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  • Sandra Hoffmann
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  • 23.11.2012

Reformstudiengänge Humanmedizin

Aus dem Wunsch der Medizinstudenten nach einem praxis- und patientennäheren Studium, sind nach und nach verschiedene Reformprojekte nach amerikanischem Modell an den deutschen Universitäten entstanden. Grundidee ist die gleichberechtigte Einbindung von Theorie und Praxis in das Medizinstudium. Aus den Bestrebungen sind - neben der neuen Approbationsordnung von 2003 - Modellstudiengänge hervorgegangen. Diese haben die reguläre Studienordnung zum Teil gänzlich ersetzt, an einigen Hochschulen werden sie zusätzlich zum Regelstudium Medizin angeboten.

 

Foto: Shutterstock

 

Immer mehr deutsche Universitäten bilden ihre zukünftigen Ärzte nach einem umstrukturierten Lehr-, Lern- und Prüfungssystem aus. Dabei ermöglicht das didaktische Prinzip der Lernspirale durch wiederholtes Lernen verschiedener Sachverhalte unter unterschiedlichen Gesichtspunkten eine effektivere Festigung des Wissens. Wesentlich sind dabei das problemorientierte, fallbezogene Lernen (POL) in Kleingruppen sowie neue Prüfungsformen. Diese hochschulinternen Prüfungsformen, wie OSCE (objective structured clinical examination), verbinden kognitives Wissen mit praktischen Fertigkeiten sowie diagnostischem Denken und ersetzen die übliche Multiple Choice-Form der Ersten Ärztlichen Prüfung (früheres Physikum). Nach dem 10. Semester wird das Studium wie im Regelstudiengang mit dem Praktischen Jahr (PJ) sowie der Zweiten Ärztlichen Prüfung (Hammerexamen) fortgeführt und beendet.
Während im Regelstudium nach und nach die Ziele und neuen Lehrformen ins bestehende Curriculum übernommen werden, konnten die Modellstudiengänge die reformierten Curricula en bloc einführen.

Das Grundkonzept aller Modellstudiengänge ist die Einheit von Vorklinik und Klinik. Ziel ist dabei, dass der Student eine verantwortungsvolle ärztliche Einstellung erlernt, die seinem künftigen Handeln stets das psychisch-seelische Befinden der Patienten sowie deren soziale Lage zugrunde legt, indem er schon früh in den klinischen Alltag und klinische Fragestellungen einbezogen wird. Ziel ist die Auflösung des alten Konzepts: "erst Theorie, dann Praxis".

 

Konzepte der Curricula der Reformstudiengänge

So unterschiedlich die Curricula der Reformstudiengänge an den verschiedenen Hochschulen auch ausfallen, eint sie doch die Integration folgender Konzepte:

Unterricht am Krankenbett, sogennantes "bedside-teachung", soll den Studenten bereits in den ersten Semestern praktisch in die Arbeitsweisen im Berufsleben (wie Stellen einer Diagnose, Erheben eines Befundes, etc.) einführen. So sammelt er unter anderem auch schon früh Erfahrungen im Umgang mit Patienten.

Der Unterricht konzentriert sich stärker auf einzelne Körperteile, wie zum Beispiel einzelne Organe. Statt also das Thema Herz, wie bisher üblich, histologisch (Wie sehen Herzmuskelzellen aus?), anatomisch (Wie ist das Herz aufgebaut?), funktional (Welche Aufgaben hat es?), pathophysiologisch (Welche Fehlfunktionen/Krankheiten können auftreten?), über mehrere Semester aufzuteilen, werden die Körperteile in Blöcken gelehrt und zusammenhängend in verschieden Aspekten besprochen. Diese neue Orientierung in der Lehre wird "Organzentriertes Lernen" genannt.

