• Bericht
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  • Daniel Stein
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  • 13.09.2018

Mein Weg ins Medizinstudium

Daniel wollte in Deutschland nicht länger auf einen Medizinstudienplatz warten. Nun studiert er in Tschechien und erzählt hier von seinen Erfahrungen.

 

 

Mehr als 45.000 angehende Studenten bewerben sich für das Medizinstudium jedes Jahr – nur ca. 9.000 bekommen einen Platz. Ohne einen Abitursschnitt von 1,3 ist es beinahe unmöglich ohne Umwege ins Studium zu kommen. Somit zieht es mehr und mehr Studenten ins Ausland um dort ihren Traumberuf zu studieren – und das ist nicht einmal etwas Schlechtes!

Mein Name ist Daniel Stein. Ich komme ursprünglich aus Berlin und studiere im 5. Jahr an der ersten medizinischen Universität in Prag. Mit meinem Abischnitt von 1,8 hatte ich in Deutschland keine Möglichkeit, direkt nach der Schule Medizin zu studieren und auf die Idee, im Ausland zu studieren, kam ich damals noch nicht. Also habe ich mich nach dem Abitur anderweitig engagiert, als Model und Schauspieler gearbeitet, ein medizinisches Vorstudium von drei Monaten angefangen und eine Ausbildung als Rettungssanitäter beendet.

 

Die Bewerbung für das Ausland

Ein Jahr später bewarb ich mich erneut auf einen Medizinstudienplatz in Deutschland – ohne Erfolg. Weil ich nicht noch ein Jahr warten wollte, habe ich mich im Internet nach weiteren Möglichkeiten erkundigt Medizin zu studieren. So kam ich auf die Idee im Ausland zu studieren.

Im Internet werben zahlreiche Agenturen dafür, einen bei der Bewerbung zu unterstützen und bei der Vorbereitung aufs Studium zu helfen. Ich habe mich jedoch gegen eine solche Agentur entschieden und direkt an der ersten medizinischen Fakultät telefonisch angefragt, wie ich mich auch ohne Agentur bewerben könne. Das hat dann auch wunderbar funktioniert.

Glücklicherweise spielte mein Durchschnitt bei der Bewerbung keine Rolle, jedoch musste ich einen Einstiegstest machen. Dieser bestand aus Multiple Choice Fragen zu den Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik. Besteht man mehr als 80%, wird man zu einem Interview eingeladen, in dem es hauptsächlich um die Motivation Medizin zu studieren geht. Beides habe ich erfolgreich hinter mich gebracht und war von da an ein offizieller Student der Universität.

Der Test und das Interview waren zwischen April und Juni, sodass ich noch genug Zeit hatte, mich aufs Studium vorzubereiten, eine Wohnung zu suchen, mein Englisch aufzufrischen und mich von meinen Freunden zu verabschieden.

Eine Woche vor Studienbeginn gab es eine sogenannte “Fresher’s week”, in der täglich Alt- und Neustudenten zusammenkommen, sich zum Bier verabreden, Bowling spielen gehen und andere Sachen zusammen unternehmen, um sich kennenzulernen und die wichtigsten Informationen zum anstehenden ersten Jahr besprechen.

 

Die Finanzierung

Die meisten Universitäten verlangen hohe Gebühren zwischen 10.000 und 13.000 Euro, und gerade vor dem Studium hatte ich starke Bedenken, dass ich das Studium nicht bezahlen könnte. Meine Eltern sind nicht wohlhabend und die Kfw (Studienkredit) unterstützt keine ausländischen Studiengänge.

Ich konnte jedoch Auslandsbafög beantragen und somit einen Teil der Studiengebühren im ersten Jahr decken. Studienkredite wie die Chancen EG und die Apobank bieten sich ebenfalls an. Obendrein können die Studiengebühren von der Steuer abgesetzt werden, wodurch ich eine Teilsumme zurückbekomme, sobald ich anfange zu arbeiten. Anzumerken sind die niedrigen Lebenserhaltungskosten sowie die günstigeren Mieten und Fahrtkosten. Damit spart man erheblich viel Geld auf das Jahr gerechnet.

 

Deutsch, Englisch und Tschechisch

Prag ist ein Katzen- oder eher Bussprung von Deutschland entfernt, sodass man innerhalb weniger Stunden wieder Zuhause ist. Deutsche findet man an jeder Ecke, nicht nur an der Universität, sodass ich oftmals vergas, im Ausland zu sein. Nun ist es natürlich berechtigt zu fragen, wie man mit zwei Fremdsprachen, Tschechisch und Englisch klarkommt. Als ich nach Prag kam, konnte ich kaum ein Wort  Englisch sprechen, aber innerhalb weniger Wochen und mit der Hilfe internationaler Studenten, hat sich das Problem schnell gelöst.

