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  • 08.11.2012

Mein Traum: Ein Studium in Deutschland

Nicht jeder hat es so gut wie wir in Deutschland. Wie ist es eigentlich, wenn man aus einem anderen Land nach Deutschland kommt? Warum und wie nimmt man so eine Reise auf sich und was sind dabei die größten Hindernisse? Alexandru Ionel erzählt von seiner Kindheit in Moldawien und berichtet von den Verhältnissen dort, von seinem Weg nach Deutschland und seinem Zukunftstraum: In Deutschland Medizin zu studieren.

Wer bin ich?

Ich heiße Alexandru Ionel. Ursprünglich komme ich aus Moldawien. Richtig, wie die meisten, denen ich hier begegnet bin, können Sie sich jetzt bestimmt auch nichts darunter vorstellen. Das Land, das genau zwischen Rumänien und der Ukraine liegt, nenne ich meine Heimat.

 

Zahlen und Fakten zu Moldawien

Geographisch gesehen grenzt Moldawien im Westen an Rumänien und im Norden, Osten und Süden wird es von der Ukraine komplett umschlossen. Seit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 existiert Moldawien nun schon 21 Jahre als ein unabhängiges Land. Allerdings herrscht seitdem in Moldawien ein politischer Konflikt, der sogenannte Transnistrien-Konflikt, durch den die politische Entwicklung wesentlich behindert wird.

Moldawien hat sich nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion offiziell der freien Marktwirtschaft zugewandt. Elemente staatswirtschaftlichen Handelns konnten jedoch bis heute nicht restlos beseitigt werden. 2005/2006 hat Russland ein Importverbot für Wein (eines der Hauptexportgüter Moldawiens; 80 Prozent davon gingen traditionell nach Russland) verhängt. Aber auch für landwirtschaftliche Erzeugnisse (Fleisch, Gemüse, Obst) wurde die Wirtschaft nachhaltig gestört. Obwohl die Importverbote Ende 2006 aufgehoben wurden, entschied sich Moldawien andere Verhandlungspartner zu suchen. Seit 2008 ist die EU größter Handelspartner Moldawiens.

 

Eine typische Dorfstraße in Moldawien; Quelle: Alle Fotos von Alexandru Ionel

Das Bruttoinlandsprodukt Moldawiens beträgt knapp 11 Mrd.$ (vgl. Deutschland 3,1 Bio.$). Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt ca. 180 Euro, weshalb Moldawien oft als das ärmste Land Europas bezeichnet wird. Den größten Teil davon machen die Geldüberweisungen der im Ausland lebenden Moldawier an ihre Familien aus. Korruption ist leider immer noch stark ausgeprägt und in fast allen Gebieten gang und gäbe. Man kann sich fast alles erkaufen: ein Diplom, einen Führerschein … Und das ist schon ein großes Problem.

 

Das Bildungssystem

Die Situation im Schul- und Hochschulwesen ist aufgrund der finanziellen Lage der Republik schwierig. Das Lohnniveau ist äußerst niedrig und hat dazu geführt, dass viele qualifizierte Wissenschaftler und Hochschulabsolventen ins Ausland ausgewandert sind. Auch Gelder für den Erwerb von Literatur und technischer Ausstattung stehen kaum zur Verfügung. Ausländische Unterstützung durch Fortbildungsmaßnahmen für Lehrer ist daher sehr gefragt und eine wesentliche Voraussetzung für die kontinuierliche Arbeit.

Die Forschungsarbeit ist ebenfalls vom Mangel an finanziellen Mitteln geprägt. Moldawische Wissenschaftler sind daher auf den Kontakt zu den ausländischen Wissenschaftlern und vor allem ihr Wissen und ihre Erfahrung angewiesen.

