• Interview
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  • Ines Elsenhans
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  • 19.08.2014

Was macht eigentlich eine Präparatorin?

Im Präpkurs können angehende Ärzte den menschlichen Körper dreidimensional kennenlernen und – im Wortsinn – „begreifen“. Doch wie kommen eigentlich die Leichen auf den Tisch? Das weiß Stefanie Gundlach. Sie ist Präparatorin und sorgt dafür, dass hinter den Kulissen alles glattläuft.

> Frau Gundlach, wie viele Leichen haben Sie „im Keller"?

Naja, sagen wir mal so: Da ich Präparatorin bin, gibt es sicher wenige, die mehr Leichen im Keller haben als ich.

 

> Wollten Sie schon immer Präparatorin werden?

Nein. Während des Abiturs habe ich durch Zufall in ein Informationsbüchlein vom Arbeitsamt geschaut. Darin bin ich über den Beruf staatlich geprüfte Präparationstechnische Assistentin gestolpert. Ich wusste vorher selbst nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gibt.

 

> Präparatoren gibt es auch für die Fachbereiche Biologie und Geologie. Warum haben Sie sich für die Anatomie entschieden?

Für mich stand gleich fest, dass ich in den medizinischen Bereich möchte. Das Objekt Mensch als Hauptaufgabe fasziniert mich.

 

> Wie haben Ihre Eltern und Bekannten auf Ihren Berufswunsch reagiert?

Meine Eltern waren da ganz aufgeschlossen. Sie waren der Meinung, dass ein ganz normaler Bürojob sowieso nicht zu mir gepasst hätte. Meine Bekannten hingegen fanden meinen Berufswunsch zuerst schon ein bisschen komisch. Viele stellten sich da irgendwie etwas ganz Gruseliges vor. Da kommt dann schnell viel Fantasie ins Spiel. Wenn ich dann aber sachlich erklärt habe, warum es diesen Beruf gibt und wie das alles abläuft, fanden es die meisten interessant und sie verstanden, warum meine Arbeit sehr sinnvoll ist.

 

> Was sind denn Ihre Hauptaufgaben als Präparatorin?

Zunächst einmal kümmere ich mich natürlich um den Präparationskurs. Das fängt damit an, dass neue Körperspenden mit der jeweiligen Fixierlösung fixiert werden. Dann wird der Präparationskurs vorbereitet und die Leichen werden aufgelegt. Zudem stellen wir viel Demonstrations- und Lernmaterialien für die Studenten her. Das ist uns besonders wichtig, weil uns die Lehre hier sehr am Herzen liegt. Die Studenten haben bei uns also Zugang zu speziellen Präparaten, zum Beispiel vom Rückenmark, von Organen und Extremitäten. Dazu haben wir auch noch eine Lehrsammlung, für die wir die Gläser aus Plexiglas selbst bauen. Wenn ich nichts für die Studenten vorbereiten muss, dann präpariere ich für OP-Kurse Demonstrationsmaterial oder für Professoren und Doktoranden wissenschaftliche Fragestellungen. Oft präpariere ich Tage und Wochen, bis ein Präparat fertig ist. Ein weiteres wichtiges Aufgabenfeld ist das sogenannte Leichenwesen. Ich kümmere mich um die ganze Logistik, mache viel Papierkram, beantrage Sterbeurkunden und fülle die Dokumente fürs Krematorium aus. 

 

> Das hört sich nach viel Arbeit an. Wird es bei Ihnen auch mal stressig?

Ja, schon. Gerade der Präparationskurs ist immer eine stressige Zeit, weil wir im Saal bis zu 260 Studenten haben. Alles muss dann organisiert sein und reibungslos ablaufen. Auch wenn viele Körperspenden innerhalb von einer Woche ankommen, haben wir sehr viel zu tun.

 

> Wie werden die Körperspenden konserviert?

