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  • Melanie Poloczek
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  • 19.08.2019

Phyisikum Erfahrungsbericht [Teil 2] – Die Schriftliche und Mündliche Prüfung

Physikumsprüfungen sorgen für Aufregung, bringen die Gerüchteküche zum Kochen, schüren Angst und Schrecken, sind die Mauer zwischen Vorklinik und Klinik. Melanie erzählt, wie sie sich vorbereitet und die Prüfungen erlebt hat.

 

Nach intensiver Vorbereitung [Teil 1], Stunden am Schreibtisch und dem Gefühl eines verpassten Sommers, steht am Ende einer jeden Lernphase nur eines: Die Prüfung. Wochen sind vergangen, mit ihr Lernpakete und Kaffeepulver, schließlich war es dann so weit: Zwei Tage schriftliches Physikum und eine mündliche Prüfung trennten mich noch vom langersehnten Sprung in die Klinik, von Sommerurlaub und von der Hoffnung, endlich das verflixte Biochemieposter abhängen zu können. In diesem Teil soll es nun also darum gehen, wie ich meine Physikumsprüfungen – schriftlich und mündlich – erlebt habe, wie sie allgemein verlaufen sind, was ich empfunden habe und wie ich rückblickend darüber denke.

SCHRIFTLICHES PHYSIKUM

Überblick

Das schriftliche Physikum wird an zwei Tagen absolviert, an denen jeweils 160 Fragen zu kreuzen sind. Der erste Tag steht im Zeichen der Biochemie und Physiologie, an Tag zwei sind Anatomie und PsychSoz an der Reihe. Pro Tag stehen vier Stunden Bearbeitungszeit zur Verfügung, die Prüfung wird deutschlandweit zum gleichen Zeitpunkt durchgeführt.

Der Morgen vor der Prüfung

Die Medizinstudenten meiner Universität werden für die schriftliche Prüfung auf mehrere Standorte verteilt. So hatte ich das Pech, die schriftliche Prüfung nicht in der Anatomie schreiben zu dürfen (welche fünf Fahrradminuten von mir entfernt liegt), sondern am anderen Ende der Stadt. Nach frühzeitigem Aufstehen und ausgiebigem Frühstück (Quark, Haferflocken, Banane) habe ich mich also frühzeitig auf den Weg zu meinem Prüfungsort begeben. Ich war nicht aufgeregter als vor anderen Prüfungen; die leichte, übliche Anspannung war da, aber ich hatte keine Probleme damit, mein Frühstück im Magen zu behalten oder klare Gedanken zu fassen.


Am Prüfungsort angekommen, einer Stadthalle, in der an diesem Morgen laut Programmtafel auch Weight-Watchers-Treffen stattfanden („Ich würde jetzt auch lieber Punkte zählen als Kreuzchen setzen“, so mein Gedanke), traf ich auf andere Kommilitonen, und während eine Versicherungsfirma Müsliriegel an uns verteilt hat – mit dem Versuch, gleichzeitig neue Kunden zu werben (als würde jemand in den Minuten vor seinem schriftlichen Physikum Gedanken an Berufsunfähigkeit und Rechtsschutz verschwenden), ging es schließlich in den Prüfungssaal.

Setting

Einzeltische, akkurat in Reihen angeordnet, mit Sitzplatznummern versehen und auf eine Bühne ausgerichtet, auf dieser der Prüfungsaufseher und seine Helfer, eine offizielle Uhr und sonst nichts. Der Anblick bei Betreten des Prüfungssaals hat mich ohne Umschweife an den TMS erinnert, und fast kamen Glücksgefühle auf, da ich gleich nicht unvorbereitet den Medizinertest, sondern vorbereitet das Physikum absolvieren würde. Während ich Banane, Traubenzucker und Druckbleistift (der neuste Einfall des hiesigen Prüfungsamtes) auf dem Tisch ausgebreitet habe, war ich wie immer fasziniert davon, dass einige die halbe Bäckerei leergekauft hatten und sich andere ohne jede Spur etwas Essbaren begnügen können.