Und das Tschechisch? Mehrmals pro Woche hat man Tschechischunterricht, sowohl theoretischen als auch direkt am Patienten. Kleinere Tests jeden Monat stellen sicher, dass man die Sprache regelmäßig wiederholt und Tandemprogramme helfen dir, dich mit tschechischen Studenten auszutauschen. Wenn man sich ein wenig für die Sprache interessiert und sich dann auch noch mit den tschechischen Medizinstudenten anfreundet, ist die Sprache kein Problem.

 

Aufbau des Studiums und Wechsel nach Deutschland

Ähnlich wie in Deutschland besteht das Studium aus einem vorklinischen und einem klinischen Teil, jedoch gibt es kein Physikum. Jedes Fach wird mit einer Abschlussprüfung beendet, die aus einem schriftlichen, praktischen und mündlichen Part besteht. Im Studium sammelt man ETCS (Credits) und ist damit Teil des Bologna-Programms. Nach drei Jahren, und damit auch am Ende der Vorklinik, kann man sich somit in Deutschland das Physikum ohne Probleme anrechnen lassen – und sich für einen Wechsel zurück nach Deutschland bewerben.

Ich habe mich jedoch aus mehreren Gründen dagegen entschieden. Dank der multikulturellen Atmosphäre in Prag, den vielen Freundschaften und Möglichkeiten, möchte ich mich nicht von Prag trennen. Deutsche Universitäten nehmen im Jahr um die 800 Studenten auf, wohingegen in Prag nur 250 aufgenommen werden. Das macht sich schnell bemerkbar und gibt einem einen viel persönlicheren Draht zu Kommilitonen, aber auch den Professoren.

Zugegeben, die ersten drei Jahre waren nicht einfach, gerade auch durch das oben genannte Prüfungssystem, aber in der klinischen Phase haben sich die Vorteile des Systems schnell bemerkbar gemacht. Dank der Kooperation mit der Universitätsklinik Chemnitz, konnte ich Teile des Studiums sowie die Famulaturen in Chemnitz absolvieren und in Universitätsunterkünften kostenfrei leben. Dadurch habe ich auch den Draht zu Deutschland nicht verloren und die Beziehung zu Freunden und Familie hat es auch gestärkt, da ich die Zeit miteinander noch viel mehr wertschätzen gelernt habe.

 

Extrakurrikuläre Aktivitäten

Schon im ersten Jahr habe ich an der Universität an mehreren Forschungsprojekten teilgenommen. Professoren suchen immer motivierte Studenten, die frische Ideen einbringen. Sobald man ein Fach vollständig abgeschlossen hat, kann man sich ebenso als Lehrasisstent für die Physiologie, Anatomie, Pathologie und die klinischen Fächer bewerben.

Studenten können auch der Studienorganisation beitreten, deren Aufgabe es ist, das Studium kontinuierlich mit neuen Ideen zu verbessern, aber auch einen Ansprechpartner für Studenten zu sein, die Probleme haben. Die Organisation arbeitet hart daran, extrakurrikuläre Workshops anzubieten  – von Ultraschalltraining bis hin zu Notfallmanagement.

Möchte man sich außerhalb der Universität engagieren, bieten sich Gesundheitsverbände wie das Rote Kreuz, aber auch Gruppen wie “Stop Obesity!” und “Loono” an, die sich für die Krankheitsprävention oder die Allgemeinschaft einsetzen.

 

Meine Meinung

Für all jene, die nicht ewig auf einen Studienplatz warten möchten, ist Prag der perfekte Ort. Prag ist schnell zu erreichen und lässt dich dank der vielen deutschen Studenten schnell vergessen, dass du im Ausland studierst. Der enge Kontakt zu Professoren hilft ungemein sich zu verbessern, aber auch die Möglichkeiten sich zu engagieren, sind zahlreich. Ich bin nicht nur verhandlungssicher im Englischen geworden, sondern bin selbstständiger und unabhängiger. Das Prüfungssystem hat mich auf die klinische Arbeit gut vorbereitet und ich weiß, dass es mir schwerfallen wird, eines Tages Abschied von Prag nehmen zu müssen.

 

 

 

 

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