• Bericht
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  • Dr. med. Stefan Kessler
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  • 02.08.2011

(Über)leben in Zeiten der Prüfung

Das Examen rückt in bedrohliche Nähe, Prüfungsangst macht sich breit, Übersprungshandlungen stehen auf der Tagesordnung - immer dasselbe. Wer kennt sie nicht: Mediziner in allen Lernlagen? Stefan Kessler hat sich in seiner WG umgeschaut und resümiert Strategien für eine erfolgreiche Examensbewältigung.

Foto: ccvision

 

Von Mahlzeiten und Zwischenlernphasen

Geschafft! Scheine bestanden, Doktorvater vertröstet, Examensanmeldung abgegeben. Schwere auf der Seele, als ich die Stiegen zu meiner Lernzentrale emporgehe. Was bis heute der sonnige Ort unbeschwerter Semestertage war, wird nun zum IMPP-Kerker. Eine geschlossene Zimmertür von Claudia, die nichts Gutes verheißt und eine zerknirschte Vera, die am Telefon ihr Beziehungschaos pflegt. Tobias ist ausgeflogen, sicher ist er beim Volleyballspiel - wo nimmt der bloß die Ruhe her? Erstmal in mein Zimmer, dann sehen wir weiter. Ohne Ordnung kein entspanntes Lernen. Ohne entspanntes Lernen kein Erfolg. Nur kein Chaos um mich! Aufgeräumte Schubladen, gebügelte Oberbekleidung und geregelte Mahlzeiten erleben eine ungeahnte Renaissance - Mutter, wenn du mich jetzt sehen könntest, du wärest glücklich!

In den Folgewochen entwickle ich ein ausgeklügeltes System aus Mahlzeiten und Zwischenlernphasen. Ab und an treffe ich bei meinen psychogenen Streifzügen durch die Küche auf Claudia. Deren verschlossene Tür ist zu einem beängstigenden Dauerzustand geworden. Was macht sie da drin? Welche übermenschlichen Kräfte halten sie so konsequent dort? Womöglich wird sie von Außerirdischen gelenkt, die sie nach dem Examen als Studienobjekt an Bord beamen? Wer wird dann ihre Miete zahlen? - Sie sitzt in der Küche, isst Rohkost und doziert: "Nur kein Junk-Food in dieser Schlüsselphase unseres Daseins." Schwupp, ist sie wieder hinter ihrer Tür verschwunden. Als ich mir die "spez. Pharma"-Altfragen leihen möchte, trifft es mich wie ein Blitz: Zweimal hat sie schon die Fragen durchgekreuzt und das Ganze vor einer Woche! Gott im Himmel, ich wohne mit einer Multiple-Choice-Maschine zusammen! Wo ist Zuspruch, wo Beistand?

 

Vera trifft sich täglich mit ihrer Lerngruppe

Die Gruppe hat alles, was eine Gruppe braucht: einen, der alles schon weiß, eine, die so tut, als ob sie alles schon weiß, zwei, die gerne mehr wüßten, und einen, der niemals genug wissen wird. Vera ist Mitglied der dritten Fraktion, was nicht immer einfach ist. Daneben versucht sie, eine stabile emotionale Basis in ihr Leben zu bringen. Dies ist mit dem derzeitigen Lover etwa so schwierig, wie für mich, Neuro in zwei Tagen abzuschließen. Nach drei Wochen Gruppendynamik, täglichem Stress mit ... (wie heißt er doch gleich?) progredienten Schlafstörungen und exzessivem Baldrian-Abusus entschließt sie sich zur Kehrtwende. Sie packt ihre Bücher und fährt in Richtung Eltern.

 

Und Tobias, die Sportskanone?

Die Sportskanone, der sympathische Chaot mit dem jungenhaften Lächeln? Er geht regelmäßig ins Training, liegt danach entspannt mit dem dünnen Altfragen-Heftchen auf dem Bett und liest, wenn er nicht gerade mit dem Walkman in der Badewanne liegt, sein Mountain-Bike repariert oder seinen Paragliding-Schirm bügelt.

