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  • Julia Arndt
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  • 02.02.2016

Raus aus Deutschland, rein ins Studium

Wer in Deutschland Medizin studieren möchte, benötigt bisweilen viel Durchhaltevermögen. Hat man keine Lust zu warten, kann sich ein Blick ins Ausland lohnen: Immer mehr Universitäten in Europa bieten attraktive Studiengänge auf Englisch an – Berge, Strand und Meer inklusive.

 

Medizinstudium - Foto: ©Peter Atkins/Fotolia.com

©Peter Atkins/Fotolia.com

 

Martina versucht seit Jahren, einen der begehrten Medizinstudienplätze in Deutschland zu ergattern. Semester für Semester ackert sie sich durch die hochschuleigenen Auswahlkriterien, um ihre Bewerbung auf die aussichtsreichsten Universitäten abzustimmen. Und Semester für Semester war das Hoffen und Bangen wieder umsonst – „the same procedure as every year“. Dabei hat Martina ein gutes Abitur. Aber „gut“ ist eben nicht gut genug, wenn man in Deutschland Medizin studieren will.

Ähnlich wie Martina geht es jedes Jahr fast 35.000 Studienwilligen für Medizin. Mit 14 Semestern ist die Regelwartezeit aktuell so hoch wie nie zuvor. Zwar werden nur 20 % der Studienplätze nach der Abiturnote vergeben, 20 % nach Wartezeit und immerhin 60 % über universitätseigene Auswahlverfahren (AdH). Kriterium Nummer 1 ist hier aber meist wieder die Durchschnittsnote. Und so liegt die Notenquote in der Realität bei fast 80 %, wie der Marburger Bund kritisiert. Deshalb zieht es immer mehr Studienbewerber ins Ausland – nicht zuletzt auch durch das steigende Angebot in Osteuropa und die EU-weite Anerkennung der Abschlüsse. Ohne umfassende Bewerbungsunterlagen und Auswahlverfahren geht es aber auch im Ausland nicht. Allerdings wird dort die individuelle Eignung und Motivation oft viel stärker berücksichtigt als in Deutschland.

 

Geheimtipp: Süd- und Osteuropa

Die bekanntesten Alternativen sind nach wie vor Österreich und Ungarn, auch weil man hier auf Deutsch studieren kann. Die englischsprachigen Studiengänge an Universitäten in Süd- und Osteuropa kennt dagegen nicht jeder. Am einfachsten kommt man an der Universität Varna in Bulgarien an den ersehnten Medizinstudienplatz: Hier muss man lediglich einen Aufnahmetest in Biologie und Chemie bestehen, der sogar in Deutschland absolviert werden kann. Ein Blick über den Tellerrand hinaus kann sich also lohnen.

Unerlässlich ist jedoch, sich genau zu informieren. So sind in den meisten Ländern Studiengebühren üblich. Diese beginnen bei ca. 3.000 € (Rumänien) und reichen bis 13.800 € (Ungarn) pro Jahr. Da der Wechsel zurück nach Deutschland nach einigen Semestern in aller Regel schwierig ist, sollte man von vorneherein sicherstellen, notfalls das gesamte Studium im Ausland finanzieren zu können. Man sollte auch bedenken, dass viele einheimische Patienten kein Englisch verstehen. Deshalb muss man an den meisten Universitäten Grundkenntnisse in der Landessprache erwerben. Möchte man im Ausland Medizin studieren, ist also Sprachtalent gefragt.

 

Österreich: Abinote unwichtig

Besonders die Alpenrepublik ist bei deutschsprachigen Studenten sehr beliebt. Das Studium ist weitestgehend kostenlos, die Qualität der medizinischen Ausbildung auf hohem Niveau – und die Abiturnote spielt überhaupt keine Rolle. Einfach ist die Zulassung aber trotzdem nicht, denn der Ansturm auf die etwa 1.400 Plätze ist riesig. 75% davon bleiben zudem österreichischen Staatsbürgern vorbehalten – und aufgrund historischer Abkommen auch Bewerbern aus Südtirol, Liechtenstein und Luxemburg. 20% der Studienplätze werden an Bewerber aus anderen EU-Ländern vergeben und die restlichen 5% an Nicht-EU-Bürger.

