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  • Dr. Jesper Dieckmann
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  • 14.04.2014

Medizinstudium bei der Bundeswehr

Jedes Jahr beginnen 250 Abiturienten ihr Medizinstudium bei der Bundeswehr. Die Flexibilität, die dieser Arbeitgeber verlangt, ist nicht jedermanns Sache – langweilig ist der Job jedoch nicht.

 

Soldatin - Foto: manu/Fotolia.com

Symbolbild - Foto: manu/Fotolia.com

 

Christian Beltzer kann die Detonation spüren. Eine leichte Vibration überträgt sich von der Staubpiste unter ihm auf den gefederten Sitz seines „YAKs“. Die Explosion war ganz nah. Gebannt starrt der Oberstabsarzt auf das Funkgerät, als sei es ihm eine Erklärung schuldig. Im Team mit einem Rettungsassistenten und einem Fahrer begleitet Beltzer als „beweglicher Arzttrupp“ Fahrzeuge mit deutschen Soldaten durch den Norden Afghanistans. Am Morgen hat der Konvoi das Lager OP North in der Region Baglan verlassen, um die Lage in umliegenden Dörfern zu erkunden. Plötzlich krächzt das Funkgerät: Eine Sprengfalle hat eins der Fahrzeuge erwischt, mehrere Kameraden sind verwundet. Als sie am Anschlagsort ankommen, erkennt Beltzer, dass die Wucht der Explosion den „Fennek“ durch die Luft geschleudert hat. Sofort kümmert er sich um den schwerverletzten Fahrer. Dieser sitzt an das Fahrzeug gelehnt und ist ansprechbar. Er blutet aber aus tiefen Wunden an Wangen und Hals. Seiner Schutzbrille ist es zu verdanken, dass sich die fingerdicken Splitter nicht in die Augen gebohrt haben. Noch ist der Patient stabil, aber Beltzer weiß, dass die Druckwelle eine Dissektion der A. carotis verursacht haben kann. Doch alles geht gut: Nach 20 Min. landet ein Black-Hawk-Hubschrauber, der die Verwundeten ins Lazarett nach Mazār-e Sharif fliegt.

 

Mit Klimmzügen zum Studium

Wer bei der Bundeswehr studiert, dem muss klar sein, dass er eines Tages zu solchen Einsätzen geschickt werden kann. Das weiß auch Sophia Wilk. Die 22-Jährige ist Sanitätsoffizieranwärterin im Dienstgrad eines Oberfähnrichs und studiert in Jena im fünften Semester Medizin. Obwohl sie mit ihren Noten auch einen „zivilen“ Studienplatz bekommen hätte, war ihr früh klar, dass sie bei der Bundeswehr studieren will. „Jeder sollte eine adäquate ­medizinische Versorgung erhalten – auch ­Soldaten“, beschreibt die gebürtige Brandenburgerin ihre Motivation.

Für den Studienplatz musste sie an einem dreitägigen Auswahlverfahren an der Offiziersbewerberprüfzentrale in Köln teilnehmen. Ob die Bewerber einen der rund 250 Studienplätze erhalten, hängt – neben guten Abinoten – auch davon ab, wie schnell sie sprinten, wie viele Liegestütze sie schaffen und wie sie sich verhalten würden, wenn sie mit Kameraden auf einer Insel stranden. Nur wer die meisten Punkte sammelt, bekommt einen Arbeitsvertrag – befristet, Minimum 17 Jahre. „Glücklicher­weise war ich so gut, dass ich mir den Studienort sogar aussuchen durfte“, berichtet Wilk stolz. Bevor sie jedoch anfangen konnte, Anatomie und Physik zu büffeln, musste sie zunächst in einer dreimonatigen Grundausbildung unter anderem lernen, wie man mit dem Gewehr G36 schießt, im Gleichschritt marschiert und einen General von einem Leutnant unterscheidet.

 

Student mit Besoldungsstufe

An das Militärische musste sich Leutnant Christian Geis erst gewöhnen. Zumal er nach dem Abitur den Kriegsdienst verweigerte und Zivildienst in einem brasilianischen Krankenhaus leistete. „Mir erschien die Verweigerung als ideale Chance, mal rauszukommen“, verrät er seine damalige Motivation. Im Zivildienst wurde ihm dann klar, dass er Arzt werden möchte. „Die Bundeswehr gab mir die Chance, trotz mäßiger Noten, das Medizinstudium sofort zu beginnen. Und das, obwohl ich verweigert hatte“, erzählt der Student. Zudem habe ihn das Geld gelockt, gibt der 25-Jährige zu. Denn offiziell ist jeder Offizieranwärter fest angestellt – und erhält monatlich seinen Sold. Ein Fähnrich hat in der Vorklinik rund 1.600 Euro pro Monat netto in der Tasche. Für sein Studium ist Geis beurlaubt. „Dafür verlangt die Bundeswehr aber auch, dass ich es in der Regelstudienzeit schaffe“, erklärt er. „Auszeiten“ wie ein Semester in Südafrika kommen für „SanOffz-Anwärter“ nicht in Frage.

