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  • Dieter Schmid
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  • 30.07.2004

Mach mal Pause!

Multiple-Choice-Prüfungen sind der Knackpunkt, an dem sich Wohl und Wehe des Medizinstudenten scheiden. An MC-Fragen kommt keiner vorbei. Wer sich damit schwer tut, hat ein ernstes Problem. Allerdings ist das kein Zustand, an dem sich nichts ändern ließe. Es gibt einige einfache Strategien, die helfen, angelerntes Wissen effektiver in Punkte umzumünzen.

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Tipps und Tricks für MC-Prüfungen

Gibt es schlimmere Momente im Leben eines Medizinstudenten? Im Prüfungssaal wird es langsam unruhig. Alle paar Minuten meldet die Oberaufsicht des Landesprüfungsamtes über das Mikrofon, dass man in Kürze abgeben muss. Die Kommilitonen an den Nachbartischen legen ihre Stifte aus der Hand und klappen die Aufgabenhefte zu. Der computerlesbare Lösungsbogen, den man auf dem Tisch vor sich liegen hat, ist mit den kleinen waagerechten Strichen übersät, die die richtigen Lösungen markieren. Doch leider sind da immer noch die paar Aufgaben, bei denen man sich einfach nicht zwischen zwei Buchstaben entscheiden kann. A oder E, B oder C oder gar D? Was versteht man unter Stressinkontinenz? Genau: Den unwillkürlichen Harnabgang durch Husten, Lachen oder Niesen. Also ist A richtig, oder? Aber wie ist es mit E, wie ist es bei psychischer Belastung? Psychische Belastung ist doch Stress? Man fühlt ja selbst, wie die Blase drückt. Also doch E ...? Zwei Stunden später nach der Prüfung ist der Ärger groß. So ein dummer Fehler. Eigentlich hätte man die Antwort gewusst, aber in der Hektik hat man sich hereinlegen lassen.

Zeit tut Not

Eine solche Situation ist für MC-Prüfungen typisch: Obwohl man die richtige Lösung kennt, lässt man sich durch falsche Lösungsalternativen, die sich das IMPP ausgedacht hat, aufs Glatteis führen. Ein häufiger Grund dafür ist Zeitnot. Wenn man sich während einer Prüfung in eine Stress-Situation hineinmanövriert, ergeben sich daraus ganz zwangsläufig Leichtsinnsfehler. Deswegen ist ein vernünftiges Zeitmanagement der erste Schritt zu einer erfolgreichen Prüfung. Und dieser Zeitplan sollte nicht nur die Prüfung selbst, sondern auch die Wochen und Monate vorher umfassen. Alles motivierte Lernen bringt wenig, wenn man zwei Tage vor der Prüfung feststellt, dass man zwar alle kleinen Fächer perfekt beherrscht, für die Innere Medizin aber wohl keine Zeit mehr haben wird.

 

Erholte lernen besser

Wenn man den Lernplan erstellt, sollte man nicht mehr als fünf Lerntage pro Woche einrechnen. Reserviere die letzten zwei Wochen vor der Prüfung für die Bearbeitung der aktuellen Examensbände. Die restliche Zeit wird dann auf die einzelnen Fächer verteilt. Bei dieser Planung sollte man neben Umfang und Wichtigkeit des jeweiligen Faches auch eigene Vorkenntnisse berücksichtigen. Innerhalb eines Faches wird die Zeit auf die einzelnen Kapitel verteilt, wobei man sich am Kapitelumfang des jeweiligen Fachbandes der "Schwarzen Reihe" orientieren kann. Eine gute Tagesplanung könnte so aussehen, dass du vormittags zunächst ein Lehrbuch oder Lerntexte studierst, die dazugehörigen Fragen sollten dann erst am Nachmittag des folgenden Tages durchgearbeitet werden.

Setze dich bei allem Einteilen aber nicht zu sehr unter Erfolgsdruck. Wenn du merkst, dass im vorgegebenen Zeitrahmen das geplante Pensum nicht zu schaffen ist, bringt es nichts, "schneller" zu lernen. Verplane von vorneherein nicht mehr als sechs bis acht Stunden pro Tag. Wenn du dann noch Valenzen frei habst, beruhigt dies nicht nur ungemein, sondern du lernst wegen der Erholungsphasen auch effektiver.

