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  • Anne-Sophie Mehdorn
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  • 04.01.2012

Studieren in Deutschland

Jedes Mal, wenn ein Jahr zu Ende geht, gibt es auf einmal viele Rückblicke: Jahresrückblicke, Jahrzehntrückblicke, Monatsrückblicke. Es wird überlegt, was war, was ist und was kommen könnte. Anne-Sophie Mehdorn blickt in diesem Jahr darauf zurück, wie es ausländischen Studenten gefallen hat, in Würzburg Medizin zu studieren.

Schon seit Beginn der Neuzeit - möglicherweise sogar länger - reisen Studenten und andere Gelehrte in fremde Länder an dortige Universitäten. Die Wissbegierigen wollen so auch das Land mit seinen jeweiligen Sitten und die Vor-oder Nachteile kennen lernen. Schließlich wollen sie vom Wissen aus der Fremde zu profitieren.

Der berühmte Johann Wolfgang von Goethe reiste zweimal (1786 bis 1788 und 1790) nach Italien, um dort neue Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln. Auch an unserer Julius-Maximilians-Universität in Würzburg hat das Reisen und Bilden im Ausland eine lange Tradition: So war unter anderem Philipp Franz von Siebold mehrfach als erster Deutscher in Japan (11. 08. 1823 - 2. 02. 1829, 4. 08. 1859 30.04.1862) und hat das deutsche Bild vom fernen Osten bis heute stark geprägt.

Heutzutage gibt es eine Vielzahl an offiziellen Institutionen und Programmen, die es Studenten ermöglichen, ins Ausland zu gehen. Bekannteste Vertreter sind der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD, Gründung 1925), der auch seit 1987 das bekannte Erasmusprogramm koordiniert. Auch das Deutsch-Französische Jugendwerk von 1965 sowie der BVMD ermöglichen ebenfalls vielen Medizinstudenten einen Auslandsaufenthalt.

Aber nicht nur wir deutschen Studenten machen uns auf in ferne Länder. Deutschland selbst ist ein beliebter Gastgeber für ausländische Studenten. Dabei verfügt die Universität Würzburg aktuell über mehr als 300 Austauschprogramme (laut studentenpilot.de). Das Angebot reicht in diesem Bereich von Auslandssemestern, über Praktika zu Promotionsaufenthalten im Ausland. Die ältesten Kooperationsvereinbarungen mit anderen Hochschulen stammen aus den 1960 er Jahren und halten bis heute. (Padua, Italien und Caen, Frankreich).

Auch die medizinische Fakultät ist ein beliebtes Ziel für ausländische Studierende: Vom SS 1999 bis zum jetzigen WS 2011/2012 waren pro Semester zwischen zwei und 18 ausländische Programmstudenten, zwischen zwei und zehn Promotionsstudenten und zwischen 100 und 147 "normale" Studenten eingeschrieben. Aktuell lernen wir zusammen mit 168 ausländische Studierende zusammen.

Ich habe mich mit vier Studentinnen aus drei verschiedenen Ländern getroffen und sie zu ihrem Aufenthalt hier in Würzburg befragt.

 

Aliki Lida Tsagr (24 Jahre, Tessaloniki, Griechenland war in ihrem 6. Jahr für vier Monate in Würzburg)

> Was war der größte Unterschied zu deiner Uni?

Der größte Unterschied für mich war, dass die PJler wirklich Verantwortung trugen. In meiner Uni sollte das 6. Jahr ebenfalls ein praktisches Jahr sein, aber dort sind die Studenten nicht für Patientenaufnahmen zuständig. Sie visitieren die Patienten lediglich, wenn diese schon aufgenommen sind.

 

> Die Studenten hier beschweren sich immer über die wenig praktische Ausbildung in Deutschland und viele von uns verlassen Deutschland im letzten Jahr oder nach dem Staatsexamen. Siehst Du trotzdem irgendwelche Vorteile im deutschen System?

Die Vorteile des deutschen Systems sind meiner Meinung nach die gute Organisation und der Punkt, dass die Studenten früh die Möglichkeit haben, praktisch zu arbeiten (Famulatur, Block-Praktikum, praktisches Jahr).

 

> Würdest Du einem Freund empfehlen, Zeit an einer deutschen Uni zu verbringen?

Ja. Das deutsche System ist zwar nicht das beste für Ausländer, aber es kann dennoch einen gute Erfahrung sein, wenn man die richtigen Leute trifft.