Ein weiteres neues Lernkonzept im Studienplan: das Problemorientierte Lernen, kurz auch POL genannt. Hier bekommen die Studenten in Kleingruppen ein Fallbeispiel schriftlich ausgehändigt, zu welchem sie individuell verschiedene Problemlösungen finden müssen. Diese werden dann gemeinsam in der Gruppe ausgewertet und schließlich als Gruppenergebnis präsentiert. Ziel dieser Art von Lehrveranstaltung ist es, früh medizinische Fragestellungen zu vermitteln und zu üben, in der Gruppe zusammenzuarbeiten, was soziale Kompetenzen trainiert.

 

Reformstudiengang vs Regelstudiengang

Das klingt nun alles sehr einleuchtend. Wer wollte sich da nicht sofort nur noch um einen Reformstudiengang bewerben? Schließlich klingt das neue Konzept nicht so verstaubt und steif wie das reguläre.

Leider gibt es bisher kaum Erfahrungswerte mit den Reformstudiengängen, auf die man zurückgreifen kann - weder bei Studenten höherer Semester noch von Seiten der Professoren. So sind in den relativ neuen Systemen die Chancen, auf Nachfragen ein leicht verwirrtes Stirnrunzeln zu erhalten, größer, da einige Ideen noch nicht ausgereift sind. Die neu konzipierten Lehrveranstaltungen haben einen leicht experimentellen Charakter.

Wer gerne im Team arbeitet und lernt und sich auch trotz des geringeren Leistungsdrucks zum Lernen motivieren kann, ist sicherlich gut im Modellstudiengang aufgehoben. Manch anderer kommt möglicherweise auch ganz gut im bisherigen System zurecht. Doch ob Reformstudiengang oder Regelstudiengang: Früher oder später landet jeder vor dem gleichen Examen.

Reform- und Modellstudiengänge in Deutschland

Modellstudium an der RTWH Aachen

Seit dem Wintersemester 2003/2004 studieren alle Erstsemester der Medizinischen Fakultät Aachen im Modellstudiengang. Durch hochschulstart.de werden circa 250 Studenten pro Semester zum Studium zugelassen. Auch Medizinstudenten anderer Fakultäten können sich für die Teilnahme an ausgewählten Kursen, wie den Qualifikationsprofilen, bewerben.

Im Aachener Modellstudiengang sollten die Studierenden laut Dekanat vorrangig mit gesicherten Fakten, mit den logischen Strukturen, Konzepten und Methoden, die zu medizinisch wissenschaftlichen Erkenntnissen führen, sowie den Problemen vertraut gemacht werden. Vordergründig sei dabei die Vermittlung von Verständnis für biologische, medizinisch relevante Prinzipien mittels der gleichberechtigten Elemente Theorie und Praxis.

Der erste Studienabschnitt soll ein naturwissenschaftliches Grundverständnis vermitteln. Hier erhalten die Studenten erste Einblicke in Bau und Funktion einzelner Organsysteme.

Ab dem zweiten Abschnitt (3. - 6. Semester) haben die Studierenden direkten Patientenkontakt.
Intensive Übungsmöglichkeiten bieten Skillskurse, innerhalb derer die erlernten Untersuchungs- und Arbeitstechniken praktisch angewandt und vertieft werden. Verschiedene Sonderblöcke wie "Psyche", "Wachstum" und "Alter" sollen die Studierenden für diese Themen sensibilisieren.

Der dritte Studienabschnitt (7. - 10. Semester) behandelt die Krankheitsbilder anhand von Symptomen wie zum Beispiel Fieber. Hier können die künftigen Mediziner detaillierte Diagnose- und Therapieoptionen an Patienten kennenlernen. Die erworbenen Kenntnisse vertiefen die Studenten patientenorientiert innerhalb von Blockpraktika auf Station und bei Hospitationen in Arztpraxen. Am Ende jeder Blockveranstaltung finden hochschulinterne Prüfungen in schriftlicher, mündlicher oder praktischer Form statt.

Auch beim Modellstudiengang in Aachen ist das Praktische Jahr (PJ) - der vierte Studienabschnitt in Aachen - in Tertiale gegliedert. Die Studenten erhalten ihre praktische Ausbildung in einem Krankenhaus oder einer Praxis. Jeweils ein Abschnitt des PJs ist wie üblich in der Inneren Medizin und in der Chirurgie zu absolvieren. Im letzten Tertial kann ein Wahlfach belegt werden.