Erster Prüfungstag

Letztendlich wurden die Prüfungshefte ausgeteilt, es folgten eine Belehrung, die Frage, ob sich alle gesundheitlich und körperlich in der Lage fühlen, die Prüfung anzutreten (ihr wisst schon) und schließlich fiel um Punkt neun Uhr der Startschuss: „Die Prüfung ist hiermit offiziell eröffnet, Viel Erfolg!“.

Los ging es übrigens mit Physikaufgaben, von denen ich – das hat mich selbst gewundert – eine ganze Reihe auf Anhieb lösen konnte. Die „Problemfälle“ habe ich dann aufs Ende der Prüfung vertagt und an ihnen geknobelt, nachdem ich die restlichen Fächer/Fragen durchgekreuzt hatte. Im Übrigen kommt man in Physik oft auch auf die richtige Lösung, ohne überhaupt eine einzige Formel zu kennen: Einfach gegebene Einheiten so in Brüche packen und wegkürzen, dass am Ende die in den Lösungen vorgegebene Zieleinheit entsteht, das funktioniert ganz gut.

Auch die anderen Fächer liefen ganz gut über die Bühne, sodass die Aufregung relativ schnell verflogen war. Natürlich gibt es immer wieder Fragen, bei denen man schlicht und einfach raten muss, oder Kandidaten, bei denen man zwar drei Antwortmöglichkeiten ausschließen kann, dann aber immer noch die 50:50-Chance der übrigen beiden verbleibt. Mir ist aber auch aufgefallen, dass viele Physikumsfragen weniger Wissen erfordern als Fragen unieigener Klausuren. Die meisten Physikumsfragen prüfen Grundlegendes ab, handeln von wichtigen Themen, häufigen Erkrankungen und nicht von Detailwissen, das man vielleicht für so manche Vorklinikklausur brauchte. Ihr habt also mehr auf dem Kasten, als ihr vielleicht denkt!

Zudem habe ich bei Weitem nicht die vorgegebenen vier Stunden Zeit benötigt. Es blieb genug Zeit, um am Ende zu prüfen, ob ich alle Kreuze richtig auf den Antwortbogen übertragen habe (ich habe im alle-10-Fragen-Rhythmus meine Lösungen vom Aufgabenheft auf den Bogen übertragen).

Nach dem ersten Tag – ich war gegen Nachmittag wieder zuhause – habe ich dann nicht mehr gelernt, sondern nur darauf gewartet, dass Tag zwei beginnt. Die Prüfung war nicht unanstrengend, ich hatte aber ein ganz gutes Gefühl und da ich wusste, dass Tag zwei entspannter würde, der Fächer wegen, habe ich ohne Gewissensbisse die Beine hochgelegt und nach langer Zeit mal wieder eine Folge Grey’s Anatomy angesehen.

Zweiter Prüfungstag

Fast schon routiniert ging es an Tag zwei wieder zum Prüfungsort, diesmal absolut unaufgeregt, weil ich wusste, dass mit Anatomie und PsychSoz Fächer auf mich warten, die – so mein persönliches Empfinden damals – „leichter“ zu beantworten sind als Physik oder Chemie. Außerdem hatte ich meine Ergebnisse vom Vortag bereits im Medilearn-Examensrechner eingegeben (hier könnt ihr direkt nach der Prüfung eure Lösungen eintragen und bekommt, natürlich ohne Gewähr und absolut inoffiziell, angezeigt, welches Ergebnis ihr ungefähr erzielt habt) und wusste daher, dass Tag eins wirklich gut verlaufen ist und ich heute, an Tag zwei, nicht einmal die üblichen 60% der Fragen richtig beantworten muss, um zu bestehen. An diesem zweiten Tag habe ich, so wie die meisten anderen auch, übrigens noch weniger von den verfügbaren vier Stunden Zeit benötigt als am Vortag, sodass sich das Warten auf das Prüfungsende furchtbar in die Länge gezogen hat (man darf zwar gehen, sobald man fertig ist, jedoch darf man das Aufgabenheft erst mit nach Hause nehmen, sobald die Prüfung offiziell beendet ist – und das Heft will man schließlich gerne mitnehmen).

