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  • Ulrike Rostan
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  • 14.12.2009

Spielfilm: Dr. Alemán

Der 26-jährige Medizinstudent Marc Jimenez-Tränker verbringt ein Tertial seines Praktischen Jahres in Cali, Kolumbien, einer der gefährlichsten Städte Lateinamerikas. Im Krankenhaus wird er täglich mit Schussverletzten konfrontiert - alle Opfer eines schwelenden Bandenkrieges im Stadtviertel Siloé. Marc stürzt sich selbst trotz aller Warnungen in das Leben des Armenviertels und hat die Geschehnisse bald nicht mehr im Griff. Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit.

 

Marc (August Diehl) nutzt wie viele Medizinstudenten das Praktische Jahr, um eine ganz andere Welt kennen zu lernen. Er sieht darin die Gelegenheit, aus der Enge seiner Frankfurter Heimat und aus der Enge des reglementierten Medizinstudiums für eine Weile auszubrechen. Endlich das richtige Leben kennen lernen in der Hoffnung, für kurze Zeit Teil dieser anderen Realität zu werden. Er schlägt die Warnungen seiner kolumbianischen Gastfamilie in den Wind und ist im Armenviertel Siloé zu Fuß unterwegs, als gehöre er zu dessen Bewohnern und habe vor ihnen nichts zu befürchten. Seiner verzerrte Wunschvorstellung, hier endlich authentische Erfahrungen machen zu können, trübt seinen Blick für die wahren Verhältnisse.

Er lernt Wanda (Marleyda Soto), die Kioskbesitzerin kennen, die sich nebenbei um Straßenkinder kümmert, spielt mit Kleinkriminellen und Drogendealern Fußball. Als Dr. Alemán ist er im Viertel schnell bekannt, fängt an, Drogen zu konsumieren, wird ausgeraubt und erkennt doch nicht die Gefährlichkeit seines Tuns. Am Ende wird Wanda, in die er sich verliebt hat, ihn fragen, ob er nicht bemerkt habe, dass die Straßenkinder ihn die ganze Zeit über beschützt hätten.

Die Lage spitzt sich zu, als Marc dem gefährlichsten Mörder des Viertels, El Juez (Victor Villegas), gegenübersteht. Der Drogenboss stellt ihn vor die Wahl, sich für eine Seite zu entscheiden. Marc erkennt, dass er zu tief in die Geschehnisse verwickelt ist, um neutral zu bleiben. Die Möglichkeit des Ausstiegs hat er verpasst, ja gar nicht daran gedacht, so sehr fühlte er sich schon zugehörig in Siloé. Eine schmerzlich Fehleinschätzung für ihn und mit tragischen Folgen für andere.

 

Briefe aus Kolumbien

Dr. Alemán beruht auf den Briefen eines früheren Schulfreundes von Tom Schreiber, Regisseur des Films. Dieser Schulfreund, ein Medizinstudent, berichtete darin regelmäßig über seinen Aufenthalt während des Praktischen Jahres in Kolumbien. Waren die Briefe anfangs noch voller Abenteuerlust und Erzählfreude über das Krankenhaus, das Viertel Siloé, die Mädchen und seine ersten Kontakte zu Drogen, änderte sich der Stil plötzlich. Der Schulfreund schien die Dinge nicht mehr zu überblicken und sich in komplizierte Geschehnisse zu verwickeln. Dabei wollte er seine romantische Sicht auf die Dinge nicht aufgeben, auch wenn er sich in immer größere Gefahren brachte.

Der Film setzt sich mit dem Wunsch auseinander, kulturelle Brücken ganz überwinden zu können - alleine mit der naiven Vorstellung, andere vorbehaltlos zu akzeptieren und damit selbst so vorbehaltlos aufgenommen zu werden. Dass dabei die eigene Sozialisation und die kulturell bedingten Verhaltensunterschiede und Wertvorstellungen im Weg stehen, erkennt der Protagonist nicht - oder zu spät. Als Filmbesucher würde man gerne wissen, ob das Ende des Films auch dem tatsächlichen Ende der Geschichte entspricht. Doch an diese Stelle tritt vielleicht auch die künstlerische Freiheitund lässt Raum für eigene Spekulationen.

Der "wahre" Marc ist übrigens inzwischen Anästhesist in New York.

Rasantes Tempo

Die Rollen von Marc und Wanda sind mit dem deutschen Schauspieler August Diehl und der kolumbianischen Theaterschauspielerin Marleyda Soto perfekt besetzt. Diehl gelingt es bis zum Schluss, überzeugend einen Menschen zu spielen, der permanent eins auf die Mütze bekommt, veralbert und herausgefordert wird - sowohl von den Ärzten im Krankenhaus und den Straßenkindern im Viertel, als auch von der Tochter der Gastfamilie und der daraus scheinbar keine Konsequenzen zieht - weder flieht noch angreift. Sein "normales" Aussehen trägt dazu bei, dass man ihm die Rolle abnimmt. Denn er unterscheidet sich doch deutlich von den glattgesichtigen Protagonisten gängiger TV-Ärzteserien.

Marleyda Soto spielt die Rolle der Kioskbesitzerin und kurzzeitigen Geliebten von Marc als vom Schicksal gebeutelten jungen Frau, im Hier und Jetzt lebend, ohne romantische Vorstellungen und ohne Wunsch nach einer besseren Welt, die sie sowieso nicht kennt. Ihr helfen dabei die eigenen Erfahrungen - Soto stammt selbst aus einem Viertel wie Siloé und ihre Mutter ist Kioskbesitzerin.

Die Filmemacher haben sich lange mit dem südamerikanischen Leben in Vorstadtvierteln auseinandergesetzt, bevor sie 2006 mit dem tatsächlichen Dreh in Siloé anfingen. Es wurde mit professionellen Schauspielern und Laiendarstellern gearbeitet, was dem Film eine hohe Authentizität gibt. Die Jugendlichen zwischen 9 und 24 Jahren wurden in mehrwöchigen Schauspielworkshops in Cali rekrutiert und haben nach Angaben von Oliver Keidel, Autor des Drehbuches, selbst Einfluss auf den Text der Geschichte genommen. Wenngleich die Story tatsächlich für eine wahre Geschichte fast zu unwirklich wirkt und an einigen Stellen durch das rasante Tempo zu wenig Zeit zum "Erzählen" bleibt, fesselt der Film bis zum Schluss.

Infos zum Film

Dr. Alemán
Kinostart am 14. August 2008
mit August Diehl, Marleyda Soto, Hernán
106 Min. / Deutschland 200
Tel.: Regie: Tom Schreiber
Fax : Drehbuch: Oliver Keidel

www.dr-aleman.de

 

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