Wer in Österreich Medizin studieren will, muss einen harten schriftlichen Aufnahmetest, den MedAT, ablegen. Darin werden naturwissenschaftliche Kenntnisse, Lesekompetenz, Textverständnis, kognitive Basisfertigkeiten und die soziale Entscheidungsfähigkeit geprüft. Nur die Besten erhalten einen Studienplatz: 2015 waren dies etwa 8% der Bewerber aus EU-Ländern. Die Erfolgsquote im österreichischen Kontigent war ungefähr doppelt so hoch. Die gebürtige Luxemburgerin Mylene Thiel studiert in Innsbruck und erinnert sich noch gut an den „großen“ Tag: „Die meisten Österreicher waren ganz ruhig, höchstens etwas nervös. Für sie war es nicht so wichtig, es gleich im ersten Anlauf schaffen.“ Bei den Deutschen habe man dagegen gemerkt, dass sie oft schon eine lange Bewerbungsodyssee hinter sich hatten und viel auf dem Spiel stand.

In Österreich ist das Studium in einzelnen Modulen organisiert. Darin wird jeweils ein bestimmtes Thema, z. B. das Herz, in allen Facetten und aus allen Fachrichtungen beleuchtet. Dadurch wird es schwer, ein „Auslandssemester“ in Deutschland zu absolvieren, erzählt Thiel. „Bei mir ist es leider daran gescheitert, dass ich keine übereinstimmenden, anrechnungsfähigen Fächer finden konnte.“ In Innsbruck schätzt sie insbesondere die familiäre Atmosphäre und die kleinen Gruppen. „Auch die Praktika sind wirklich erstklassig“, schwärmt sie. Bereut hat sie ihre Entscheidung nie, im Ausland zu studieren.

 

Ungarn: Ohne Fleiß kein Preis

Anstelle eines Aufnahmetests wird in Ungarn jede Bewerbung von universitätseigenen Entscheidungsgremien geprüft. Berücksichtigt werden die Abiturnote, naturwissenschaftliche Kenntnisse und praktische Tätigkeiten im medizinischen Bereich – und inoffiziell möglicherweise auch der Beruf der Eltern: „Der ungewöhnlich hohe Anteil an Studenten, deren Eltern auch Ärzte sind, fällt schon auf“, berichtet Patricia Paul, die bis zum Physikum an der Semmelweis Universität in Budapest studiert hat. Laut Paul versuchen viele deutsche Studenten in Ungarn bereits ab dem ersten Semester, an eine Universität in der Heimat zu wechseln. Allerdings müsse man sich jedes Mal bei jeder einzelnen Hochschule separat bewerben, natürlich mit amtlich beglaubigten Unterlagen. So können pro Semester durchaus 500 € Bewerbungskosten zusammenkommen, zusätzlich zu den hohen Studiengebühren. „Ohne familiäre Unterstützung ist das gar nicht möglich“, sagt Paul. Aufgrund des detailversessenen und lernintensiven Studienprogramms habe man auch keine Zeit, sich etwas dazuzuverdienen.

„Am Anfang wird man in Deutschland von den anderen Studenten schon schief angekuckt, wenn man in Ungarn studiert hat. Wenn man aber erzählt, was man dort alles lernen musste, werden die meisten ganz schnell still“, berichtet Paul von ihren Erfahrungen nach dem Wechsel. Auch wenn das Studium in Budapest auf Deutsch ist, muss man zusätzlich zu den vorklinischen Fächern im ersten Semester einen Sprachkurs belegen. Das sei im Alltag und in der Klinik sehr hilfreich gewesen, erinnert sich Paul. Und auch in den Prüfungen, die fast ausschließlich mündlich abgehalten werden: Aufgrund der eingeschränkten Sprachkenntnisse mancher Dozenten könne es nämlich passieren, dass eine Prüfung letztlich doch spontan auf Ungarisch statt auf Deutsch stattfindet.

