• Bericht
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  • Sarah Carolin Sprinz
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  • 12.11.2015

Unter NC-Flüchtlingen - der MedAT in Innsbruck

In Österreich gibt es keinen NC – der MedAT entscheidet, ob man ins Medizinstudium aufgenommen wird oder nicht. Jedes Jahr reisen hunderte deutsche Abiturienten zum Test an. Was sie erwartet und ob es der Versuch wert ist.

 

35° im Rekordsommer 2015 in Deutschland, meine Freunde feiern die bestandenen Abiturprüfungen am Badesee und anstatt es ihnen gleichzutun, sitze ich im Auto Richtung Österreich. Im Gepäck meine Mama, gefühlte fünf Kilo Traubenzucker und die Teilnahmebestätigung zum diesjährigen MedAT in Innsbruck.

Vorbereitet habe ich mich kaum bis gar nicht, was daran liegt, dass ich bis vor einer Woche noch damit beschäftigt war, mein Abitur zu retten und, um ganz ehrlich zu sein, in Zeiten von EU-Quote der Österreicher kaum damit rechne, tatsächlich einen der heiß begehrten Studienplätze an der medizinischen Universität Innsbruck zu ergattern.

Wann immer mir Freunde oder Verwandte die Frage stellen, was ich nach dem Abitur machen möchte, ich meinen Wunsch vom Medizinstudium erwähne und dieses paradoxe Gespräch von „Hast du so ein gutes Abi?“ zu „Probier’ doch mal diesen Medizinertest, mit dem man seine Note verbessern kann“ entsteht, dauert es meist nicht lange, bis mir jemand vorschlägt, es doch mal in Österreich zu versuchen: „Da gibt’s doch keinen NC!“.


Gut gemeint ist jedoch selten gut gemacht und so trainiere ich mich seit Jahren in Selbstbeherrschung, indem ich es schaffe, ein genervtes Augenrollen zu unterdrücken und geduldig erkläre, dass Österreich früher eine interessante Alternative war, heute jedoch beinahe ebenso aussichtslos zu sein scheint wie das hiesige Studium.


Natürlich klingt Österreich auf den ersten Blick vielversprechend, schließlich ist die Abiturnote, solange man eine hat, egal, doch nachdem unsere Nachbarn den deutschen Andrang auf ihre raren Medizinstudienplätze seit 2006 mit einer Quotenregelung vorläufig auf Eis gelegt haben, sind unsere Chancen als deutsche Bewerber einen Platz zu erhalten verschwindend gering. Nur noch zwanzig Prozent der etwa 1500 österreichischen Studienplätze an den medizinischen Fakultäten Wien, Graz, Innsbruck und Linz sind für Bewerber aus dem europäischen Ausland zugänglich.

„Sie sind sicher zum Test hier!“, begrüßt uns die ältere Dame an der Rezeption des Hotels, in dem wir die Nacht verbringen werden, bevor es morgen zur Sache geht.
Zunächst wundere ich mich, wie sie mich sofort als Testteilnehmerin enttarnen konnte, doch schon nach kurzer Zeit wird klar, dass der alljährlich im Juli stattfindende MedAT längst zu einer wahren Großveranstaltung in der Tiroler Landeshauptstadt am Inn herangewachsen ist. Nahezu alle Hotels sind von Abiturienten, und Maturanten belegt und selbst in unserem Haus, das eher zu den abgelegeneren zählt, finden sich zwei Mädchen, die ebenfalls ihr Glück versuchen werden.

Am nächsten Morgen wimmelt es gegen 7:30 Uhr geradezu vor lauter junger Erwachsenen, die sich mit Testeinladung in der einen, durchsichtigem Sackerl mit Jause, Geldbörsel und Schreibzeug in der anderen Hand vor den Eingängen des Congress- und Messezentrums Innsbruck einfinden – je nach Studienwunsch vor den Pforten zu MedAT-H (Humanmedizin) oder MedAT-Z (Zahnmedizin).


Die Straßen wurden teilweise abgesperrt, Sicherheitsbeauftragte in leuchtenden Warnwesten koordinieren die Schlangen an den Einlässen und vereinzelte Studenten im weißen Kittel verteilen Nervennahrung in Form von Bananen. Sie scheinen dieses Prozedere bereits erfolgreich gemeistert zu haben und werden mit durchgehend neidischen Blicken bedacht.


Ich fühle mich weniger wie vor einer wichtigen Aufnahmeprüfung, sondern eher als stünde ich in der Schlange eines restlos ausverkauften Konzerts und gerade würde ich ein solches auch viel lieber besuchen. Ich bin nervös, habe nach meinen Gedanken einen Ohrwurm von CRO und komme zu dem Schluss, dass es heute definitiv nicht unbedingt „easy“ werden wird.

Relativ pünktlich betrete ich das Foyer der riesigen Halle, muss wie alle anderen Handy und Jacke an einer der Garderoben abgeben und suche mir im gigantischen Saal einen freien Platz in den unzähligen bestuhlten Tischreihen.
Test- und Antwortbögen werden ausgeteilt, per Lautsprecher bekommen wir Anweisungen zum Ablauf und beginnen schließlich mit dem naturwissenschaftlichen Teil des Tests. Bis zur Mittagspause brüten wir über Biologie, Chemie, Physik und Mathematik, es wird im Akkord auf den Antwortbögen gekreuzt und als das Pausenzeichen ertönt, bin ich erstaunt, dass der erste Teil des Tests tatsächlich schon geschafft ist.

Die Mittagspause findet im Freien statt, ich bin überwältigt vom Anblick des Alpenmassivs, das sich vor uns auftürmt, kaum dass wir die Halle verlassen haben und muss unwillkürlich daran denken, dass es definitiv unattraktivere Studienorte gibt als Innsbruck.
In der anderthalbstündigen Pause komme ich mit einigen meiner fast 3500 Konkurrenten ins Gespräch, lerne jedoch ausschließlich Deutsche kennen, die ebenso verzweifelt wie ich der NC-beherrschten Heimat den Rücken gekehrt haben.

Der kognitive Teil des Test geht schneller von der Hand als erwartet und es ist recht früh am Nachmittag, als Massen von Testteilnehmern zurück aus der Halle auf die Straßen strömen, wo sich bereits gespannt abwartende Eltern aufgestellt haben, die wissen wollen, wie es gelaufen ist. Eine seltsame Mischung aus Erleichterung und Besorgnis liegt in der Luft, noch weiß schließlich niemand, wie er abgeschnitten hat und ich versuche nicht hinzuhören, während links und rechts von mir diskutiert wird, ob bei Frage 24 der Biologie B oder etwa doch E die richtige Antwort war.

Nun ist es geschafft und das Ergebnis nicht mehr zu ändern, doch immerhin könnte man es nächstes Jahr noch einmal versuchen und für all diejenigen, denen das zu aussichtslos scheint, verteilen Mitarbeiter einschlägiger Agenturen noch auf den Vorplätzen des Congress-Zentrums Flyer zum Medizinstudium im osteuropäischen Ausland an frustrierte Testteilnehmer.

 


 

 

Lies hier, ob Sarah den Test einen Medizinstudienplatz bekommen hat ...

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