Die Erkenntnis, dass das schriftliche Physikum auf einmal hinter mir lag, war ernüchternd. Der ganze Prozess war viel unspektakulärer als gedacht und stand gefühlsmäßig in keinem Verhältnis zur wochenlangen Vorbereitung: 50 Lernpakete für 320 läppische Fragen, das war mein Gedanke. Wahrscheinlich ist dieses Gefühl unvermeidbar, wenn eine Prüfung gut verlaufen ist; man bereitet sich auf fast alle Eventualitäten vor, abgefragt wird am Ende aber nur ein Bruchteil. Den Bruchteil wiederum kann man aber nur beantworten, indem man sich auf fast alle Eventualitäten vorbereitet – ein störrischer Kreislauf.
Überwogen hat trotzdem das Gefühl der Erleichterung: Endlich vorbei, endlich einen großen Schritt näher an der Klinik, an Ferien; nur noch die mündliche Prüfung – „nur“ noch.

 

MÜNDLICHES PHYSIKUM

Überblick

Das mündliche Physikum findet, je nach Universität, entweder vor oder nach dem schriftlichen Physikum statt, geprüft werden „nur“ die drei großen Fächer Anatomie, Biochemie und Physiologie. Die Prüfung absolviert ihr in einer Dreier- oder Vierergruppe, die Prüferkombination sowie der genaue Prüfungstermin wird euch 1-2 Wochen vor der Mündlichen postalisch mitgeteilt. In jedem Fach werdet ihr als Einzelperson 15-20 Minuten lang geprüft, im Anschluss an die mündliche Prüfung wird euch noch am gleichen Tag die Gesamtnote mitgeteilt. In NRW muss seit diesem Herbst vor der eigentlichen mündlichen Prüfung noch die sogenannte „Vorterminliche Aufgabe (VTA)“ absolviert werden. Das ist eine schriftliche Aufgabe in einer der drei Physikumsfächer (z.B. das Beschriften anatomischer Abbildungen), deren Lösung im Fall, dass der Prüfling zwischen zwei Noten steht und sich die Prüfer nicht einigen können, zur Beurteilung herangezogen werden kann.

Von Angst, Anspannung und mentalen Breakdowns

Mein „Morgen vor der Prüfung“ war ein langer Morgen, und ein langer Vormittag – für meine mündliche Prüfung hatte ich nämlich den Mittags- bzw. Nachmittagstermin erwischt. Und überhaupt, die Nerven lagen blank. Ich würde von mir behaupten, dass ich jemand bin, der Ruhe bewahren kann, der sich auch vor Prüfungen nicht aus der Fassung bringen lässt, noch nie große Probleme mit Prüfungsängsten oder Totalausfällen hatte, keine Black-Outs kennt und höchstens mit der kleinen Prise Nervosität vertraut ist, die einen vor einer Klausur oder Prüfung auf Zack hält, mit Prüfungsbeginn allerdings sofort wieder schwindet. So verhielt es sich schon in der Schule, im Abitur, während Vorklinikklausuren, beim schriftlichen Physikum – in den Tagen vor dem mündlichen Physikum sollte ich, was das angeht, jedoch Neues erleben.

Dass es uns vor dem mündlichen Physikum mehr graut als vor dem schriftlichen, der Meinung waren eigentlich alle Kommilitonen, mit denen ich mich (teils schon Monate vorher) über das mündliche Physikum unterhalten hatte: „Biochemie mündlich wird mein Untergang“, dachten die meisten (ich eingeschlossen), und die Erinnerung an zurückliegende, mündliche Anatomietestate – die Minuten meines Lebens, in denen ich bis dato das größte, mir bekannte Gefühl von Anspannung und Nervosität erleben durfte, nämlich beim Warten vor dem Präpariersaal – sorgen heute noch für ein flaues Gefühl im Magen.