 

Karolina Mohr (23 Jahre, Stettin, Polen ist in ihrem 5. Jahr (vorletzten) für ein Jahr in Würzburg) und Magdalena Mrowick (24 Jahre, Stettin, Polen war in ihrem letzten Jahr für ein halbes Jahr hier)

> Was war der größte Unterschied zu deiner Uni?

Karolina: Der größte Unterschied: Es gibt viele Vorlesungen, die nicht verpflichtend sind und sehr wenig Praktikum. In Polen haben wir in den letzten zwei Jahren jeden Tag Pflichtpraktika. In Deutschland spricht man außerdem sehr viel über Differenzialdiagnosen, Symptome und Befunde. Die Ärzte fragen, welche Diagnostik gemacht werden muss, man überspringt Details und wiederholt die Hauptsachen: Das ist ein sehr großer Vorteil!

Magdalena: Der größte Unterschied ist meiner Meinung nach, dass man in Polen sechs Jahre studiert ohne praktisches Jahr. Das praktische Jahr ist dann das 7. Jahr, aber wir haben bereits einen Universitätsabschluss, allerdings mit eingeschränkten Befugnissen.

In Polen haben wir viele praktische Übungen, besonders im 5. und 6. Jahr. Wir sind jeden Tag im Krankenhaus und haben Kontakt zu den Kranken. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass unsere Vorlesungen schlechter sind, da wir dort keine Patienten sehen. Wir sitzen einfach für zwei Stunden herum und schlafen. In Deutschland sind die Vorlesungen wirklich interessant.

 

> Die Studenten hier beschweren sich immer über die wenig praktische Ausbildung in Deutschland und viele von uns verlassen Deutschland im letzten Jahr oder nach dem Staatsexamen. Siehst Du trotzdem irgendwelche Vorteile im deutschen System?

Magdalena: Ich würde einem Freund empfehlen nach Deutschland zu gehen, da es eine gute Möglichkeit ist, zwei medizinische Systeme miteinander zu vergleichen. Es ist außerdem eine beachtliche Erfahrung und außerdem ein Abenteuer. Ich hätte auch nach Leipzig oder Dresden gehen können, doch Würzburg war für mich die beste Möglichkeit, da es die schönste Stadt und gleichzeitig die am weitesten entfernte war.

Karolina: Ich wollte mit Magdalena in einem Stadt gehen. Trotzdem würde ich das deutsche Medizinstudium empfehlen, aber für das 3. Jahr, weil ich jetzt sehr viele Praktika verpasse, die ich in Polen machen würde. In den letzten beiden Jahren ist das besonders wichtig.

 

Ece Gürol (22 Jahre, Istanbul, Türkei war in ihrem 5. Jahr für vier Monate in Würzburg)

> Was war der größte Unterschied zu deiner Uni?

Der größte Unterschied zwischen meiner Uni und der Uni Würzburg waren die praktischen Übungen. Wir müssen sehr viel mehr praktischer arbeiten während unserer klinischen Semester (die letzten drei Jahre des Studiums). Studenten habe die Möglichkeit, mit den Professoren in kleinen Gruppen auf den Stationen, in der Poliklinik und im OP zu lernen.

 

> Die Studenten hier beschweren sich immer über die wenig praktische Ausbildung in Deutschland und viele von uns verlassen Deutschland im letzten Jahr oder nach dem Staatsexamen. Siehst Du trotzdem irgendwelche Vorteile im deutschen System?

Wir haben viel mehr Möglichkeiten zu praktischen Übungen, da die Krankendichte höher ist. Es ist ein Nachteil, dass die deutschen Studenten nicht so viel üben können. Auf der anderen Seite ist es viel koordinierter im Krankenhaus, weil die ärztliche Seite den Patienten viel näher ist.

> Würdest Du einem Freund empfehlen, nach Deutschland zu gehen?

Ich würde einem Freund wärmstens empfehlen, Zeit an der Uni Würzburg zu verbringen, um das andere System und die deutsche Disziplin kennen zu lernen.

> Danke schön an alle Interviepwartner!

Für weitere Informationen:

www.studentenpilot.de

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Partnerschaftsprogramme der Uni Würzburg

www.djfw.de

 

Oder wendet euch an Frau Moll aus dem Dekanat (zuständig für Auslandsaufenthalte)

Moll_B@klinik.uni-wuerzburg.de

 

 

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