Nach dem 6. Semester findet die "Ärztliche Basisprüfung", nach dem 10. Semester die "klinische Kompetenzprüfung" statt. Beides sind Universitätsprüfungen, die praktische Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Sicherheit von ärztlichen Handlungen und das dazugehörige theoretische Hintergrundwissen abfragen. Geprüft wird in einer Kombination aus mündlichen, praktischen und schriftlichen Aufgaben.

Eine Besonderheit in Aachen sind die Wahlpflichtveranstaltungen, welche den Studenten ermöglichen, bereits während des Studiums Zusatzqualifikationen zu erwerben. Die Studenten können unter einer breiten Palette interdisziplinärer Veranstaltungen wie Biomedical Engineering oder Gesundheitsmanagement wählen. Das Qualifikationprofil Biomedical Engineering befasst sich in Seminaren, Vorlesungen und Praktika unter anderem mit Biomaterialforschung und künstlichen Organen. Studenten, die das Qualifikationsprofil Gesundheitsmanagement wählen, befassen sich mit Wirtschaftswissenschaft, Krankenhausorganisation oder Personalmanagement.

Zwei mal jährlich erhalten die Studierenden Rückmeldung über ihr bisheriges Studienverhalten durch einen Progressionstest.

Verena K., Aachener Modellstudentin im 3. Semester im Interview mit Via medici online:
"Es gibt die ein oder andere Unstimmigkeit bezüglich der Planung. Manchmal hat man das Gefühl dass der eine Prof nicht weiß, was der andere schon gemacht hat. Damit die theoretische Verzahnung so funktioniert wie sie sollte, müssten sich die Profs untereinander noch mehr absprechen. Desweiteren gibt es Profs, die meiner Meinung nach nicht viel vom Modellstudiengang halten und ihre Vorlesungen nicht dem neuen Curriculum anpassen. Aber das sind Dinge, die in einem Regelstudiengang bestimmt ähnlich sind. Also würde ich mich wieder für den Modellstudiengang entscheiden."

Modellstudiengang Medizin der RWTH

 

Modellstudiengang an der Ruhr-Universität Bochum

Seit dem Wintersemester 03/04 werden von der Zulassungsstelle 42 Studierende für den Modellstudiengang Medizin  (MSM) an der Ruhr-Uni Bochum zugelassen. Ziel ist es laut Dekanat, den Studenten neben dem medizinischen Fachwissen auch psychologische und soziale Aspekte als Grundlage ihrer Entscheidungen zu vermitteln. Die Studierenden sollen Verantwortungsbewusstsein, Selbständigkeit und kritisches Denken erlernen.
Thematische Module vermitteln das Wissen multidisziplinär, also aus dem Blickwinkel verschiedener Fachrichtungen. Dabei stehen zu Beginn des Studiums mehr die Organe und Organsysteme im Vordergrund.
Im anschließenden Studienabschnitt wird der Schwerpunkt auf die Phasen der Entwicklung von der Schwangerschaft bis hin zum Altern gelegt.
Der letzte Abschnitt befasst sich intensiv mit den häufigsten Erkrankungen.

Bereits vom ersten Semester an haben die künftigen Mediziner die Möglichkeit, theoretisches mit praktischem Wissen zu verknüpfen. Regelmäßige Hospitationen in allgemeinärztlichen Praxen sowie bedside-teaching ermöglichen den Studierenden, das Erlernte in der Praxis zu erleben und im klinischen Alltag umzusetzen. Klinisch-praktische Fertigkeiten wie venöse Blutentnahme oder Befundung von Röntgenbildern können die Studenten im Skills-lab üben.

Besonders hervorzuheben sind verschiedene integrale Bereiche des Curriculums. Das Üben der ärztlichen Interaktion in Rollenspielen steht genauso auf dem Programm wie Gesundheitsökonomie, Wissenschaft und Forschung. Innerhalb der Veranstaltung "Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns" werden sowohl Themen wie Patientenverfügung im Rahmen der Ethik als auch Medizin im Nationalsozialismus und humanitäre Hilfe beleuchtet.