Derweil entwickle ich mich zum Haushaltsmanager. Meine Vermeidungsstrategien führen mich in jeden Winkel unserer WG. Der Duschvorhang zeigt keinen einzigen Kalkspritzer mehr. Ich werde zum Experten in Fragen "Scheuerpulver oder Scheuermilch" und die Toilette ist ein Muster für Asepsis. Dort habe ich auch auf Sichthöhe die wichtigsten "Kerninfos" zu den Hepatitiden angebracht - inklusive primär bilirer Zirrhose und primär sklerosierender Cholangitis. Allein die Ausarbeitung dieses Wunderwerks an Info-Dichte und Übersichtlichkeit hat mich einen halben Tag am Apple gekostet.

 

Ein Gesundheitsschemel für Claudia

Claudia hat gestern einen skandinavischen Gesundheitsschemel geliefert bekommen, um rückenschonend am Schreibtisch leben zu können. Abends kreuzt sie noch ein paar Fragen an und liest dies und jenes vor dem Schlafen im Harrison nach. Tobias hat sich frische Nikes und ein Ski-Wochenende im Ötztal gegönnt. Seine Ruhe verliert er nur, wenn er mit jedem neuen Themengebiet die beschriebenen Symptome in einer Minor-Form an sich selbst entdeckt. Dann trabt er verunsichert in mein Zimmer. Bestehen wird er am Ende wie immer.

Die Tage gehen ins Land und die Hoffnung auf eine geordnete Lernphase, bevor ich über das IMPP-Stöckchen hüpfe, schwindet mit jeder Füllung des WG-eigenen Dampfbügeleisens. Mit den Schublädchen in meinem Schrank ordne ich leider nicht das Chaos der Glomerulonephritiden in meinem Gehirn ...

 

Prüfungsstress und seine Folgen

Wohl die meisten von uns haben Probleme mit der Vorbereitung großer Examen und fühlen sich unter Prüfungsstress. Auswirkungen des Gefühls von Versagensangst können vielfältig sein. Nach Angaben des Landesprüfungsamtes Rheinland-Pfalz treten beispielsweise 20-25% der zum Physikum Angemeldeten die Prüfung nicht an und verschieben den Termin auf das nächste Semester. Neben denen, die den letzten Schein nicht bestanden haben, sind sicherlich auch viele dabei, die Probleme mit der Prüfungsvorbereitung haben. Genaue Zahlen hierzu gibt es nicht. Leider erfassen die Universitäten auch weder Studienabbrecher noch Prüfungsabbrecher und ihre Abbruchgründe.

Vielfältige psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Hautausschläge, Verstärkung von Allergien, Herz-Kreislauf-Probleme und gastrointestinale Symptome sind in Zusammenhang mit Prüfungen bekannt. Medikamente, Drogen und Alkohol dienen oft zur Betäubung der Prüfungspanik.

Wie die Angst vor Gewittern, Dunkelheit, Zahnarztbesuch oder vor dem Fliegen gehört die Prüfungsangst zur Gruppe der Ereignisängste. Man unterscheidet kognitive (gedankliche) von körperlichen Symptomen. Je nach Persönlichkeit sind die Reaktionen eher kognitiv oder körperlich dominant.

 

Wie Prüfungsangst verringert werden kann

Pharmakologische Einflußnahme ist indiskutabel, da unter Medikamenten eine sinnvolle inhaltliche Vorbereitung nicht möglich ist. Die Aufmerksamkeit und Konzentration wird durch Tranquillanzien, aber auch durch Amphetamine beeinträchtigt. Und: Es besteht Suchtgefahr.

Effektive Angstbewältigung ist durch motorische Maßnahmen zur Spannungsreduktion möglich: Yoga, Atemübungen, autogenes Training oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Ein komplexes Therapieverfahren ist die "Systematische Desensibilisierung": Zunächst wird ein Angstkatalog ("Angsthierarchie") aufgestellt. Dann wird die vollständige körperliche Entspannung erlernt. Schließlich folgt die gedankliche Konfrontation mit den einzelnen Ängsten aus vollständiger motorischer Entspanntheit heraus. Das Verfahren gilt als aufwendig, aber erfolgreich und eignet sich für schwere Fälle.

