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  • Thang Le
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  • 19.09.2019

Psychologie vs. Medizin – diese Unterschiede sollten dir klar sein

Abi – und jetzt? Weshalb ich mich nach dem Abitur für das Psychologiestudium entschied, ab dem nächsten Wintersemester jedoch Student der Humanmedizin bin und inwiefern sich die Psychologie eigentlich von der Medizin unterscheidet, erzähle ich euch hier.

 

Als junger Abiturient, noch grün hinter den Ohren und mit gefährlichem Halbwissen aus dem Internet gewappnet, versinnbildlichte das Medizinstudium für mich böse Spritzen, viele Leichen und ein unerfülltes, unglückliches Leben in der Bibliothek – eingemauert von Büchern, die größer sind als man es sich vorstellen kann. Laut allgemeinbekanntem Hörensagen sei das Medizinstudium hart, fordernd und überhaupt nur für die besonders schlauen und fleißigen Menschen zu schaffen. Als ich beim abendlichen Internetsurfen zur Krönung auf einen Witz stieß, in welchem der Medizinstudent einen Professor müde anschaut und fragt, bis wann er denn das Telefonbuch auswendig lernen solle, war für mein 17-jähriges Ich klar: Ich traue es mir nicht zu, Medizin zu studieren. Wenn ich den anatomischen Aufbau und somatischen Besonderheiten des Menschen nicht studieren kann, dann aber zumindest, wie er denkt, erlebt und sich verhält: Herzlich willkommen, Psychologiestudium! Dass sich die Psychologie als Lehrdisziplin grundlegend von der Medizin unterscheidet, dass Psychologe und Arzt weitaus unterschiedlichere Berufsgruppen darstellen als ich zunächst geglaubt hätte, wurde mir erst im vorletzten Semester meines Bachelorstudiums bewusst. Mit einem lachenden und einem weinende Auge beendete ich vor wenigen Wochen noch brav mein Bachelorstudium in dem Wissen, im kommenden Semester Student der Humanmedizin zu sein.


Aber weshalb der Sinneswandel? Kaum ein anderer Studiengang hat eine so vielfältige und breitgefächerte Berufsauswahl wie die Psychologie – ob in Wirtschaft, Gesundheitswesen oder Forschung, jeder findet hier garantiert seine persönliche Nische. Diese Vielfältigkeit spiegelt sich auch maßgeblich im Studium selbst wider und war für mich allerdings Fluch und Segen zugleich: Statistik, Neuropsychologie, Wirtschaftspsychologie, klinische Psychologie, pädagogische Psychologie, sogar Umweltpsychologie wird gelehrt und die Liste geht weiter. Das bedeutete einerseits, dass man einen unglaublich breiten Querschnitt an den unterschiedlichsten Teilbereichen und Disziplinen kennenlernt. Auf der anderen Seite bedeutete ein Querschnitt eben auch nur ein Querschnitt: Hat man ein Auge auf ein bestimmtes Fachgebiet geworfen, war es quasi unmöglich sich wirklich intensiv mit genau diesem zu beschäftigen. So war ich beispielsweise von der klinischen Psychologie begeistert, fasziniert von der hohen Variabilität, Individualität und biopsychosozialen Multikausalität in der Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung von psychischen Störungen. Im Rahmen des Psychologiestudiums allerdings umfasste der Bereich der klinischen Psychologie jedoch gerade mal zwei Module. Zwei von insgesamt 23 zeitintensiven und ressourcenverbrauchenden Modulen, die ich in den drei Jahren Psychologiestudium absolvieren musste. Das war nicht genug. Ich wollte mehr, ich wollte psychische Erkrankungen nicht nur aus rein psychologischer, sondern auch aus somatischer Sichtweise kennenlernen – nicht zuletzt ist das medizinische Arbeitsfeld der Psychosomatik in den letzten Jahren immer relevanter geworden. Auch wenn das Medizinstudium sein Hauptaugenmerk auf den Körper des Menschen richtet, so ist mir durch mein dreimonatiges Praktikum in einer psychiatrischen Einrichtung jedoch bewusst geworden, dass man als Mediziner nach dem Studium weitaus mehr Möglichkeiten hat, Psychologie und Medizin zu vereinen und den Menschen, den Patienten der vor einem sitzt, aus einer ganzheitlichen, interdisziplinären Sichtweise zu betrachten.


Letztendlich sei also gesagt: Psychologie und Medizin sind zwei unabhängige, bodenständige Studiengänge, die sich zwar als universitäre Lehrdisziplinen voneinander unterscheiden, im beruflichen Kontext jedoch unmittelbar miteinander verknüpft sind. Auch wenn das Psychologiestudium wirklich
Spaß gemacht hat, unglaublich spannend war und das ein oder andere Modul einem tatsächlich auch etwas fürs Leben beibringt, halte ich die Medizin für den richtigeren Weg, um tiefes klinisch-medizinisches Grundverständnis zu erlangen und psychologisches und medizinisches Wissen miteinander vereinen zu können.

Mein Studienort

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