Ein Student im 3. Semester im MSM-Ersti-Infoheft 2004:
"Der Modellstudiengang Medizin ist eine super Sache, selbst wenn es auch im zweiten Jahrgang immer noch an der ein oder anderen Stelle noch ein wenig hapern wird."

Modellstudiengang Medizin der Ruhr-Uni Bochum

 

Reformstudiengang Medizin Berlin (RSM)

Den Anstoß für den Reformstudiengang Medizin in Berlin gaben 1989 die Studenten im UNiMUT-Streik, der aus Unzufriedenheit mit der medizinischen Ausbildung heraus entstand. Berlin war die erste Uni, die mit einem Modellstudium starten dürfte. Seit 1999 beginnen nun jeweils zum Wintersemester 63 Studierende diesen neuen Medizinstudiengang. Alle zugelassenen Studenten der Medizin an der Charité Universitätsmedizin Berlin (CUB) können sich bei der Einschreibung zwischen dem Regelstudiengang und dem Reformstudiengang entscheiden. Unter allen Interessenten am RSM werden per Losverfahren 63 Studierende ermittelt.

Die Lehr- und Lerninhalte sind in den ersten Semestern nach Organsystemen geordnet. Dabei lernen die Studenten organbezogene Untersuchungstechniken, spezifische Diagnostik sowie die gezielte Anamnese. In inhaltlich aufeinander abgestimmten Seminaren und Praktika lernen die Studenten im Komplex Niere somit die Pathologie, als auch die Physiologie, Anatomie und klinischen Aspekte des Organs fächerübergreifend kennen.

Besonders hervorzuheben sind die wöchentlich stattfindenden Interaktionsgruppen. Dabei lernen die Studenten unter Supervision, wie Arzt und Patient miteinander kommunizieren und wie Interaktion wahrgenommen und beeinflusst werden kann.

Die folgenden Semester befassen sich mit einzelnen Lebensabschnitten - vom Junior bis zum Senior - wobei der Patientenkontakt vom ersten Semester an fester Bestandteil des Studiums ist. Beispielsweise findet im ersten Studienabschnitt wöchentlich ein Praxisvormittag für jeden Studenten in einer festen Lehrpraxis statt.

Im Trainingszentrum für Ärztliche Fertigkeiten (TÄF) können die Studierenden unter Anleitung an "Simulationspatienten" ihre Kommunikationsfähigkeiten üben. Außerdem stehen Übungspuppen zur Verfügung, an denen die Studenten praktische Tätigkeiten wie das Legen einer Venenverweilkanüle oder die Liquorpunktion trainieren können.

Im Sinne einer umfassenden Ausbildung stehen "Grundlagen ärztlichen Handelns" genauso auf dem Stundenplan wie ein Studium generale, bei dem nur nicht-medizinische Fächer belegt werden dürfen. Die Studenten können dabei unter einem breiten Angebot wählen, das von Sprachkursen bis zu Vorlesungen der Gender Studies reicht. Alle drei Monate findet ein Progressionstest in Form von MC-Fragen statt, der den Studenten eine Rückmeldung über ihren Wissenszuwachs gibt. Dieser Test wird nicht benotet, die Teilnahme ist aber obligatorisch.

Im Berlin ist es jederzeit möglich, aus dem Reformstudium in den regulären Studiengang zu wechseln. Allerdings besteht nicht die Möglichkeit ohne Studienzeitverlust an einen anderen Studienort zu wechseln, da wegen des unterschiedlichen Curriculums Probleme mit der Anerkennung der Scheine vorprogrammiert sind.

Von den 63 "Studenten der ersten Stunde" absolvierte ein Teil 2004 das 2. Staatsexamen erfolgreich, wobei die Ergebnisse laut Professor Dieter Scheffner, Beauftragter der Charité für den Reformstudiengang Medizin, denen im Regelstudiengang entsprechen.