Im Vergleich zu Deutschland lobt auch Paul die kleinen Gruppen, vor allem im Präparierkurs. Ob dabei allerdings von jedem der zahlreichen Körperspender eine Einwilligung vorlag, bezweifelt sie. „Meist waren es Obdachlose. Da hat sicherlich niemand lange nachgeforscht. Das muss man leider so hart sagen“, kritisiert sie. Und auch im Physiologie-Praktikum geht es wenig zimperlich zu: Dort sind Tierversuche noch immer an der Tagesordnung. Wer sich weigert, bekommt keinen Schein. „Das war wirklich schrecklich und absolut unnötig“, so Paul. Zurück in Deutschland genießt sie das vergleichsweise entspannte Studentenleben. Und dass man nicht respektvoll aufspringen müsse, wenn der Direktor den Raum betritt.

 

Kroatien: Büffeln an der Adria

Leon Schmid ist mit seiner Bewerbung in Österreich knapp gescheitert. In einem Internetforum stieß er 2011 zufällig auf das neue Angebot eines englischsprachigen Studiengangs in Split. Wenige Wochen später gehörte Schmid zu den ersten 21 internationalen Medizinstudenten in der zweitgrößten Stadt Kroatiens. Heute gibt es jedes Jahr 50 freie Plätze – und die Bewerberzahlen steigen. Mit etwa 7.000 € pro Jahr fallen die Studiengebühren in Split vergleichsweise moderat aus. Die Ausbildung ist weitestgehend in Blöcke gegliedert, eine strikte Trennung zwischen Vorklinik und Klinik gibt es nicht. Während die OPs und Intensivstationen durchaus deutschem Standard entsprächen, sei die Qualität der Krankenhäuser und technischen Geräte oft nicht auf dem allerneusten Stand, erzählt Schmid. Die Patienten würden überwiegend positiv auf die ausländischen Studenten reagieren: „Sie freuen sich, wenn jemand nach Kroatien kommt, um hier zu studieren. Meistens ist es eher andersherum.“ Da viele von ihnen allerdings kein Englisch sprechen, müsse man die Bereitschaft mitbringen, Kroatisch zu lernen. „In unserem Jahrgang gab es damals nur einen wenig hilfreichen Kurs nach dem ersten Jahr“, sagt er. Heute bietet die Universität einen begleitenden Sprachkurs in den ersten beiden Studienjahren an. Vor dem vierten Jahr muss man diesen bestanden haben, um weiterstudieren zu dürfen.

Während des Studiums hat Schmid mehrfach versucht, an eine deutsche Universität zu wechseln – ohne Erfolg. Heute ist er noch unschlüssig, ob er nach dem Studium zurückkehren möchte. „Der Verdienst von Assistenzärzten in Kroatien ist zwar ziemlich niedrig, allerdings ist die Lebensqualität wirklich sehr hoch“, fasst er zusammen. „Es hat schon einen Grund, weshalb so viele Touristen hierher kommen.“

 

Künftig neues Vergabesystem?

Die meisten deutschen Medizinstudenten im Ausland zieht es nach ihrem Abschluss wieder zurück in die Heimat – um einige Euro ärmer, aber um wertvolle Erfahrungen reicher. Um die Studienplatzvergabe in Deutschland gerechter zu gestalten, hat die Bundesregierung indes im März 2015 begonnen, einen „Masterplan Medizinstudium 2020“ auszuarbeiten. Ziel ist es dabei auch, die Allgemeinmedizin im Studium zu stärken – um so letztlich die Versorgungsdichte zu sichern. Um der „massiven Fokussierung auf die Abiturnote“ entgegenzuwirken, fordert der Marburger Bund in seiner Stellungnahme vom 30.7.2015, die Abiturbesten- und AdH-Quote zusammenzulegen und Faktoren wie Sozialkompetenz und Motivation stärker zu berücksichtigen. Auch die Zahl der Studienplätze müsse zwingend erhöht werden. Martina nützen diese Maßnahmen nichts mehr. Nach 6 Jahren Wartezeit hält sie aber endlich den ersehnten Zulassungsbescheid in den Händen. Auch ein langer Atem führt eben manchmal zum Ziel.

 

Dies ist ein Artikel aus der DMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift

Dtsch med Wochenschr 2016; 141(1): 70-71

DOI: 10.1055/s-0041-109120

In Kooperation mit der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" (DMW) kannst du regelmäßig einen Artikel aus einer der letzten Ausgaben lesen.

 

 

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