• Interview
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  • Tobias Herbers
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  • 06.03.2012

Medizinstudium für die Wissenschaft

Medizinstudienplätze sind rar, erst recht für Bewerber, die schon ein Studium abgeschlossen haben: Nur drei Prozent aller verfügbaren Studienplätze sind für solche Bewerber reserviert. Geben sie jedoch wissenschaftliche Gründe für ein anschließendes Medizinstudium an, können sie ihre Chancen erheblich erhöhen. Tobias Herbers sprach mit der Medizinstudentin Sabine W.*, die diesen Weg gegangen ist.

Foto: Thieme

> Du studierst nun schon seit drei Semestern Medizin. Was hast du vorher gemacht?

Ich habe vor dem Medizinstudium eine Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Laboratoriumsassistentin absolviert und anschließend Rehabilitationspsychologie studiert. Der Wunsch, Medizin zu studieren, kam während meiner Ausbildung zur MTLA auf.

> Hast du dich dann gleich nach dem Abschluss deines Erststudiums für einen Medizinstudienplatz beworben?

Nein. Nachdem ich schon während der Semesterferien regelmäßig in der Schweiz an wissenschaftlichen Projekten mitgearbeitet hatte, war ich dort nach meinem Erststudium mehrere Jahre in der klinischen Forschung tätig. Erst danach habe ich mich bei der Stiftung für Hochschulzulassung Hochschulstart für ein Zweitstudium beworben.

> Du hast deinen Wunsch, Medizin zu studieren, mit wissenschaftlicher Notwendigkeit begründet. Musstest du außer des Erststudiums weitere Bedingungen erfüllen?

Da ich ja schon in der klinischen Forschung tätig war und während meines ersten Studiums den Schwerpunkt auf Methoden der Forschung gelegt hatte, erfüllte ich die Anforderungen von Hochschulstart für ein Zweitstudium aus wissenschaftlichen Gründen.

> Welche Unterlagen verlangte Hochschulstart für den Nachweis der wissenschaftlichen Notwendigkeit?

Das Wichtigste bei meiner Bewerbung war ein Gutachten darüber, dass meine Gründe tatsächlich wissenschaftlicher Natur waren. Es war schon schwierig, überhaupt herauszufinden, wer ein solches Gutachten schreibt. Mein Gutachten erstellte eine Mitarbeiterin des Studiendekanats der medizinischen Fakultät. Sie stützte sich dabei auf Arbeitszeugnisse und ähnliche Unterlagen, die ich ihr zur Verfügung stellte. Das Gutachten schickte sie dann direkt an Hochschulstart. Ich habe außerdem ein Empfehlungsschreiben einer Studienärztin und eines Entwicklungsleiters eingereicht, mit denen ich eng zusammengearbeitet hatte. Hochschulstart verlangte darüber hinaus einen Lebenslauf, ein Motivationsschreiben und verschiedene Nachweise über die vorangegangene wissenschaftliche Arbeit. Alle diese Unterlagen hatte ich ja bereits für das Gutachten zusammengestellt.

> Du hast Dich vor der Bewerbung gut informiert. Hast Du mitbekommen, wer sich für diesen Weg zum Medizinstudium besonders gerne entscheidet?

Seit in Deutschland das Bologna System eingeführt wurde, gibt es unter den Biologen und Chemikern viele, die sich nach dem Bachelor noch für ein Medizinstudium entscheiden. Dadurch ist die Zahl der Zweitstudienbewerber angestiegen - vorgesehen sind für diese ja nur drei Prozent aller Studienplätze.

> Wie reagieren die Kommilitonen und Professoren, wenn sie erfahren, dass du "aus wissenschaftlichen Gründen" einen Studienplatz bekommen hast?

Tatsächlich wissen nur wenige Kommilitonen davon und haben überraschend positiv darauf reagiert. Diejenigen Kommilitonen aus meinem Psychologiekurs im zweiten Semester, die nichts von meinem Erststudium wussten, haben sich nur gewundert, dass ich ab der zweiten Stunde nicht mehr teilgenommen habe. Aber die Dozentin hat ihnen kurz erklärt, dass ich schon Diplom-Rehabilitationspsychologin bin und den Kurs somit nicht mehr belegen muss."

> Konntest du Kurse aus deinem ersten Studium für das Medizinstudium anrechnen lassen?

Der erwähnte Psychologiekurs wurde angerechnet, und ich habe auch schon den Schein für das kommende Psychologieseminar bekommen. Mehr wird mir in der Vorklinik nicht angerechnet.

> An wen hast Du Dich gewendet, um Deine Leistungen anerkennen zu lassen?

Für die sogenannte Äquivalenzbescheinigung, die man braucht, ist der Dozent des jeweiligen Kurses zuständig. Beim Fach Psychologie wurde ich an die verantwortliche Dozentin für den Medizinischen Psychologiekurs verwiesen und bekam von ihr die Bescheinigungen für beide Kurse. Diese Bescheinigung habe ich dem Studiendekanat vorgelegt und zum zuständigen Landesprüfungsamt geschickt. Das LPA schickte mir schließlich eine schriftliche Bestätigung, dass die Kurse anerkannt werden.

> Der Ärztemangel in Deutschland ist zurzeit in aller Munde. Kannst du dir - und können Deines Wissens nach Studenten mit Deinem Hintergrund - vorstellen, später einmal praktisch am Patienten zu arbeiten?

Ich denke schon, dass auch ich zum großen Teil praktisch arbeiten möchten, schließlich kann ich ja zusätzlich wissenschaftlich tätig sein.

> Sollten nicht diejenigen, die zukünftig ausschließlich medizinisch-wissenschaftlich arbeiten möchten, eher "Molekulare Medizin" oder ein ähnliches Fach studieren statt Humanmedizin?

Nein, das kann man so nicht sagen. Das Medizinstudium ist so vielfältig, dass es für jede medizinisch-wissenschaftliche Tätigkeit äußerst fundierte Grundlagen vermittelt.

> Vielen Dank für das Interview! Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg in deinem Studium!

Notwendige Unterlagen für die Bewerbung um ein Zweitstudium Humanmedizin

  • Beglaubigte Kopie des bereits abgeschlossenen Studiums mit erkennbarer Abschlussnote
  • Nachweise, die ein Zweitstudium wissenschaftlich begründen (Arbeitszeugnisse in Wissenschaftlichen Projekten, abgeschlossene Studienleistungen…)
  • Ausführliche Erklärung über die persönlichen Gründe und die individuelle Motivation. Hier sollte u.a. das angestrebte Berufsziel genannt sein. Es sollte aufgezeigt werden, dass das Medizinstudium zu einer weiteren wissenschaftlichen Qualifikation in seinem Forschungsgebiet führt.
  • Gutachten der erstgenannten Wunsch-Uni, in dem die geäußerten Gründe für ein Zweitstudium bewertet werden

Anrechnung von Studienleistungen

Eine Anrechnung von zuvor erbrachten Prüfungsleistungen erfolgt durch das zuständige Landesprüfungsamt. Zuvor sollten die Leistungen allerdings durch den jeweiligen Dozenten bzw. das Studiendekanat auf ihre Anrechenbarkeit
überprüft werden.

*Name geändert. Der tatsächliche Name ist der Redaktion bekannt.

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