Eigentlich hatte ich von dem Augenblick an, in dem ich den Brief zur Bekanntgabe meiner Prüferkombination geöffnet und gelesen habe, keinen Grund zur Sorge. Ich hatte Prüfer zugewiesen bekommen, von denen ich wusste, dass sie fair bewerten und nett auftreten würden. „Falls ich durchfallen sollte, dann liegt es an mir“, war mein erster Gedanke. Vielleicht hat gerade das meinen Stress vor der mündlichen Prüfung erhöht, oder Sprüche wie „Schon mal Glückwunsch zum Physikum“, wenn andere von meiner Prüferkombination erfahren hatten, während sie selbst das Urgestein der Anatomie vor sich sitzen haben würden. Vielleicht – nein, definitiv! – war aber auch sprichwörtlich einfach die Luft raus. Während der Vorbereitung auf die mündliche Prüfung konnte ich mich so schlecht konzentrieren wie nie zuvor, habe mir ständig die verschiedensten Szenarien ausgemalt: Wie würde es sein, wenn ich nach Bestehen den Sektkorken knallen lassen würde, oder was fange ich mit dem kommenden Halbjahr an, wenn ich durchfalle und nicht in die Klinik versetzt werde? Wie ärgerlich es wäre, durchzufallen, weil man genau jetzt so viel über die Medizin weiß wie nie zuvor, und trotzdem angesichts der Prüfung das Gefühl hat, von Tag zu Tag mehr zu vergessen als dazuzulernen.

Ich weiß, dass ich mit diesen Zweifeln nicht allein war, und auch nicht die Einzige, die von ihnen „überrascht“ wurde, die in dieser Zeit schlecht geträumt hat oder auch mal im stillen Kämmerlein zum Taschentuch greifen musste. Erst in den Tagen vor der Prüfung hat sich die Anspannung ein wenig gelegt, nämlich dann, als ich mich mit meiner Prüfungsgruppe getroffen und, neben dem Lernen, eben auch über diese Dinge geredet habe. Reden – ich wüsste nicht, was man Besseres dagegen tun könnte.

 

Die mündliche Prüfung – Erlebnisbericht

Es war soweit:
Die mündliche Prüfung beginnt an meiner Uni traditionell mit der Anatomie. Gemeinsam gehe ich mit Prüfern und Kommilitonen die Stufen zum Präpariersaal hinunter, werde dabei den Gedanken nicht los, dass es meine letzte Prüfung an einer Körperspende sein könnte, wenn ich denn heute das Physikum bestehe.

Ich bin Nummer drei. Während die Anatomieprüfung für den ersten von uns sogleich mit dem Histologieteil beginnt, warten wir anderen in etwas Abstand auf unseren Einsatz, beobachten die erste Prüfung aus der Ferne. Neben den Körperspenden ist ein Mikroskop mit Kameraaufsatz aufgebaut, das Bild wird auf einen Bildschirm projiziert, sodass alle Prüfer, auch wir Prüflinge, das Präparat sehen können: Ductus seminiferi contorti, Eisenhämatoxylin-Färbung. Dass ich das Präparat erkannt hätte, beruhigt mich. Dass ich ein anderes Präparat vorgesetzt bekommen werde, das ich vielleicht nicht identifizieren kann, verunsichert mich. Für Nummer eins folgt die Prüfung an der Körperspende und es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis der nächste an der Reihe ist, bis auch ich mein Wissen unter Beweis stellen kann. Während ich warte, nehme ich zum ersten Mal wirklich wahr, wie kalt es eigentlich im Präpariersaal ist. Ich erlebe erneut diese eine, oben schon erwähnte Anspannung, die ich so nur von den Anatomietestaten kenne. Man kann nicht ruhig sitzen, ruhig stehen kann man auch nicht, die Gedanken kreisen, die Befürchtung, plötzlich alles durcheinanderzuwerfen, die Angst, seine Handschuhe gleich nicht über schwitzige Hände stülpen zu können. Auch meine Kommilitonen sind von Nervosität gekennzeichnet. Ich versuche, die Stimmung zu heben, sage, dass wir das ganze Wissen, dass wir uns mühevoll angeeignet haben, jetzt endlich raushauen können, stemme die Hände auf den Tisch. Dann mein Einsatz, mein Gang zum Mikroskop. Ich bekomme einen Objektträgerausgehändigt. Es geht los.