Student der ersten Stunde des RSM im Medi-Learn-Forum:
"Ich kann den Reformstudiengang nur empfehlen. Und das, obwohl wir Ersten einige Schwierigkeiten mit unwilligen Profs und Dozenten hatten, die uns als 'Schmalspurmediziner' angesehen haben oder nicht wussten, was sie mit uns anfangen sollten. Aber diese Probleme dürften jetzt nach 5 Jahrgängen beseitigt sein."

Reformstudiengang Medizin Berlin

 

Modellstudiengang Hannover (HannibaL)

Im neuartigen Modellstudiengang der Uni Hannover wurde auf den ersten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, sprich das Physikum, nach Beendigung der ersten beiden Studienjahre verzichtet. Stattdessen werden die Studienleistungen in dieser Zeit modulweise erbracht und ähneln inhaltlich den meisten anderen deutschen Universitäten. Theoretisch ist es jedoch trotzdem möglich, nach den ersten vier Semestern die Uni zu wechseln, da man sich von der Universität Hannover eine sogenannte Äquivalenzbescheinigung ausstellen lassen kann, die bundesweit anerkannt wird. Der 2. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung, das "Hammerexamen", wird jedoch wie sonst üblich abgehalten.

Im Vordergrund der Ausildung stehen der praktische Umgang mit Patienten, sowie therapeutische und diagnostische Inhalte, die zeitnah mit Prüfungen in Form von Klausuren und Testaten kontrolliert werden.

Ebenfalls wird im Rahmen HannibaLs auf die wissenschaftliche Ausbildung Wert gelegt, indem ein Schwerpunkt auf Lehrinhalte der molekularen Medizin gesetzt und die strukturierte Doktorandenausbildung intensiv gefördert wird.

Eine zusätzliche Besonderheit besteht in der Gliederung des Studienjahres in Tertiale - nicht in Semester. Dies sind Studienabschnitte von zehnwöchiger Dauer, von denen zwei Tertiale das Wintersemester und eins das Sommersemester bilden. In jedem Tertail sind bestimmte Themenblöcke - sogenannte Module - vorgesehen, die jeweils mit einer Prüfung abgeschlossen werden.

 

Modellstudiengang Medizin HannibaL

Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed)

Beginnend mit allen Kursen des ersten klinischen Studienabschnitts studieren alle Studenten, die seit dem Oktober 2003 an der Medizinischen Fakultät Heidelberg eingeschrieben sind, nach dem reformierten Curriculum. Da der Modellstudiengang erst mit dem klinischen Abschnitt beginnt, ist es möglich, von anderen Universitäten nach Heidelberg zu wechseln oder zu tauschen, falls die Kapazität von 260 Studienanfängern in der Klinik nicht erreicht wird. Währen des klinischen Studienabschnitts sind hier, anders als bei anderen Modellstudiengängen, alle Veranstaltungen Pflicht.

Unterrichtet wird in Modulen von zwei bis vier Wochen Dauer, wobei die Studierenden in Gruppen von 35 bis 60 Teilnehmern in festen "Klassenverbänden" mit einem festen Ansprechpartner rotieren. Die Kursmodule werden fünf bis zehn mal jährlich angeboten, um eine durchgehende tutorielle Betreuung der Studierenden in kleinen Gruppen zu gewährleisten. Jedes Modul schließt mit mündlich-praktischen Prüfungen und Wissenstests ab. Die Studierenden sind somit einer fortlaufenden Leistungskontrolle unterworfen.

Anhand von Leitsymptomen wie beispielsweise Kopfschmerz, lernen die Studenten Krankheitsbilder aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen wie Chirurgie, Innere Medizin und Radiologie innerhalb einer Veranstaltung kennen. Hervorzuheben ist außerdem der Stationsunterricht in kleinsten Gruppen. Auf der Station, die halbjährlich wechselt, sind Creditpoints für Blutabnahme, intramuskuläre Injektion, das Legen einer Magensonde und andere Maßnahmen zu sammeln. Darüber hinaus gibt es ein Kommunikations-und Interaktionstraining, bei dem die Studenten an standardisierten Simulationspatienten ihre Kommunikationsfähigkeit verbessern können.

