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  • Stefan Preisendörfer
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  • 17.06.2015

Reformstudiengang Medizin – Eine Revolution der deutschen Medizinerausbildung?

Patientenkontakt von Anfang an, fallorientiertes Lernen, Verknüpfung von Theorie und Praxis – mit diesen Argumenten werben Unis für ihren Modell- bzw. Reformstudiengang. Wir haben Studenten befragt, ob diese Studiengänge halten, was sie versprechen.

 

Studenten - Foto:  Monkey Business - Fotolia.com

Wer Medizin studieren will hat die Wahl zwischen dem Regelstudiengang und dem Reform- bzw. Modellstudiengang. Foto: Monkey Business - Fotolia.com

 

„Die HMG-CoA-Synthase macht Acetoacetyl-CoA zu β-Hydroxy-β-methylglutaryl-CoA.“– ein typischer Satz, den ein Medizinstudent im Regelstudiengang auswendig lernt. Es folgen viele weitere, Tag für Tag.
„Das braucht man später im Arztberuf doch gar nicht wissen!“, beschweren sich viele Medizinstudenten. Für sie ist nicht ersichtlich, wofür das Gelernte einmal gut sein soll. Denn in den ersten vier Semestern, der sog. Vorklinik, sind sie selten im Krankenhaus, Patienten sehen sie so gut wie gar nicht. Im Vordergrund steht klar die Theorie.

Einige Universitäten in Deutschland sehen die klare Trennung von Theorie und Praxis ebenfalls kritisch, und ersetzen den Regelstudiengang durch den Reform- bzw. Modellstudiengang. Hier gibt es keine Trennung mehr zwischen Vorklinik und Klinik, also zwischen Theorie und Praxis. Studenten haben früh Patientenkontakt, stehen von Anfang an im Krankenhaus. Das perfekte Medizinstudium – oder?

Wir haben Studenten befragt, die an verschiedenen Universitäten mit Modell- bzw. Reformstudiengang Medizin studieren, ob die Ausbildung ihre Erwartungen erfüllt.

 

Pinkus, 21 Jahre, 4. Semster: Charité - Universitätsmedizin Berlin

 

> Wie ist der Modellstudiengang an deiner Universität aufgebaut?

Der Modellstudiengang ist aufgebaut aus 40 Modulen von je 4 Wochen. In den ersten beiden Semestern lernt man vor allem Grundlagen, ähnlich wie im Regelstudiengang. Gleichzeitig hat man aber auch den klinischen Bezug, z. B. mit Patientenvorstellung und patientennahem Unterricht auf Station. Im dritten und vierten Semester folgen dann die verschiedenen Organsysteme, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln, z.B. anatomisch, biochemisch und physiologisch, betrachtet werden. Zusätzlich wird man mit für das jeweilige Organsystem typischen Krankheiten vertraut gemacht. Gleichzeitig findet auch der Präpkurs statt. Ab dem fünften Semester befassen sich die Module in erster Linie mit Krankheiten und allem, was vom Normalzustand abweicht.

> Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?

20 Prozent der Plätze gehen an die Abiturbesten, 20 Prozent an diejenigen mit der längsten Wartezeit, also wie an jeder deutschen Medizin-Uni. Die restlichen 60 Prozent werden über das AdH (Auswahlverfahren der Hochschule) vergeben, und dafür hat die Charité 2013 den HAM-Nat (Hamburger Auswahlverfahren für Medizinische Studiengänge – Naturwissenschaftsteil) eingeführt, einen naturwissenschaftlichen Test. Das Ergebnis wird dann auf den Abischnitt aufgerechnet.

> Welche Vorteile bietet der Modellstudiengang?

Der große Vorteil ist, dass man von Anfang an die Theorie mit der Praxis verknüpft, z.B. mit Patientenvorstellungen. Ab dem ersten Semester hat man das sogenannte KIT (Kommunikation-Interaktion-Teamarbeit), wo man lernt, eine Anamnese zu erheben oder mit schwierigen Patienten umzugehen. Dazu haben wir sehr oft Simulationspatienten. Das ist wie zweisprachig aufwachsen, die Krankheitsentstehung und -behandlung gleichzeitig zu lernen.

> Was ist das Besondere am Modellstudiengang an deiner Universität?

In Berlin liegt der Fokus auf dem wissenschaftlichen Arbeiten. Im zweiten Semester haben wir schon unser erstes Wissenschaftsmodul, wo wir auch selbstständig in einer kleinen Gruppe Experimente durchführen. Die Ergebnisse präsentieren wir vor Peers und Dozenten. Und ... es ist natürlich Berlin!

> Welche Nachteile bringt der Modellstudiengang mit sich?

Durch die immer wechselnden Dozenten, kann man schlecht eine Beziehung zu ihnen aufbauen. Außerdem funktioniert die Absprache zwischen den Dozenten gelegentlich nicht so gut, manchmal werden dann Inhalte vorausgesetzt, die man noch nicht in der Vorlesung hatte, oder manches wird doppelt besprochen. Dadurch, dass es bei uns kein Physikum gibt, wird weniger Wert auf naturwissenschaftliche Grundlagen gelegt. Wenn man dann später in die Forschung gehen und nicht am Patienten arbeiten möchte, ist der Studiengang nicht so geeignet.

 

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