Spinalganglion, ich erkenne mein Präparat sofort. Begriffe wie Nissl-Schollen und Mantelzellen rasen mir durch den Kopf, in einem regelrechten Fluss beschreibe ich das Präparat, kann zwar eine Nachfrage nicht beantworten, fühle mich aber zum ersten Mal an diesem Tag so richtig gut, die Anspannung fällt urplötzlich ab. Als ich dann meine Makrothemen genannt bekomme – Themen, die mir liegen, ein embryologisches Situs- und ein ZNS-Thema – weiß ich meine Anatomieprüfung schon fast in sicheren Tüchern, kann mein Glück selbst kaum fassen und muss mir das Grinsen regelrecht verkneifen. Während ich Valvula Eustachii aufsuche und von venösen Drainagen und Hirnblutungen berichte, finde ich den Gedanken, dass ich jetzt gerade, in diesem Moment, mein mündliches Physikum ablege, gar nicht mehr so beängstigend. Schließlich ist mein Teil getan, ich setze mich zurück zu den anderen, und plötzlich ist es gar nicht mehr so kalt im Präpariersaal.

Der Höhenflug wird schließlich im nächsten Prüfungsteil gebremst. Mittlerweile befinden wir uns nicht mehr im Anatomiekeller, sitzen stattdessen an Tischen, wir Prüflingen den Prüfern gegenüber, dazwischen Bananen, Kaffee, Traubenzucker, es folgen zaghafte Schlücke aus Wasserflaschen.

Physiologie, das nächste Fach an diesem Tag. Ich werde über Kapillaren ausgefragt, bewege mich hier eher auf dünnem Eis. Neben all den großen Themen wie Herz und Lunge sind die kleinen Gefäßnetze nicht das Thema, auf das ich mich am intensivsten vorbereitet habe. Ich schaffe es irgendwie, auf die Niere umzulenken – Effektiver Filtrationsdruck sei Dank – und dann läuft es besser, viel besser. Das Thema Niere war mir im dritten Semester ein Dorn im Auge, all die Resorptionsvorgänge und Konzentratonsgradienten hatten es mir nie angetan. Umso größer die Befürchtung, dazu geprüft zu werden, umso intensiver die Vorbereitung, umso größer letztendlich das Wissen über Tubulus und Co, schlussendlich habe ich – im Rahmen der Physikumsvorbereitung – erkannt, dass die Niere ein wahnsinnig faszinierendes Organ ist, und während ich Vorgänge der Bicarbonatresorption skizziere, freue ich mich fast schon darüber, dass sie Teil meiner Physikumsprüfung geworden ist.

Alle guten Dinge sind drei, gut fand ich Biochemie all die Semester über nie, mein Lieblingsfach habe ich in ihr nicht gefunden. Das mag weniger an der Biochemie liegen als an der Tatsache, dass ich Biochemie immer sehr spät nachgearbeitet habe, mit Fragezeichen über dem Kopf in Seminaren und Praktika saß und stets mit Frust statt Freude das Biochemiegebäude betreten und wieder verlassen habe.
Wann immer ich mich in aller Ruhe mit Stoffwechselwegen und Co auseinandergesetzt habe, vor Klausuren und zuletzt vor dem Physikum, hat mich die Biochemie allerdings fasziniert. Ich habe allmählich den großen Zusammenhang erkannt, der Kreis hat sich geschlossen und alles hat schlussendlich irgendwie Sinn ergeben. Die Relevanz eines jeden einzelnen Glykolyseschrittes mag für die Klinik gering sein, das Verständnis von Energiestoffwechsel und Hormonhaushalt allerdings nicht nur äußerst wichtig, sondern auch interessant für einen selbst – denn zugegeben, das Wissen, das man sich als Medizinstudent aneignet, hat auch einen großen Eigennutzen.