Wiedersehen macht Freude

Zur Entspannung trägt auch bei, wenn man sich klarmacht, dass der Examensstoff keine unüberwindliche Hürde, sondern eine überschaubare Größe ist. Es hat sich gezeigt, dass das IMPP immer wieder auf denselben Fundus von Richtig- bzw. Falschaussagen zurückgreift, die in den "neuen" Fragen nur unterschiedlich verpackt werden. Die Zahl der tatsächlich neuen Fakten, die pro Examen hinzukommen, ist meist gering. Es ist deswegen sehr effektiv, wenn man nach einer ersten Bearbeitung der Altfragen alle richtigen Aussagen mit einem Textmarker der einen Farbe und alle falschen Aussagen mit einer anderen Farbe hervorhebt. Während der Prüfung kann man dann ein wahres Wiedersehensfest erleben.

Leider ist es aber bei MC-Prüfungen mit dem bloßen Beherrschen des Stoffs nicht getan. So meint Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller, Geschäftsführer des Marburger Instituts MEDI-LEARN und Lehrbeauftragter für Medizinische Psychologie und Soziologie an der Universität Marburg, dass es in MC-Prüfungen nicht nur auf lückenloses Wissen ankommt: "Die Besonderheiten des Multiple-Choice-Verfahrens können die Prüfungsergebnisse maßgeblich beeinflussen. Während die Art der Fragestellungen manche Studenten gerade wegen umfassender Kenntnisse zu unnötig komplizierten Gedankengängen und Falschantworten verleitet, gleichen andere ihre fachlichen Defizite gewinnbringend aus, indem sie die Eigenheiten des Multiple-Choice-Verfahrens nutzen." Wenn du von der besonderen Situation einer MC-Prüfung profitieren oder zumindest häufige Fehlerquellen ausschalten möchtest, solltest du deswegen einige einfache Ratschläge beherzigen.

Alles der Reihe nach

Die erste Regel ist, dass man die Prüfungsaufgaben grundsätzlich der Reihe nach durcharbeiten sollte. Wenn die Aufsicht das Kommando zum Loslegen gibt, darf man sich nicht dazu verleiten lassen, zuerst die Fragen seines Lieblingsfaches oder die Bildfragen zu lösen. Das Herausfiltern von Fragen - ganz gleich unter welchen Gesichtspunkten - kostet wertvolle Zeit, die später fehlt. Jede Frage, die aus Zeitgründen nicht oder nur oberflächlich behandelt werden kann, stellt eine potentielle Falschantwort dar.

Wenn man sich daran hält, hat dies auch noch einen anderen Vorteil: In der Prüfung kommt ganz automatisch irgendwann die Frage, ob denn die Zeit noch reicht. Dann schaut man auf die Uhr und beginnt zu rechnen. Meist kommt man dabei in der Anspannung zu keinem eindeutigen Ergebnis und wird dann bis zum Ende der Prüfung - möglicherweise zu Unrecht! - das Gefühl haben, unter Zeitdruck zu stehen, was wiederum zu Flüchtigkeitsfehlern führen kann. Andererseits könnte man, wenn man sich verrechnet, tatsächlich in Zeitnot geraten. Beuge dieser unangenehmen Situation vor: Markiere gleich zu Beginn Aufgabe 45 als "Einstundenmarke", Aufgabe 90 als "Zweistundenmarke" und Aufgabe 135 als "Dreistundenmarke". So erkennst du rechtzeitig, ob du noch in der Zeit liegst und beugst unnötigem Stress vor. Darüber hinaus bietet dieses Verfahren die Möglichkeit, bei Zeitproblemen noch rechtzeitig die "Schlagzahl zu erhöhen".

Der Geist im "economy-mode"

Von vielen Studenten weiß man, dass sich in den Examina immer wieder schwer erklärbare Fehlerserien ereignen. Die Serien setzen etwa bei Aufgabe 60 bis 70 ein und erstrecken sich zum Teil über fünf bis zehn Aufgaben. Die Studenten geben dann oft an, dass sie sich die falsche Beantwortung nicht erklären können, da sie die richtige Lösung eigentlich wissen hätten müssen. Dr. Bringfried Müller begründet diese Aussetzer mit einem Mangel an mentalen Erholungsphasen: "Es ist geradezu typisch, dass die Frage nach Pausen während der Prüfung von diesen Studenten verneint wird. Bei anhaltender "pausenloser" Prüfungsanspannung nimmt sich der Geist irgendwann eine Zwangspause und schaltet in den ,economy-mode'. Dabei ergeben sich dann die typischerweise ab Aufgabe 60 einsetzenden Flüchtigkeitsfehler."

