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  • Laura Bou-Vinals
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  • 22.11.2016

Eine von 43.000

Lauras größter Traum ist es, Medizin zu studieren. Doch der liegt in weiter Ferne – 14 Wartesemester um genau zu sein, weil ihr Notendurchschnitt für einen Studienplatz nicht ausreicht. Aber was sagt eine simple Zahl über die Eignung zum Arztberuf aus? Hier teilt Laura ihre Gedanken zur Studienplatzvergabe: über Motivation, Machtlosigkeit und Mängel im System.

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Ich wollte Arzt werden, das wusste ich schon seit der zweiten Klasse. Damals las ich das Buch “Der Kleine Medicus” von Dietrich Grönemeyer. Kennst du die Geschichte? Der kleine Nanolino und seine Freunde begeben sich auf eine faszinierende Reise durch den menschlichen Körper. Das Ganze ist gespickt mit beeindruckenden Bildern, sachlichen Erläuterungen und einem Register im Anhang, das alle Fachbegriffe erläutert, sprich: Fantasie, Abenteuer und Medizin vereint in einer spannenden und überwältigenden Geschichte. Im Vordergrund steht immer der Mensch als Wunder und Phänomen. Schnell wurde mir klar: darüber möchte ich noch viel mehr lernen.

Die Eingebung sollte kein Kindheitstraum bleiben. Mit jedem weiteren Lebensjahr wuchs der Wunsch in mir, Medizin zu studieren. Doch bis zum Abitur, der letzten Hürde vor dem Studium, war es noch lange hin. Mit Hinblick auf meinen Traum vom Medizinstudium wählte ich in der fünften Klasse Latein als zweite Fremdsprache, machte in den Ferien freiwillige Praktika und arbeitete ehrenamtlich bei der Johanniter Unfallhilfe und der DLRG.

Ich investierte mein hart verdientes Taschengeld in Fachbücher, die ich nur so verschlang. Später kam mir die Idee, in meinem örtlichen Gymnasium einen Schulsanitätsdienst zu gründen und zu leiten. Mein Traum motivierte mich, noch einen Extraaufsatz zu schreiben, nochmal meine Lernkärtchen anzuschauen, die Hausaufgaben nochmal zu ergänzen. Ich wollte jeden Punkt rauszuholen, den ich für den NC brauchte.

Ich kämpfte mich durch die anstrengende Oberstufenzeit, durch die vier schriftlichen Abiturklausuren und schließlich durch den Medizinertest - alles innerhalb einer Woche. Es folgten Besuche an der Medizinischen Hochschule Hannover, wo ich mich in die Vorlesungen schlich und zuhörte, um spätabends zuhause die unbekannten Fachbegriffe zu recherchieren. Die Ausbildung zum Rettungssanitäter hatte ich unterdessen abgeschlossen. Mein Traum und ich - wir waren unzertrennlich. Nun ist das Abitur bestanden. Das Medizinstudium und ich führen jedoch eine Fernbeziehung, Dauer ungewiss.

Ich habe mich in den letzten Jahren mit Spaß, Freude und Mühe ehrenamtlich engagiert. Dazu zahlreiche unbezahlte Praktika absolviert, Stunde um Stunde damit verbracht, mich in Fachbücher zu vertiefen, jedes bisschen Wissen aufzusaugen, das mir zwischen die Finger kam. Aus Spaß am Lernen, Spaß am Menschen und Spaß an der Medizin. Aus Interesse, Helfersyndrom, Faszination und Wissensdrang.

Säße ich in einem Ausschuss und müsste mir überlegen, unter welchen Kriterien ich prüfe, ob ein junger Mensch geeignet für ein Medizinstudium ist, würde ich mir folgende Fragen stellen:

  • Welcher Bewerber zeigt das meiste Potential zur Entwicklung zu einem guten Arzt?
  • Welcher Bewerber zeigt am meisten Interesse?
  • Welcher Bewerber tritt mir aufgeschlossen und offen gegenüber?
  • Welche Qualifikationen bringt der Bewerber mit sich?
  • Was hat der Bewerber schon getan, um sein Ziel eines Medizinstudiums zu erreichen?
  • Aus welcher Motivation heraus möchte der Bewerber Medizin studieren?

Diese Fragen kann ein Notenschnitt doch unmöglich beantworten. Ein Notenschnitt ist lediglich eine Zahl, hinter der weder ein Mensch, noch eine Persönlichkeit steht. Der Notendurchschnitt hängt von so vielen verschiedenen, vom Schüler nicht kontrollierbaren Faktoren ab, dass er doch unmöglich die Grundlage einer Studienplatzvermittlung bilden kann. Weder persönliche Motivation, bereits geleistete Arbeit und außerschulisches Engagement, noch die Liebe zu einem Fach und zur Wissenschaft können hierdurch zum Ausdruck gebracht werden.

Im Jahr 2016 lag der Numerus Clausus für Medizin laut der zentralen Vermittlungsstelle Hochschulstart in fast jedem Bundesland bei 1,0. Niedersachsen und Schleswig-Holstein machen die Ausnahme, hier liegt der NC bei 1,1. In meinem Abiturjahrgang erreichten nur zwei Schüler einen solchen Notendurchschnitt.