Sollen sie für den Präparationskurs eingesetzt werden, injizieren wir über die große Beinarterie eine Fixierungslösung. Die Beinarterie nehmen wir, weil das Blut nach dem Tod in den Venen versackt. Die Flüssigkeit besteht zu einem großen Teil aus Alkohol, dazu kommt ein wenig Glyzerin, Formalin und Aqua dest. Nachdem die Lösung in den Körper verbracht wurde, wird er noch sechs bis acht Wochen in einer Nachfixierung aus siebzigprozentigem Alkohol ge­lagert. Anschließend wird er in Folie eingeschweißt und kann dann für mehrere Jahre bei 4–5°C gelagert werden.

 

> Welche Präparationsschritte werden von den Studenten an einer Körperspende zuerst vorgenommen?

Die Studenten fangen mit den Hautschnitten an. Wie und wo die Schnitte vorgenommen werden, wird von den Assistenten festgelegt. Dann wird die Haut präpariert, anschließend das subkutane Fettgewebe. Dabei werden schon die Leitungsbahnen dargestellt. Geht man tiefer, kommt man auf die Muskulatur. Im zweiten Kursabschnitt werden dann die Körperhöhlen eröffnet, also der Bauch und der Brustraum. Da werden die Organe präpariert. Der Kopf hat einen eigenen Themenbereich, weil seine Strukturen sehr wichtig sind. Und so wird wirklich der ganze Körper von vorne bis hinten, von An­fang bis Ende komplett durchpräpariert. Danach folgt die Beisetzung.

 

> Gibt es Tätigkeiten, die Sie nicht gerne machen?

Nein, eigentlich gibt es nichts, wo ich sage, oh Gott, das finde ich jetzt ganz eklig oder gruselig. Klar riecht es manchmal nicht so angenehm, wenn ein Körperspender schon etwas länger verstorben ist. Auch ist es nicht schön anzusehen, wenn jemand schwer krebskrank war und der Körper davon gezeichnet ist.

 

> Sehen Sie Ihre Arbeit auch künstlerisch?

Ja, klar. Auch wenn die Themengebiete vorgegeben sind, habe ich es durchaus in der Hand, wie die Struktur letztendlich dargestellt wird. Ich weiß, worauf es hinauslaufen soll, aber wie es jetzt genau dargestellt wird und wie ich an die Sache rangehe ist mir überlassen. Für mich ist es einfach eine Mischung aus Kunst und Handwerk.

 

> Wie lernt man den Umgang mit den toten Körpern und dem Leid, das sich manchmal dahinter verbirgt?

Zunächst einmal bespricht man in der Ausbildung mit Kommilitonen die Themen, die einen berühren. Und dann nehmen wir ja nur Körper an, deren Spender zu Lebzeiten ihre letztwillige Verfügung hinterlegt haben. Meistens entscheiden sich Menschen im Alter ab 70 für eine Körperspende. Selten macht man sich schon in jüngeren Jahren darüber Gedanken – es sei denn, man ist schwer krank. Deshalb sind das meist ältere Leute, und das hilft mir, besser damit umzugehen. Trotzdem ist es schon so, dass ich bei schwer kranken ­Körperspendern manchmal denke: Für diesen Menschen wäre ein früherer Tod vielleicht besser gewesen. Aber ich versuche das Positive in der Situation zu sehen: Der Mensch hat sich für die Präparation zur Verfügung gestellt, um Studenten in ihrer Ausbildung zu helfen. Dieser Wille wird nun erfüllt. Und ein Vorteil meiner Arbeit ist natürlich, dass ich die Leute zu Lebzeiten nicht gekannt habe. Das hilft mir, den Abstand zu wahren.

 

> Würden Sie Ihren Körper spenden?

Nein. Gerade deshalb habe ich wirklich großen Respekt vor den Körperspendern. Es ist eine ganz große Geste, seinen Körper nach dem Tod zur Verfügung zu stellen.


Stefanie Gundlach kommt ursprünglich aus Essen. Nach dem Abitur machte sie die dreijährige Ausbildung zur staatlich geprüften Präparationstechnischen Assistentin im Fachbereich Medizin. Danach bewarb sie sich an der Uni Kiel und arbeitet dort nun seit 18 Jahren im Anatomischen Institut. Die Ausbildung der Medizinstudenten direkt am Präparat liegt ihr besonders am Herzen. Privat engagiert sie sich aktiv im Tierschutz.

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