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  • Torben Brückner
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  • 01.08.2011

Der hippokratische Eid

Der hippokratische Eid – jeder hat davon schon einmal gehört und bringt ihn mit Ärzten in Verbindung. Aber was beinhaltet er - und schwören Ärzte wirklich darauf? Auch Medizinstudenten haben den kompletten Text selten tatsächlich gelesen.

Der griechische Arzt Hippokrates. Foto: Thieme

Hippokrates - ein griechischer Arzt, der um 460 vor Chr. geboren wurde – und sein Eid sind der breiten Öffentlichkeit ein Begriff. Gern wird er erwähnt, wenn es um ethische oder wirtschaftliche Fragen in der Medizin geht. Gern wird darauf mahnend verwiesen als ein hohes Gut der Moral. Aber was besagt der Eid eigentlich wirklich, was steht drin in den etwas mehr als 300 Wörtern, die auf eine DinA4-Seite passen? Und ist das heutzutage eigentlich noch aktuell?

 

Wer schwört?

Was gar nicht mal so viele Menschen wissen: In Deutschland muss kein Medizinstudent oder Arzt diesen Eid ableisten, es gibt jedoch durchaus Länder, z.B. die USA, in denen als zeremonielle Form dies gemacht wird, meist aber mit abgeänderten bzw. modernen Fassungen.

Jedenfalls lässt der Eid viel Raum für Interpretationen, zudem muss man doch vieles im Kontext seiner Zeit sehen. Umstritten ist sogar, ob der Text überhaupt von Hippokrates selbst stammt; aber dies soll hier nicht thematisiert werden, auch nicht die besonders kunstvolle stilistische Form.

 

Der Eid im Detail

Der Eid beginnt mit dem Schwur - auf die griechischen Götter als Zeugen, namentlich genannt: Apollon (Sohn von Zeus), sein Sohn Asklepios (der mit dem Stab) und dessen Töchter Hygieia und Panakeia – allesamt die damaligen "Gesundheitsgottheiten".

Schon entsteht ein Dilemma, der griechische Götterglaube ist heutzutage selten geworden. Der christliche Glaube verbietet sogar, andere Götter anzubeten. Was machen Atheisten? Schwer also, überhaupt mit dem Eid zu beginnen.

 

Es geht um Geld

Darauf folgt ein Abschnitt, der weniger mit medizinischer Ethik sondern sehr viel mehr mit Geld zu tun hat. Der Eidleistende verspricht, dass er seinen Lehrer gut versorgt, wie seine Eltern achtet und dessen Söhne wie die eigenen Brüder zu behandeln. Praktisch also eine Renten- und Sozialversicherung. Weiterhin haben die Lehrersöhne Anspruch auf gebührenfreien Unterricht, womit also die Ausbildung der eigenen Nachkommen gesichert ist.

In die heutige Zeit übersetzt hieße das also: alle Professorensöhne (Frauen sind hier ja nicht erwähnt) bekommen einen freien Studienplatz und müssen dafür nicht mal Studienbeiträge bezahlen. Und zum Geburtstag müssen wir denen auch noch brüderliche Geschenke machen. Wollen wir darauf schwören?

Weiter verpflichtet uns der Eid, dass wir das Erlernte nur an Kollegen oder Schüler weiter geben, aber an sonst niemanden. Soviel zur modernen Patientenaufklärung.

 

Endlich Ethik

Danach beginnt der Eid endlich mit den medizinethischen Aspekten: Versprechen soll der Eidleistende, dass er die Patienten vor Schädigung und Unrecht bewahrt und Verordnungen zu ihrem Nutzen zu verschreiben. Das klingt schon mal ganz gut, obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte. War damals wohl nicht so und ist es heute anscheinend auch nicht immer.

 

Aktuelle Themen

Sehr konkret wird es im Folgenden: Weder soll man Patienten auf Verlangen ein tödliches Mittel verabreichen oder dazu raten, noch bei der Frau Schwangerschaftsabbruch durchführen. In der heutigen Zeit sind diese beiden Themen die wohl am heftigsten diskutierten der ärztlichen Praxis. So leicht lässt sich der Eid also nicht ableisten.

Weiter im Text wird wieder freier formuliert: Man solle das eigene Leben und die Kunst "heilig und fromm" bewahren. Dazu hat wohl jeder seine eigene Interpretation.

 

Nicht schneiden

Es folgt ein weiteres Verbot: "Blasensteinerkrankte" solle der Eidleistende nicht operieren, sondern "werkenden Männern" (z.B. gewerbetreibende Bader, also Nicht-Ärzte) überlassen. Es ist umstritten, ob damit die gesamte Chirurgie gemeint ist oder wirklich nur dieser sehr risikoreiche Eingriff. Vielleicht auch als Selbstschutz gemeint - dass man nur machen soll, was man kann oder Eingriffe mit ungewissem Erfolgsaussichten besser vermeiden sollte.

Gleichbehandlung

Außerdem solle der Eidleistende davon absehen, sexuellen Kontakt zu seinen Patienten zu haben, ausdrücklich sowohl freie Menschen als auch Sklaven. Wenn das die Autoren von Arztserien und -groschenromanen wüssten… Interessant ist aber hier der Grundsatz der Gleichbehandlung des Patienten durch den Arzt.

 

Schweigepflicht

Als letztes Gebot wird die ärztliche Schweigepflicht genannt. Ohne Zweifel eine wichtige Säule in der Behandlung von Patienten, die also schon seit Jahrtausenden besteht.

 

Ende

Der Text endet mit Ruhm und Freude an Leben und Kunst für den Arzt, wenn er sich an alles hält, und verspricht das Gegenteil, sollte er den Eid brechen.

Wer weiß? Anstatt auf den hippokratischen Eid zu schwören, ist es vielleicht besser, einen neuen Eid zu verfassen, womöglich wird dieser dann noch in 2.000 Jahren ausgesprochen.

Hinweis: Für diesen Artikel wurden verschiedene Übersetzungen des hippokratischen Eids betrachtet, u.a. von Edelstein und von Lichtenthaeler.

Quellen:

  • Steinmann: Hippokrates der Eid des Arztes, Insel Verlag, 1996
  • Markel: On the Hippocrativ Oath, New Engl. J. Med. 2004 350
  • diverse Internetseiten

 

Der Hippokratische Eid in der Übersetzung (PDF der Ärztekammer Baden-Württemberg)

 

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