 

Die medizinische Versorgung

Auch die Qualität der medizinischen Versorgung liegt weit hinter den westeuropäischen Standards. In über 360 Dörfern gibt es keine ärztliche Versorgung. Pro 1000 Bürger sind ganze 2,6 Ärzte vorhanden. Viele Moldawier verlassen das Land in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Zurück bleiben neben Kindern vor allem Senioren. Durch diese demographische Verschiebung ist besonders die Pflege alter Menschen in der Republik ein großes Problem geworden. Zudem sind die hygienischen Verhältnisse schlecht, das Wissen um gesunde Ernährung kaum vorhanden. Die Kliniken sind oft sehr schlecht ausgestattet. Die wissenschaftlichen Fortschritte der Medizin von heute kommen dort nicht an. Und genau das kostet oft Leben.

 

Meine Geschichte

Diesen Umständen zum Trotz hatte ich eine sehr schöne Kindheit. Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und um uns Kinder. Mein Vater arbeitete von morgens bis abends. Er verdiente wenig im Vergleich mit einem Europäer, viel hingegen im Vergleich mit seinen Landeskollegen. Sein durchschnittliches Einkommen liegt ungefähr bei 500 Euro pro Monat.

 

Alexandru beim Zwischenstopp auf seinem Weg zur Poliklinik, um frisches Wasser zu trinken.

Meine Bildung wurde von meinen Eltern sehr gefördert. Ich hatte immer Zusatz-Lehrbücher, spezielle Poster und um es kurz zu sagen: alles, was meine Mitschüler nicht hatten. Dementsprechend habe ich sehr viel gelernt. Ab der ersten bis zu siebten Klasse gehörten mein bester Freund und ich immer zu den Spitzenschülern. Doch ab der siebten Klasse sollte plötzlich alles ganz anders werden!

Es fing damit an, dass ein deutsches Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen nach einem neuen Tanzpartner für Standard- und Lateintänze gesucht hat. Es ist bekannt, dass es in Osteuropa viele gute und begabte Tänzer gibt und den vorherigen hatte sie an den Fußball verloren. Zu dieser Zeit habe ich sehr erfolgreich in Moldawien getanzt und war mit meiner damaligen Tanzpartnerin sogar moldawischer Meister in den Standardtänzen. Durch einen Bekannten, der beruflich ständig zwischen Deutschland und Moldawien reiste, kam es zuerst zur Kontaktaufnahme und dann zu einem Treffen.

Ich war 13 ½ Jahre alt, sie war 13 ½ Jahre alt. Zusammen mit der passenden Größe waren damit die wichtigsten Voraussetzungen schon einmal gegeben. Ich sprach kein Wort Deutsch, meine Eltern ebenso wenig. Die Verhandlungen und Gespräche waren auf Englisch. Seit ich ein Kind bin treibe ich viel Sport. Als kleines Kind habe ich sehr viele Sportarten ausprobiert. Angefangen bei Fußball über Kampfsport bis zum Tanzsport. Im Endeffekt bin ich beim Tanzsport geblieben. Und das ist gut so! Denn das war mein Zugang in das – in meinen Augen– beste (!) Land Europas, nämlich Deutschland.

 

Die große Veränderung: Der Tanz nach Deutschland

Nun habe ich 13 ½ Jahre im Armenhaus Europas gewohnt, mit meinen Eltern und mit meinen 2 Brüdern. Jetzt bin ich 18 Jahre alt. Und befinde mich in dem reichsten und besten Land Europas – allerdings ohne meine Eltern und ohne meine Geschwister.

Das Ziel meines Kommens war eine bessere Bildung und Leistungssport auf hohem Niveau. Mittlerweile sind meine Tanzpartnerin und ich zweifacher Deutscher Jugendmeister im Standardtanzen und innerhalb dieser Altersklasse das fünftbeste Paar der Welt.

In Deutschland wohne ich mittlerweile seit 4 Jahren in der Familie meiner Tanzpartnerin. Mein Gastvater und mein Gastbruder (26) sind Zahnärzte. Es ist wie ein "neues Leben" für mich. Sauberes Trinkwasser, gutes Essen, eine ausgezeichnete Schulbildung, zahlreiche sehr gute Erfolge im Sport und einen Staat, der mich ungemein unterstützt. Vor kurzer Zeit habe ich auch den rumänischen Pass bekommen, und da Rumänien zur EU gehört, heißt das, dass ich eine langfristige Aufenthaltserlaubnis innerhalb der EU habe.

