester der Medizin" (medicina soror philosophiae; De Anima).

Termine, Ablauf und Dozenten

Jeden zweiten Donnerstag um 18.00 Uhr s.t. findet das Würzburger Philosophicum im großen Hörsaal im ZOM statt. Das Philosophicum soll "eine allgemeine und verständliche Einführung in die Philosophie und ihre Teilgebiete unter praxisrelevanter ärztlicher Perspektive" geben. Die Themen reichen von Berufsethik über Fehlermanagement in der Medizin aus philosophischer Sicht, bis hin zu historischen Ausblicken und Fragen wie: Wozu braucht der praktische Arzt Philosophie?

Als Dozenten konnten neben PD. Dr. Bohrer weitere Würzburger Ärzte, wie zum Beispiel der Leiter der Pneumologie Prof. Dr. Schmidt oder Prof. Dr. Stolberg, Leiter des Institutes für Ethik und Geschichte der Medizin, aber auch Prof. Dr. Königshausen vom Institut für praktische Philosophie, gewonnen werden.

Die Veranstaltung wird von den Studenten bis jetzt gut angenommen, vielleicht auch, weil sie so anders ist als die übrigen. Sie unterscheidet sich bereits durch eine Banalität: Freiwillig sitzen die Zuhörer in den ersten Reihen des Hörsaals. Allerdings sind diese Zuhörer gar nicht nur Studenten, sondern auch Ärzte und Mitarbeiter des Klinikums. Dieses gemischte Publikum erlangt in den anschließenden Diskussionen eine besondere Bedeutung: Annähernd auf Augenhöhe können sich die Teilnehmer austauschen und Probleme diskutieren. Dabei gibt es viele praktische Hinweise seitens der Erfahreneren.

Die Themen sind so gewählt, dass eine große Bandbreite abgedeckt wird und Interessierte wichtige Bauteile für eine gute Allgemeinbildung erhalten.

Zu den Vorträgen können anschließend Fragen gestellt werden. So kann man von den Vortragenden erfahren, was es heißt, "Authentizität und innere Haltung" zu verkörpern und zu leben. Schließlich stehen dort Vortragende, die viele der diskutierten Situationen, bereits selbst erlebt haben.

Problematisch ist leider eine Eigenschaft des typischen Medizinstudenten: Er lernt Fakten auswendig und kann diese meist ordentlich wiedergeben. Die Fähigkeit, seine eigene Meinung oder Haltung zu einer Sache zu vertreten, besonders gegenüber älteren, geht manch einem während des Studiums jedoch verloren, sodass die finalen Diskussionen etwas schleppend wirken können. Aber natürlich kann dies auch darauf zurück zu führen sein, dass die Studenten durch die Vielzahl an neuen Eindrücken und Informationen erschlagen sind.

Fazit:

Das Philosophicum ist sehr empfehlenswert für alle, die gerne Denkanstöße außerhalb des regulären Unialltags erfahren möchten. Hier ist es auch möglich, praktische Dinge, die sonst nicht gelehrt werden, zu erlernen und über das eigene Denken und Handeln reflektieren.

Quellen: Die Medizin ist Schwester der Philosophie - warum wir heute wieder ein Philosophicum brauchen (T. Bohrer(1), M. Schmidt(2), G. Rüter(3), J. Königshausen(4))

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