Der Autor Henning Mankell brach mit sechzehn Jahren die Schule ab, um Schriftsteller zu werden und verfasste daraufhin mehrere Bestseller. Albert Einstein musste eine Schuljahr wiederholen und wurde im später einer der fortschrittlichsten Physiker seiner Zeit. Was wäre aus diesen Menschen geworden, hätte man sie auf ihre schulische Leistung reduziert?

Das Schulsystem beleuchtet und bewertet Schüler von einer einzelnen Seite ihres Könnens. In der Oberstufe werden Schüler zu entpersonalisierten Maschinen. Privatleben und Hobbys müssen zurückstecken, um die bestmögliche Note zu erreichen. Trotzdem sehen die Akademiker von heute es als ein gelungenes System an, den Anspruch auf einen Studienplatz anhand einer Durchschnittsnote zu beurteilen. Selbst das hochschuleigene Auswahlverfahren, ausgelegt auf Schüler, die den gesetzten Schnitt nicht erreichen, hat bereits auf Noten fundierte Auswahlgrenzen eingeführt.

Als ich direkt bei den Universitäten anrief, um meinen Fall persönlich darzulegen, wurde die Verantwortung abgeschoben: Die Studienplatzvergabe sei zentral. Der Umgang mit einer derart hohen Bewerberanzahl bringt sicherlich logistische und organisatorische Probleme mit sich, aber der momentane Weg, mit diesen umzugehen, ist nicht und kann nicht die Lösung sein.

Wenn der Schnitt nicht stimmt, bleiben wenige Möglichkeiten, an einen Studienplatz zu gelangen. Der Quereinstieg ist ein langwieriger, komplizierter Vorgang mit geringen Erfolgschancen. Die Zeit, die eingeschrieben an einer deutschen Hochschule verbracht wird, wird zudem nicht als Wartezeit angerechnet.

Ebenso geringe Erfolgschancen bietet die momentan sehr beliebte Studienplatzklage, für die viele Online-Agenturen werben. Die finanziellen Einbußen sind gigantisch. Bis zu 20.000 Euro müssen investiert werden. Es sind die Familien, die es sich auch leisten können, ihre Kinder auf teure Privatuniversitäten nach Lettland oder Ungarn zu schicken, die das Geld für eine solche Klage aufbringen können. Der Studieneinstieg ist den Kindern von wohlhabenden Familien oder den 1,0 Kandidaten vorenthalten.

Die Ärzte von morgen werden also durch oberflächliche Notendurchschnitte oder das Geld ihrer Eltern herausgefiltert und zum Studium geführt. Daraus resultiert nicht nur eine Zweiklassengesellschaft, sondern auch ein Mangel an Diversität, kultureller Breite und unterschiedlichen Perspektiven unter den behandelnden Medizinern. Nicht zu bestreiten, dass diese jungen Menschen trotzdem gute Ärzte werden können. Aber ist diese Ärzteelite wirklich die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens?

Es gibt eine Studie (“Die Entwicklung der Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen - Statistische Berechnungen auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2012” des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung), die zeigt, dass über einen langen Zeitraum hin die Studienabbruchrate in Studiengängen mit Staatsexamen, insbesondere Medizin, zunimmt. Der NC hat sich in den letzten Jahren verschärft. Aufgrund des NCs werden die Bewerber für das Medizinstudium kategorisiert, weshalb Schüler, die auch das Zeug dazu haben, den Studiengang erfolgreich abzuschließen, nicht zum Studium gelangen. Somit kommt es zu einer höheren Abbruchrrate der tatsächlichen Studierenden.

Meine Motivation für das Medizinstudium ist die Liebe zum Menschen und zur Wissenschaft. Mich faszinieren die Vorgänge im menschlichen Körper. Das Puzzle aus Ursache, Auslöser, Symptomen und Therapie einer Krankheit zusammenzusetzen, finde ich spannend. Die Vielseitigkeit des Studiums, der wissenschaftliche Fortschritt, die internationale Zusammenarbeit bewegen mich zu meinem Berufswunsch.

In meiner Kindheit verbrachte ich einige Jahre in Amerika und in der 10. Klasse lebte ich aufgrund eines Schüleraustauschs in Argentinien. Dort bekam ich einen Vorgeschmack, wie viele verschiedene interessante Menschen, Lebensstile und Persönlichkeiten es in dieser Welt doch kennenzulernen gibt. Ich sehne mich danach, mich kommunikativer, soziale, persönlich und natürlich medizinisch mit eben diesen Menschen auseinanderzusetzen.

Vor mir liegen 14 Wartesemester. Sieben Jahre werden verstreichen, ehe ich die Chance auf einen Studienplatz habe. Das ist länger, als ein ganzes Medizinstudium überhaupt dauert. Ich trete nun eine Stelle im Rettungsdienst an, um dem Fach nahe zubleiben. Vor mir steht eine Ausbildung, vielleicht noch ein FSJ, definitiv einige Praktika. Das Medizinstudium ist trotzdem nicht greifbar, kein Studium ist das, da ich sonst kostbare Wartesemester verschwende.

Ist das gerecht? Nein. Wird Semester für Semester, Jahr für Jahr die Enttäuschung wiederkehren? Wahrscheinlich. Ich werde kämpfen, lernen und nicht lockerlassen. Man sagt, dass Beziehungen, die länger als sieben Jahre gehalten haben, ein Leben lang überstehen. So wird es mit meiner Beziehung zur Medizin auch sein.

 

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