 

Zukunftspläne

Schon als kleines Kind liebte ich die Medizin. Es war und ist mein Traum, ein guter Arzt zu werden. Meine Mutter wünschte sich, dass ich Chirurg werde, mein Vater wiederum, dass ich Zahnarzt werde.

Als Kind, als meine Mutter im Krankenhaus lag, besuchte ich sie täglich und wollte aus dem Krankenhaus nicht mehr nach Hause gehen, weil ich spürte, dass die Kranken Hilfe brauchten. Ich empfand ein starkes Verlangen danach, ihnen zu helfen. Ärzte kämpfen um das Leben der Menschen und geben ihr Bestes, um die Gesundheit der Patienten zu schützen. Und sie wollen keinen Menschen leiden sehen. Diesen Menschen möchte ich vom ganzen Herzen helfen und ihre Gesundheit bewahren.

 

Alexandru Ionel beim Besuch einer christlichen Poliklinik in Moldawien, die von Ärzten aus Deutschland unterstützt wird.

Aufgrund meiner geringen deutschen Sprachkenntnisse am Anfang meiner Schullaufbahn werde ich voraussichtlich im Jahr 2013 "nur" eine Fachhochschulreife erwerben. Schade, denn die Fachhochschulreife reicht als Voraussetzung für ein Medizin- bzw. Zahnmedizinstudium in Deutschland nicht aus, dabei gilt die deutsche Ausbildung als die beste der Welt. Im Prinzip könnte ich das Abitur nachholen, allerdings dauert das noch einmal zwei Jahre. Das Problem dabei ist, dass ich als Moldawier, dessen Eltern im Durchschnitt 400-500 Euro pro Monat verdienen, nur sehr wenig Geld zur Verfügung habe. Meine Gastfamilie unterstützt mich sehr und dafür bin ich sehr dankbar, aber meine Gasteltern haben selbst noch drei Kinder.

Ich befinde mich also in einer wirklich schwierigen Situation: Ich lebe ohne meine Eltern in Deutschland, meine Eltern wohnen in einem der ärmsten Länder Europas und verdienen dementsprechend wenig Geld, mit dem sie auch noch meine beiden Geschwister finanziell unterstützen müssen. Man könnte sagen, dass ich, weil ich als einziger in einem Land mit so vielen Möglichkeiten lebe, die Hoffnung meiner ganzen Familie bin.

Aus all diesen Gründen möchte ich schnellsmöglich mit meinem Studium anfangen und früh fertig werden, um nicht auf andere angewiesen zu sein. Es ist oft sehr lästig, daran zu denken, dass ich noch sehr lange (bis zum Ende des Studiums) auf andere finanziell angewiesen sein werde.

Auch heute kann ich mich zu den Klassenbesten zählen und lerne sehr gerne, mit einer besonderen Vorliebe für die naturwissenschaftlichen Fächer. In meiner Freizeit beschäftige ich mich neben dem Tanzsport mit medizinischen Inhalten, indem ich interessante Lehrbücher studiere. Vor allem seit ein guter Freund und Zahnmedizinstudent mir die Universitätsmedizin Göttingen vorstellte und ich ein Praktikum in einer orthopädischen Klinik absolviert habe, wünsche ich mir nichts mehr als ein guter und hilfsbereiter Arzt zu werden. Ich hoffe sehr, dass ich trotz meiner Situation einen Studienplatz an einer deutschen Universität erhalten kann, um meinen Lebenstraum zu verwirklichen!

Meine Familie in Moldawien besuche ich zwei Mal im Jahr. Oft vermisse ich sie und wünschte, ich könnte mein ganzes Glück hier mit ihnen teilen – doch ich weiß: Jetzt habe ich die Möglichkeit auf eine bessere Bildung und auf ein besseres Leben. Und oft gibt es solch eine Chance nur einmal im Leben. Wenn ich sie jetzt nicht wahrnehme, wird sie wahrscheinlich verschwinden. Und zwar für immer!

Wer Fragen zum Artikel oder Tipps für Alexandru bezüglich eines Medizinstudiums hat, kann sich gerne bei ihm melden: alexionel@web.de

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