Um diesen Konzentrationsverlust zu umgehen, solltest du in der Prüfung einige Pausen einlegen. Pro Frage hast du anderthalb Minuten Zeit. Wenn du pro Stunde 45 Aufgaben schaffst, hast du nach jeder Stunde fünf Minuten zum Verschnaufen. Der Erholungswert einer Pause korreliert übrigens nicht linear mit deren Länge. Der Erholungswert ist in den ersten Minuten am höchsten. Die Pausen müssen daher nicht länger als drei bis fünf Minuten sein. Du kannst während dieser Zeit am Platz bleiben. Schließe aber das Aufgabenheft, sonst kann keine echte Entspannung aufkommen.

Geleistete Denkarbeit sichern

Entscheide dich nie zu schnell für eine Lösung. Lies auf jeden Fall alle Aussagen der Frage. Wenn du dir auch relativ sicher bist, dass B falsch ist. Vielleicht bist du dir, nachdem du den Rest der Aufgabe gelesen hast, hundertprozentig sicher, dass E die falsche Aussage ist. Überlege dir vor der Prüfung bereits sinnvolle Markierungen. Wenn du beim ersten Durchlesen neben jede Aussage nur ein Richtighäkchen machst oder die Aussage durchstreichst, weißt du wenig später schon nicht mehr, bei welcher Aussage du dir nun ganz sicher warst, und musst alle nochmals durchlesen. Mache z.B. bei Aussagen, die sicher richtig sind, zwei Häkchen, bei Aussagen, die fraglich richtig sind, ein Häkchen und ein Fragezeichen, bei fraglich falschen Aussagen ein "f" und ein Fragezeichen und bei sicher falschen Aussagen zwei "f". So geht dir keine bereits geleistete Denkarbeit verloren. Jedem ist es vorbehalten, sein eigenes Markierungsschema zu entwickeln. Wichtig ist, dass man dieses Schema während der Vorbereitung trainiert, damit es richtig sitzt, und dass man es in der Prüfung zumindest bei komplexen Aufgaben konsequent anwendet.

Kleine Fallen und kleine Hilfen

Manchmal bestehen die Einzelaussagen nur aus je einem Wort. Bei solchen Aufgaben kann man den falschen "Fuffziger" oft schon auf einen Blick erkennen. Ganze Sätze sollte man sich konzentriert durchlesen. Hat man in der Prüfungsvorbereitung die Aussage nur als Richtigantwort kennengelernt, übersieht man leicht, dass das IMPP ein "meist" durch ein "selten" oder ein "könnte" durch ein "muss" ersetzt hat, was aus der Aussage eine Falschantwort macht.

Aussagenkombinationen sind oft lösbar, auch wenn man nicht alle Aussagen als sicher richtig oder falsch einordnen kann: Sind (1) und (3) sicher richtig und B mit der Kombination (1), (3) und (5) die einzige Antwort, die diese Kombination zulässt, dann ist eben B richtig, auch wenn man von dem in (5) dargelegten Sachverhalt keine Ahnung hat.

Oft helfen auch sprachliche Hinweise weiter: Absolute Formulierungen wie "muss" oder "genau" finden sich eher in falschen Aussagen, dagegen sind relativierende Formulierungen wie "kann" oder "selten" ein Hinweis auf richtige Aussagen Der Satz: "Ein Glioblastom kann in seltenen Fällen spontan ausheilen" ist natürlich richtig. Ausnahmen sind in der Medizin eben sehr häufig, da kein Fall mit dem anderen vergleichbar ist.

Jedes Strichlein zählt

Wenn man zu einer Lösung gelangt ist, sollte man diese sofort auf den Computerbogen übertragen. In diesem Moment ist einem dieser eine Punkt sehr wichtig, was die Gefahr von Übertragungsfehlern minimiert. Außerdem braucht man beim Übergang von einer Aufgabe zur nächsten ohnehin eine mentale Pause, die man mit dieser mechanischen Tätigkeit geschickt nutzen kann. Wenn man allerdings am Schluss der Prüfung erst schnell und in Hektik alle Lösungen nacheinander auf den Computerbogen überträgt, gilt das einzelne Strichlein nicht mehr viel und Flüchtigkeitsfehler werden wahrscheinlicher.