Das ganzjährig durchlaufende Kursprogramm von HeiCuMed-Klinik schafft für die Studierenden einen zusammenhängenden Freiraum von acht Monaten für die wissenschaftliche Tätigkeit, der innerhalb des klinischen Programms frei wählbar ist und selbstverständlich verlängert werden kann.

Da Semester zugunsten eines ganzjährigen Studiums abgeschafft wurden und das Curriculum sehr straff organisiert ist, kostet es den Studierenden laut Andreas Z., Student im HeiCuMed, sehr viel Zeit und Aufwand, alles unter einen Hut zu bringen, falls sie sich nebenbei den Lebensunterhalt finanzieren müssen. Jedoch kommentiert er sein Studium wie folgt: "Als 'Betroffener' des neuen Heidelberger Curriculums fällt meine durchaus subjektive Konklusion gänzlich positiv aus, es lohnt sich wieder, in Deutschland Medizin zu studieren."

Heidelberger Curriculum Medicinale

 

Modellstudiengang an der Uni Köln

Seit dem Wintersemester 03/04 findet das Studium der Humanmedizin an der Universität Köln ausschließlich im Modellstudiengang statt. Wer hier über die ZVS einen von 170 Studienplätzen erhalten hat, lernt ein Studium orientiert an Praxisbezug, Interdisziplinarität und wissenschaftlichem Arbeiten kennen.

Im Rahmen von Kompetenzfeldern (KF) werden die Inhalte verschiedener Fächer vernetzt, was das Studium besonders in den ersten Semestern plastischer gestaltet. Anhand von wöchentlich wechselnden Themen, wie Anämie, Diabetes oder Tod und Trauer, lernen die Studenten die unterschiedlichen Sichtweisen der verschiedenen Disziplinen wie Physiologie und Pathologie kennen. Ergänzend findet wöchentlich ein KF-Tutorium statt, in dem ein Tutor einer Kleingruppe die Grundlagen des jeweiligen KF erläutert.

Nach dem zweiten Studienjahr findet eine aus Einzelprüfungen bestehende Basisprüfung statt - die jedoch nicht mit dem IMPP-Examen vergleichbar ist. Das Studium wird nach sechs Jahren mit der (zweiten) ärztlichen Prüfung (2. ÄP) abgeschlossen.

Speziell die praktischen Fertigkeiten werden im Kölner Interprofessionelles Kompetenzzentrum für Patientennahe Fertigkeiten (KIK) vom ersten bis zum letzten Semester vermittelt. Hier lernen die Studierenden - von Tutoren begleitet - Blasenkatheter zu legen, Spiegelungen durchzuführen, oder sie üben ihre Gesprächskompetenz an Simulationspatienten. Besonders hervorzuheben ist die studienbegleitende Patientenbetreuung. Jeder Student nimmt dabei selbständig Kontakt zu einer Lehrpraxis auf. Dort weist der Arzt dem Studenten einen chronisch kranken Patienten zu, den der Student in den kommenden viereinhalb Jahren begleiten und ein Dossier über dessen Krankheitsverlauf verfassen wird.

Einige Veranstaltungen sind in die Semesterferien gelegt. Innerhalb der ersten vier Semester sind beispielsweise zwei achtwöchige Praktika zu absolvieren, die helfen sollen, wissenschaftliche Kompetenz zu erwerben.

Für Studenten, die für ihren Lebensunterhalt vollständig oder teilweise selbst verantwortlich sind, sei der Zeitrahmen für die Veranstaltungen eine ungeheure Belastung, so Susanne Brandner, ehemalige Kölner Lokalredakteurin bei Via medici-online. Verlängerte Studienzeiten seien da bereits vorprogrammiert, so ihre Vermutung.