Zu den kognitiven "Angriffen auf die Prüfungsangst" gehören u.a. Verleugnung, Verschiebung, Vermeidung und Ablenkung. Einzig effektive Maßnahme zur kognitiven Angstbekämpfung ist jedoch die aktive Auseinandersetzung mit der Prüfung, bei der die Angst als Herausforderung innerlich angenommen wird. So kann die Bewältigung der Prüfungssituation eingeleitet werden.

 

Klar umrissene Anforderungen

Klar umrissene Anforderungen ermöglichen eine hohe Lern-Ökonomie. Unser Prüfungserfolg ist abhängig von der eigenen Kompetenz, der Angststärke, der Aufgabenschwierigkeit und der Routine. Die Routine kommt mit den Semestern von selbst. Die Aufgabenschwierigkeit ist bestimmt durch das IMPP und unsere mündlichen Prüfer. Die Angststärke müssen wir versuchen über die obengenannten Methoden in den Griff zu bekommen. Bleibt noch die eigene medizinisch-inhaltliche Kompetenz. Die müssen wir im Rahmen der aktiven Auseinandersetzung vor der Prüfung trainieren und erweitern. Günstig in unseren Examina sind die klar umrissenen Anforderungen, zumindest im Multiple-Choice-Bereich. Dies ist bei weitem nicht in allen akademischen Disziplinen so und ermöglicht uns eine hohe Lern-Ökonomie. Die wichtigsten Prüfungsanforderungen sind bekannt: Der Prüfungsstoff ist durch Gegenstandskatalog und Altfragen ziemlich genau definiert; die Schwerpunkte ergeben sich aus der MC-Fragenzahl des jeweiligen Faches; die MC-Prüfungsmethode ist trainierbar.

 

Lerngruppe? Ja! Professionelle Unterstützung auch?

Hilfreich für viele von uns ist sicher die Vorbereitung in einer Lerngruppe. Das Element der sozialen Unterstützung kommt zum Tragen und die Gruppe erfüllt eine Kontrollfunktion innerhalb des gemeinsam vereinbarten Zeitplanes. Beides kann zur Motivation und zum Erfolg beitragen. Voraussetzung ist eine menschlich und leistungsbezogen homogene Gruppe mit gleichen Zielen. Falls man merkt, daß etwas nicht stimmt, besser aussteigen oder die Gruppe aufteilen.

Vorsicht mit professionellen Anbietern von Repetitorien! Die Kurse dauern etwa sechs Wochen und man zahlt 1.500 - bis 2.000 €. Nicht alle Anbieter sind seriös. Die Prospekte sind voll von lernpsychologischen Philosophien und Demonstration breiter Erfahrung. Bei genauerem Nachfragen entpuppt sich plötzlich die "jahrzehntelange Erfahrung in Medizindidaktik" als Abhalten von kleinen Schulungsseminaren für die Pharma-Industrie. Oft sind die Kurse nicht mit anständigen Lernmaterialien ausgestattet und die Dozenten von zweifelhafter Qualität.

 

Ein exakter Plan ist hilfreich

Vor Beginn der Lernphase, wenn der große Altfragen-Stapel schon das Zimmer ziert, macht man am besten einen exakten Plan. Das heißt:

  • Fächerliste erstellen
  • Altfragenumfänge zu jedem Fach dazuschreiben
  • Sinnvolle Reihenfolge und Gewichtung des Aufwandes für die einzelnen Fächer festlegen
  • Verfügbare Kalendertage den Fächern zuteilen
  • Zeit für Wiederholung in den Tagen vor der Prüfung einplanen
  • Arbeitsplan unbedingt einhalten!

Tipp:

Die letzten drei Examina immer als Testläufe unter "real-time"-Bedingungen für die Tage vor der Prüfung aufheben. Wenn sie einigermaßen klappen und man die Zeitvorgabe einhalten kann, funktioniert es zwei Tage später auch, und man ist ein wenig beruhigt.

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