Was soll man tun, wenn man sich bei der Lösung einer Aufgabe noch nicht ganz sicher ist? Einige Studenten lassen bei den Aufgaben, die sie zunächst nicht lösen können, eine Lücke auf dem Computerbogen in der Absicht, sich diese später noch einmal anzuschauen und sich dann erst für einen Lösungsbuchstaben zu entscheiden. Dr. Bringfried Müller rät, auch in diesem Fall eine Lösung auf dem Computerbogen zu markieren: "Man sollte bedenken, dass bei diesem Verfahren die eine oder andere Aufgabe übersehen werden kann oder dass man in Zeitnot geraten könnte. In diesem Fall gilt, dass die Aufgabe vom Computer als sicher falsch gezählt wird. Hat man allerdings eine, wenn auch unsichere Markierung gesetzt, hat man zumindest eine zwanzigprozentige Chance auf eine Richtigantwort."

Vor dem Computer sind alle Fragen gleich

Wenn du eine Aufgabe nicht sofort lösen kannst, verwende darauf nicht zu viel Zeit. Markiere bereits "geknackte" Aussagen entsprechend und entscheide dich spätestens nach drei Minuten für eine Lösung. Bedenke, dass du auch für sehr schwierige Aufgaben tatsächlich nur einen Punkt bekommst. Auch wenn eine Aufgabe für dich eine besondere fachliche Herausforderung darstellt - der Computer macht keinen Unterschied.

Wenn man sich einzelne Aufgaben zum Schluss noch einmal genauer ansehen möchte, ist es ratsam, sich die Nummern aufzuschreiben, da man in der Hektik sonst Probleme haben dürfte, die jeweiligen Aufgaben wieder zu finden. Sollte man dann tatsächlich noch eine "gute Idee" haben, kann man die auf dem Computerbogen zunächst eingetragene Lösung immer noch ausradieren.

"Kaputtkorrekturen" vermeiden

Wenn man gegen Ende der Prüfung noch Zeit hat, sollte man es vermeiden, ziellos durch das Heft zu blättern. Der Blick wird dabei an der einen oder anderen Aufgabe haften bleiben. Man wird die gewählte Lösung noch einmal überdenken und möglicherweise verwerfen. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass dadurch eher richtige Lösungen "kaputtkorrigiert" werden, als dass aus falschen Antworten richtige Lösungen werden. Die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ist bei einer Prüfung nach vierstündiger Bearbeitungszeit erheblich verringert. Deswegen sind die im ersten Durchgang gefundenen Lösungen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit richtig. Wenn man nach Klausurende noch einen Korrekturdurchlauf plant, sollte man sich daher auf die Aufgaben beschränken, die man auch im ersten Durchgang nur geraten hat und die man sich deswegen bereits für eine mögliche Korrektur vorgemerkt hatte.

Wenn's am Ende knapp wird ...

Wenn man am Schluss der Prüfung bemerkt, dass einem bei der Übertragung der Lösungen vom Heft auf den Computerbogen ein Fehler unterlaufen ist und die Zeit fehlt, den Fehler noch zu korrigieren, sollte man sich bei der Aufsichtsperson melden und das Aufgabenheft gemeinsam mit dem Computerbogen abgeben. So hat man noch eine kleine Chance, später im Widerspruchsverfahren den Nachweis zu erbringen, dass es sich tatsächlich um einen Übertragungsfehler handelt. Gib den Aufgabenheft aber nicht prophylaktisch ab, sondern nur dann, wenn du tatsächlich einen Übertragungsfehler gemacht hast.

Zu guter Letzt noch eine gedankliche Hilfestellung für alle, die sich in der Nacht nach der Prüfung wegen falscher Antworten schlaflos hin- und herwälzen: Es ist ein normaler Vorgang, dass man nach einer Prüfung vor allem die Fragen im Kopf hat, die man falsch gemacht hat. Deswegen braucht man allerdings noch lange kein schlechtes Prüfungsergebnis erwarten. Fragen, die falsch beantwortet werden, sind naturgemäß natürlich auch die schwierigeren. In der Prüfung beschäftigt man sich mit ihnen am längsten und deswegen bleiben sie auch am besten im Gedächtnis haften. Die Aufgaben, die man schnell und richtig beantwortet hat, vergisst man dagegen rasch. Man beschäftigt sich später kaum noch mit ihnen - dafür sind sie meistens in der Überzahl.

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