Sarah W., Studentin der ersten Stunde in ihrem Erfahrungsbericht auf ihrer Internetseite:
"Man muss [...] bedenken, dass es auch für die Uni das erste Mal ist, dass dieser Modellstudiengang läuft. Aber sie haben, bisher jedenfalls, immer schnell auf Kritik reagiert. Es gab mittlerweile auch ein Semestergespräch, bei dem wir noch mal unsere Eindrücke zu den einzelnen Kursen loswerden konnten. Also, sie bemühen sich wirklich!"

Modellstudium Köln

 

Modellstudiengang an der Uni Witten/Herdecke

Die Privatuniversität Witten /Herdecke bietet seit dem Sommersemester 2000 den Modellstudiengang Medizin an. Jährlich werden 42 Studenten für den Modellstudiengang zugelassen. Das Auswahlverfahren ist vielschichtig und orientiert sich an der Perönlichkeit, dem Fachinteresse und der Motivation des Bewerbers. Ein Quereinstieg ins fünfte Semester ist ebenso möglich.

Zum Leitbild der Privatuni zählen Freiheit, Wahrheit und soziale Verantwortung. Entsprechend diesem Geiste sind die meisten Veranstaltungen fakultativ. Die Studenten werden ermutigt, ihr Studium individuell zu gestalten. Zu den Leitgedanken des Witten/Herdecker Studiums gehören die ständige Vernetzung von Theorie und Praxis, fächerübergreifend wissenschaftlich fundierte Fachkenntnisse sowie die Integration ethischer, erkenntnistheoretischer und persönlichkeitsbildender Inhalte.

Vom ersten Semester an haben die Studierenden Kontakt zu Patienten. Im Allgemeinarzt-"Adoptions"-Programm lernen die künftigen Mediziner frühzeitig, die Theorie in "ihrer" Praxis anzuwenden. Darauf vorbereitend finden ein Wahrnehmungspraktikum im Krankenhaus sowie Rollenspiel-Seminare zum Arzt-Patienten-Kontakt statt. Hierbei lernen die Studenten die vielfältigen Aspekte von Interaktion zwischen Arzt und Patient mit Hilfe von Simulationspatienten kennen.

Um die unterschiedlichen Fächer in einen integrativen Zusammenhang zu setzen, werden zwei klinische Kernblöcke gebildet: "Operative Fächer" sowie "Konservative Fächer". Ein multimediales Lehr-und Lernstudio sowie die Möglichkeit Naht- und Verbandstechniken oder das Befunden von Röntgenbildern zu üben, runden das Angebot ab.

Besonders hervorzuheben ist das studienbegleitende Wahlpflichtprogramm. Dieses beinhaltet 4 Curricula als festen Bestandteil des Studiums:

  • Einen Strang bilden Veranstaltungen zu Anamnese, Selbsterfahrung und Reflexion der ärztlichen Rolle.
  • Ein weiterer befasst sich sowohl mit medizinischer Anthropologie, Medizingeschichte, als auch mit den rechtlichen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns.
  • Der dritte Strang umfasst Wissenschaftlichkeit, Methodologie und Forschung. Veranstaltungen zu Wissenschaftstheorie, Literaturrecherche, medizinischer Statistik und Evidence Based Medicine sollen die Studierenden zu wissenschaftlichem Denken und Arbeiten befähigen.
  • Der vierte und letzte Strang beinhaltet Grundlagen des Gesundheitssystems, Qualitätsmanagement sowie Organisationsentwicklung.

Um den Studenten eine Rückmeldung über ihren Wissenszuwachs zu geben, findet vier mal im Jahr ein Progresstest in Kooperation mit der Charité Universitätsmedizin Berlin statt.

Als einzigartige Zusatzausbildung existiert das Studium fundamentale. Über die Grenzen der eigenen Fachdisziplin hinaus, tragen unter anderem Veranstaltungen der Philosophie, Kunst und Kulturgeschichte zur Persönlichkeitsbildung bei. Die Studenten sollten dabei lernen, mit ihrem Wissen und Tun in kritischer Distanz umzugehen, schreibt das Dekanat in seiner Studienbewerberbroschüre.