Und während ich im Biochemieteil meiner Prüfung das große Los ziehe und unter anderem über Nukleinsäuren und Enzymkinetik abgefragt werde, muss ich unweigerlich an meine Schulzeit zurückdenken, dass dort der Grundstein für den heutigen Tag gelegt wurde: „Started at the BioLK, now I’m here – Danke Watson und Crick, Danke Chargaff!“.
Ich beende meine Prüfung mit einer Erklärung zur SDS-Page, dann ist es getan. Und während der letzte Prüfling auch noch seinen Biochemieteil ablegt, höre ich schon gar nicht mehr zu, denke nur daran, gleich diesen Raum verlassen zu können, draußen von bekannten Gesichtern empfangen zu werden und auf die Verkündigung meiner mündlichen Note zu warten.

Ich war mir relativ sicher, bestanden zu haben, aber mir wird wieder einmal klar, wie zufallsabhängig eine Prüfung sein kann, dass ich mit den für mich bestimmten Themen ein unglaubliches Glück hatte und dass es auch anders hätte laufen können.
Ich bestehe mein mündliches Physikum, mit meiner Note bin ich sehr zufrieden. Dann nur noch Freude, Freunde, Sekt und Freiheit – lang, lang ersehnte Freiheit.

FAZIT

Physikumsprüfungen sorgen für Aufregung, bringen die Gerüchteküche zum Kochen, schüren Angst und Schrecken, sind die Mauer zwischen Vorklinik und Klinik. Verständlich, schließlich ist das Physikum für viele von uns die wohl größte und wichtigste Prüfung des bisherigen Lebens. Sätze wie „nach dem Physikum wird alles besser“ machen das Bestehen des Physikums fast zum sehnlichsten Wunsch eines jeden Vorklinikers, der in Gedanken bereits mit Stethoskop und Flatterkittel über die Gänge schwebt, während Endspurtskripte und Kurzlehrbücher noch den Schreibtisch tapezieren.

Rückblickend könnte ich euch so vieles sagen, aber rückblickend ist auch alles so viel einfacher. Rückblickend könnte ich euch versichern, dass das Physikum eigentlich nur halb so wild ist, wie man es sich ausmalt – das merkt man aber eben erst, sobald man’s selbst hinter sich gebracht hat. Nach dem Physikum, während meiner „posttraumatischen Pauschalreise“ sozusagen (Regel Nummer 1: Sorgt dafür, dass nach dem Physikum Urlaub ansteht, denn egal wie das Physikum ausgehen wird: Die Gewissheit auf Urlaub bleibt, und motiviert auf den finalen Metern zum Durchhalten), habe ich Hermann Hesses „Siddharta“ gelesen. Die Message: Lehren und Weisheiten sind schön und gut, manche Dinge kann man aber nur verstehen, wenn man sie selbst durchlebt hat. Gleiches gilt fürs Physikum!

Eure Physikumsprüfung wird anders sein: Wenn ihr Glück habt, dann nicht nach einem so furchtbar heißen Sommer; die Fragen werden neue sein; die Themen eurer mündlichen Prüfung andere; andere Prüfer sowieso. Euer Physikum wird euer Erlebnis, euer Abenteuer. Von der anderen Seite des Ufers kann ich euch nur zurufen, dass es machbar ist, dass auch ihr das schaffen werdet. Nicht nur im Urlaub danach, sondern auch mit dem Physikum erwartet euch das All-Inclusive-Paket: Momente der Erkenntnis, der Freude, des Zweifels, der Angst, der Euphorie. Es wird eine Berg- und Talfahrt, aber eine mit Ziel; einem Ziel, das ihr ganz gewiss erreichen werdet. Viel Erfolg!

 

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