• Bericht
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  • Felicitas Witte
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  • 02.11.2015

Mein erster Tag im Präpsaal – Auf Tuchfühlung mit einer Leiche

Schon am Eingangsbereich des Sektionssaals liegt Formalingeruch in der Luft. Und als die Schwingtür aufgeht, liegen die Leichen auf den Tischen vor den Studenten: der erste Präpkurs startet.

Leiche - Foto: ©photographee/Fotolia.com

 ©photographee/Fotolia.com

Warum fangen Präpkurse eigentlich immer im Winter an? Seit Wochen nieselte es ständig, es war windig und kalt: Novemberwetter. Im Anatomiekurs hatte man uns erklärt, im Sommer sei es zu heiß für die Leichen. Und was ist mit vernünftigen Kühlsystemen? Bei Sonnenschein und lauer Frühlingsluft wäre ich garantiert nicht so mies drauf. Jetzt entsprach der graue Himmel exakt meinem Gemütszustand. Dieser besserte sich keinesfalls dadurch, dass ich zu nachtschlafender Zeit aufstehen musste (immerhin 7:30!), um nicht zu spät zu meinem ersten Tag im Präpariersaal zu kommen.

Etwas flau war mir schon im Magen – ich verzichtete deshalb auf das Frühstück und trank nur einen schwarzen Kaffee.. Den frisch gewaschenen Kittel hatte ich eingepackt, dazu das neu erstandene Präp-Besteck. "Viel Spaß", murmelte mein Freund, der sich gerade in seiner dritten Tiefschlafphase befand. "Der als Philosophiestudent hat sowieso keine Ahnung von den wirklichen Problemen des Lebens!" Ich knallte die Haustür etwas lauter zu als notwendig und radelte zum anatomischen Institut.

Diesmal ging es nicht wie üblich durch den rechten Eingang in den Hörsaal, sondern nach links, durch die milchige Glastür mit der verblichenen Aufschrift "Sektionsräume". Als ich mit meinen Kommilitonen vorsichtig die Tür öffnete, rochen wir gleich den Geruch, der uns das nächste Semester lang begleiten sollte. Formalin riecht eigentlich nicht unangenehm, aber ein Leben lang werde ich mich bei diesem Geruch an den Sektionssaal erinnern.

 

Etwas hilflos standen wir zusammen

Etwas hilflos standen wir in Grüppchen im Vorraum zusammen, keiner traute sich, in den Saal zu gehen. Dann ging die Schwingtür auf (wir merkten später, wie praktisch solche Schwingtüren sind, wenn wir mit formalinverschmierten Händen zum Waschraum gingen) und eine Gruppe gut gelaunter Medizinstudenten kam auf uns zu – unsere Tutoren. Ich fühlte mich gleich besser aufgehoben. Die älteren zeigten uns die Spinde, in die wir unsere Rucksäcke, Mäntel und Jacken ablegen konnten und führten uns zum Waschraum. Etwas unbeholfen streiften wir unsere steifen, strahlend weißen Kittel über (welch ein Unterschied zum Ende des Semesters!)

 Der Waschraum sah aus wie derjenige eines OP-Saals: Große weiße Waschbecken, Seifenspender, alles sehr steril und – irgendwie tot. Ich war froh, nichts gefrühstückt zu haben …Unsere Tutoren teilten uns in Gruppen von 12 Studenten ein und unser Präp-Assi führte uns zu "unserer" Leiche. Dort, wo die Leiche sein sollte, war erst einmal ein großes weißes Tuch. Ehrfürchtig bildeten wir einen Kreis um die Leiche und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

 

"Na, schon jemand umgekippt...?"

Unser Anatomie-Prof betrat schwungvoll den Sektionssaal mit einem frischen "Na, schon jemand umgekippt" und begrüßte einige der Tutoren. Sehr witzig. Anschließend wurde er aber sehr ernst und hielt eine seiner endlosen Reden über die Geschichte des Sezierens, über Ägypter, Griechen und italienische Anatomen – ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Erst als er auf "unsere" Leichen zu sprechen kam, horchte ich auf: Er erzählte von den unterschiedlichen Beweggründen, warum die Toten ihren Körper der Anatomie zur Verfügung gestellt hatten, wie jedes noch so kleine Leichenteil gesammelt werden wird und die Toten später ein würdiges Begräbnis erhalten, an der die Anatomiestudenten am Ende des Semesters teilnehmen. Überraschend schnell beendete der Prof seine Rede und wünschte uns einen "eindrucksvollen" Tag. Was er wohl damit meinte?

Unser Präp-Assistent erklärte uns kurz den Ablauf des Semesters ("erst Rumpf, Extremitäten, später Kopf und Gehirn") und schlug das Tuch zurück. Ich hatte zwar während meines Pflegepraktikums einen Toten gesehen, doch das war etwas ganz anderes. Der Formalingeruch stieg wie eine Wolke von der Leiche auf, alles sah so "verdörrt" und trocken aus. Erleichtert stellte ich fest, dass "unsere" Leiche auf dem Bauch lag, so blieb uns (vorerst) der Blick ins Gesicht der Toten erspart. Und ich erinnerte mich: Thema eins war die Rückenmuskulatur. Der Rücken war bereits aufgeschnitten und vorpräpariert, man sah auf einer Seite schon feine, gefiederte Muskeln. Plötzlich vergaß ich, dass diese Leiche einmal ein Mensch gewesen war. Ich sah nur noch das faszinierende Wunderwerk Mensch, die Perfektion jedes einzelnen Nervs und Gefäßes und brannte darauf, selbst den menschlichen Körper zu erkunden.

 

Die Leiche fühlte sich ganz anders an

Unser Tutor fing an, bereits präparierte Strukturen zu bezeichnen und zu erklären und zeigte uns, wie wir Muskeln, Nerven und Gefäße präparieren sollen. Die Leiche fühlte sich ganz anders an, als ich es mir vorgestellt hatte. Während des Pflegepraktikums hatte ich den Darm und die Eingeweide eines lebenden Menschen gespürt. Die Leiche fühlte sich jedoch trocken und irgendwie gummiartig an. Meine Finger wurden sofort fettig, als ich mit dem präparieren anfing.

Wie machte das unser Tutor nur, dass er mit scharfem Schnitt die einzelnen Strukturen voneinander trennte? Es war gar nicht so einfach, die richtige Schicht zu finden! Mühsam trennten wir die Muskeln vom Fettgewebe ab. Am Ende der Stunde hatten wir im Gegensatz zu unserem Tutor nur wenige Muskeln präpariert. Doch er tröstete uns, dass es alles Übung sei. Sehr beruhigend.

Inzwischen war es bereits Mittag. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war! Erstaunlicherweise merkte ich jetzt erst ein bohrendes Hungergefühl. In der Mensa genossen wir einen der wenigen Vorteile, Medizinstudent zu sein: Unsere detaillierten Gespräche über den Präpkurs vergraulten sämtliche andere Studenten von den Nebentischen, so dass wir ungestört unsere Banane sezieren konnten.

 


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