Zusätzlich fördert die Uni internationale Erfahrung im Rahmen von Praktika, PJ, Famulaturen oder Semestern im Ausland.

Als Privatuniversität erhebt Witten/Herdecke Studiengebühren von circa 15.000 € für zehn Semester Studium.

Die Studiengebühren in Witten seien laut Ulrich Bork, Medizinstudent in Witten und ehemaliger Via medici-Lokalredakteur, kein Hinderniss dort zu studieren. " [...] die erhobenen Mittel kommen unmittelbar Lehre und Forschung zugute und sie werden nicht von der Universität erhoben und verwaltet, sondern von der Studierendengesellschaft, ein Verein, der von Studierenden betrieben wird. Der "Umgekehrte Generationenvertrag" ermöglicht Studierenden aus weniger betuchten Elternhäusern die Zahlung der Finanzierungsbeiträge nach Ihrem Studium. Acht Jahre acht Prozent vom verfügbaren Einkommen, so lautet die Rückzahlungsregel." erläutert er.

Katia El-Hussein, Studentin im zweiten Jahrgang, in der Bewerberbroschüre des Modellstudiengangs Medizin an der Universität Witten/Herdecke 2004:
"Jeder kommt mit seinen ganz eigenen Zielen und Vorstellungen nach Witten/Herdecke. Diese vielen Pläne mit dem Vorgefundenen zu verbinden und mit dem Start in Witten die bisherigen Lebensabschnitte nicht ganz zu beenden, ist für mich eine wirkliche Herausforderung. Auch deshalb ist es schön, das Studium mit einer Wanderung zu beginnen und dabei die anderen 41 Leute kennenzulernen, die sich mit mir gemeinsam auf den Weg machen."

Modellstudium Witten/Herdecke

 


Kommentar

Während Bestrebungen Modellprojekte durchzusetzen und damit die alten Studienordnungen zu ersetzen beispielsweise in Hamburg oder an der TU München bereits aufgegeben wurden, plant die Universität Oldenburg sogar, zum Wintersemester 2011/12 ein binationales Bachelor/Master-System einzuführen.

Aber nach der neuen Approbationsordnung für Ärzte von 2003 sind die deutschen Universität kollektiv zur Umsetzung einer stärker praxisbezogenen Lehre aufgefordert.

Wie gestaltet sich dieses Konzept in den Regelstudiengängen?

Auch in Frankfurt am Main, Göttingen oder Hamburg werden Lehrveranstaltungen in kleinen Gruppen durchgeführt, etwa Seminare oder Praktika. Auch praktisches bedside-teaching und organbezogene Lerneinheiten sind nun Elemente des Regelstudiums. Der Forderung nach fächerübergreifendem Unterricht wird ebenfalls Rechnung getragen, indem enger verzahnte Lerninhalte im Regelstudium umgesetzt werden müssen.

Viele medizinische Fakultäten haben außerdem sogenannte Skills-Labs eingerichtet, wo höhere Semester Jüngeren praktische Basisfertigkeiten beibringen, wie beispielsweise neurologische Untersuchungen, Sonographien oder Blutabnahmen. Auch die ethischen Bereiche der Humanmedizin haben mittels der Querschnittsbereiche Eingang in das reformierte Regelstudium gefunden.

Und obwohl so mancher Medizinstudent keinen Evaluationsbogen mehr sehen kann, mit denen er insbesondere am Ende eines jeden Semesters geradezu bombardiert wird - zeugen solche Bestrebungen von dem Willen der Universitäten die Qualität ihrer Lehrveranstaltungungen zu verbessern. Auf den Evaluationsbögen kann der Student mit seiner Einschätzung helfen, die Lehrveranstaltungen nach den Wünschen der Studenten zu verbessern.

Langfristig wird sich zeigen, ob Reformen im Hochschulwesen der medizinischen Fakultäten sich effektiver radikal oder in kleinen Schritten durchsetzen können - oder ob beides ein möglicher Weg ist.

 

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