 

Punkte sammeln für den Facharzt

Zusätzlichen Druck baut die Bundeswehr auf, indem sie Leistungen mithilfe eines Punktesystems bewertet. Christian Geis muss vor jedem Semester seinem Betreuungsoffizier Meldung erstatten, welche Scheine jetzt anstehen. Müsste er ein Semester dranhängen, weil er Prüfungen nicht bestanden hat, gäbe es Minuspunkte. Im schlimmsten Falle wäre sogar seine berufliche Zukunft in Gefahr: „Bei vielen Fehlversuchen in Klausuren kann es bereits nach dem zweiten Zusatzsemester sein, dass die Bundeswehr einem kündigt“, erzählt der Leutnant. Jedes bestandene Examen und jede Famulatur gibt dagegen Pluspunkte. Meldet Geis sich in den Semesterferien für freiwillige Dienste in der Truppe, kann er noch zusätzlich Punkte sammeln. Deshalb macht der Marburger im neunten Semester jetzt auch seine sechste Famulatur. „Zuletzt war ich für einen Monat auf einer Fregatte auf Nord- und Ostsee unterwegs“, berichtet Geis. Am Ende des Studiums wird dann abgerechnet: Die Wunsch-Weiterbildung bekommt nur, wer genug Punkte gesammelt hat. „Möchte ein Kamerad z. B. in die HNO, hat am Ende aber zu wenig Punkte, muss er vielleicht Allgemeinmediziner werden“, erklärt Geis.

 

Truppenarzt in der Provinz

Christian Beltzer konnte dank guter Leistungen Fach und Ort frei wählen – und begann in der Chirurgie im Bundeswehrkrankenhaus (BwKrhs) in Berlin. Oft ist dieser erste „Einsatz“ nicht von Dauer: „Nach zwei Jahren Klinik müssen alle Sanitätsoffiziere für bis zu vier Jahre in die Truppe – als Hausarzt in eine Kaserne“, erklärt der 31-Jährige. Die Weiterbildung liegt in dieser Zeit häufig auf Eis. Christian Beltzer hat deshalb einen anderen Weg gewählt: Dafür, dass er in der Klinik bleiben und seine Facharztausbildung fortsetzen darf, hat er sich verpflichtet, öfter den Flieger nach Afghanistan zu nehmen. „Ich bin jetzt dreimal für vier Monate im Ausland“, berichtet der Oberstabsarzt. „In der Truppenarztzeit wären zweimal drei Monate normal.“

Wenn Beltzer gerade nicht in der afghanischen Provinz Kameraden versorgt, kümmert er sich um die „Oma aus Wedding“. Denn sein Alltag im BwKrhs ist kaum anders als der eines „zivilen“ Assistenzarztes. „Zwar behandeln wir auch Soldaten, aber zu 80 % haben wir zivile Patienten“, erklärt Beltzer. Denn seine Klinik ist in die Regelversorgung der Hauptstadt eingebunden. Daher müsse auch er Nacht- und Wochenenddienste schieben – aufgrund der guten Personalsituation aber weniger als die „zivilen“ Kollegen.

 

Quereinstieg vs. Eigengewächs

Anders als Wilk, Geis und Beltzer kann man auch erst einmal rein zivil studieren und danach bei der Bundeswehr anfangen. Der Vorteil ist, dass man sich nicht als Schulabgänger schon so viele Jahre im Voraus festlegen muss. In den BwKrhs sind die „Quereinsteiger“ aber in der Minderheit. Die meisten Sanitätsoffiziere sind „Eigengewächse“. Im Einsatzalltag haben sie den Vorteil, dass ihnen das Militärische schon in Fleisch und Blut übergegangen ist.

So hätte der ehemalige Zivi Christian Geis heute kein Problem mehr damit, im Einsatz neben dem Stethoskop um den Hals auch ein Gewehr auf dem Rücken zu tragen. „Die Bundeswehr bereitet mich gut vor“, ist sich Geis sicher. Er bereut es nicht, sich verpflichtet zu haben, und freut sich auf seinen Dienst. Zwar kann man am Ende des Studiums das Dienstver­hältnis prinzipiell auch beenden – zum Beispiel durch Kriegsdienstverweigerung. Die Bundeswehr stellt in solchen Fällen aber nicht unerhebliche finanzielle Forderungen.

Auch Sophia Wilk ist motiviert, nach dem Studium ihren Dienst als Stabsärztin zu tun. Trotzdem rät sie jedem, die Entscheidung für die Bundeswehr gut zu überdenken. „Wenn sich einer nur wegen des bezahlten Studiums verpflichtet, wird er nicht glücklich. Man muss schon auch von den Zielen und Aufgaben der Bundeswehr überzeugt sein“, ist sich Wilk sicher. Das sieht Oberstabsarzt Christian Beltzer ähnlich. Er macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Auslandseinsätze belasten. Afghanistan verbindet Beltzer jedoch auch mit positiven Erinnerungen: „Die Landschaften, die neuartigen Gerüche, die meist freundlichen Menschen, all diese Eindrücke – das möchte ich nicht missen. Und auch wenn man sich bei so einem Einsatz manchmal die Sinnfrage stellt – die Grundidee, ein vom Krieg verwüstetes Land zu befrieden, ist gut.“ 


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