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  • Tanja Jähnig
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  • 02.11.2015

Der Vorklinik-Coach: Selbstorganisation und Zeitmanagement

Wer frisch von der Schule an die Uni kommt, merkt schnell: Hier gibt es zwar tausend Möglichkeiten, seine Zeit sinnvoll zu verbringen - aber eben auch tausend Möglichkeiten, Zeit zu vergeuden. Wir geben Tipps, wie du den vielen kleinen Zeitfresserchen im Studium den Garaus machen kannst und Lernstoff und Freizeit unter einen Hut bekommst.

Uhr - Foto: moddboard/Fotolia.com

In der Vorklinik vergeht die Zeit wie im Flug. Foto:moddboard/Fotolia.com

 

Unileben: Verschult und trotzdem chaotisch

Die Anfangszeit eines Studiums sind oft chaotisch. Hat man sich dann allmählich in die Abläufe und Rituale einer Uni eingefunden, stellen viele angehende Mediziner überrascht fest, dass sich ihr Studium gar nicht so sehr von der Schule unterscheidet: "Wir hatten einen sehr straffen Stundenplan", erinnert sich Kurt Veit aus Mainz an seine Vorklinikzeit. "Zudem herrschte bei den meisten Kursen Anwesenheitspflicht."

Sebastian Gassner aus Göttingen fand das zu Beginn gar nicht schlecht: Diese durchorganisierten Wochenpläne brachten Ordnung in den zunächst unübersichtlichen Alltag. Annika Simon, die im 3. Semester in Hannover studiert, war von dem System sogar so enttäuscht, dass sie am liebsten gleich wieder aufgehört hätte. "Ich fühlte mich oft bevormundet", erklärt sie.

Vor allem lange Leerlaufzeiten zwischen den Veranstaltungen rauben vielen Studenten Zeit und Nerven. Johanna Reiser, Medizinstudentin im 3. Semester an der Uni Freiburg, erzählt: "Für mich sind die Pausen zur Erholung zu lang, aber zu kurz, um heimzugehen." Manchmal hat sie vor Klausuren versucht, in der Unibibliothek zu lernen – effektiv fand sie das aber nie.

Sebastian weiß aus eigener Erfahrung: "Anfangs lernt kaum ein Medizinstudent wirklich effizient. Meist lernt man zu viel, oder man hält sich mit überflüssigem Fußnotenwissen auf. Die meisten halten dieser Belastung in den ersten Semestern des Studiums zwar stand – aber Hobbys, Freunde und Lebensfreude bleiben bei vielen auf der Strecke."

 

Kaffeeklatsch im Wochenplan

Das Zauberwort, mit dem man als Student trotz vieler Widrigkeiten Lernen und Freizeit unter einen Hut bekommen kann, heißt "Zeitmanagement".

Martin Krengel, Zeitmanagement-Experte und Autor des "Studi-Survival-Guide" erklärt: "Man opfert ein wenig Spontanität – und gewinnt ein Plus an persönlicher Freiheit." Das klingt paradox, funktioniert aber.

Krengel empfiehlt, seine Zeit mithilfe eines Wochenplans - einem Grundelement effektiver Zeitplanung - zu strukturieren. Darin verzeichnet man alle wiederkehrenden Termine, wie Vorlesungen oder Praktika, aber auch Sport- und Lernzeiten. Man macht also Termine mit sich selbst.

 

Köder für den Schweinehund

"Medizin ist kein Studium für den Kopf, sondern für den Hintern", findet Sebastian. "Man muss sich oft an den Schreibtisch zwingen." Wenn dir trotz eines gut durchdachten Zeitplans im entscheidenden Moment häufig der letzte Kick für eine Lernsession fehlt, kann der "Zehn-Minuten-Trick" helfen.

Dabei setzt man sich für zehn Minuten an den Schreibtisch und beginnt, Kleinigkeiten zu lernen, die mit dem Fach zu tun haben. Der Clou: Für zehn Minuten kann man sich leicht motivieren. In dieser Zeit kannst du zum Beispiel in via medici die Steckbriefe, Kurztexte  oder gar nur die IMPP-Fakten von einzelnen Themen durchlesen.

Fühlt sich der Lernende nach dieser Zeit kaputt, bricht er einfach ab. Denn dann benötigt er wirklich eine längere Pause. Meist passiert jedoch etwas ganz anderes: Man verzettelt sich und bleibt länger als zehn Minuten sitzen, weil man sein Gehirn mit neuen Informationen "geködert" hat und nun wissen will, wie es weitergeht. Der innere Schweinehund wird so einfach überlistet.

Eine weitere Lernsituation, in der Studenten oft wenig zielgerichtet vorgehen und Zeit vertändeln, ist die Nachbereitung von Vorlesungen. Hier verrennt man sich schnell in Details. Dagegen hilft die Regel: Eine halbe Stunde Vorbereitung spart eine Stunde Nachbereitung! Hat man sich den Lernstoff vor der Vorlesung schon durchgelesen, schafft man eine "Vorkategorisierung". Dann fällt es leichter, Sachen einzuordnen.

       

"Das ist wie bei einem Kleiderschrank", erklärt Krengel. "Wirft man alles hinein, ist es unsortiert und schwierig, Dinge wiederzufinden. Hat man aber Schubladen, kann man Dinge einsortieren." Am besten ist es, wenn man das Skript einer Vorlesung schon vor der Veranstaltung hat und sich markiert, was unklar ist. Besteht diese Möglichkeit nicht, sollte man das entsprechende Kapitel zumindest vorab im Lehrbuch oder Lernprogramm lesen.

 

Ran an den Speck! Und dann Scheibe für Scheibe …

Eine weitere wichtige Grundregel aus der Trickkiste des Zeitmanagements lautet: Arbeite immer zuerst an den zentralen Punkten eines Themas und lasse dich nicht durch Kleinigkeiten ablenken. Der Knackpunkt an diesem Tipp ist natürlich, dass gerade die "großen Lernbrocken" Zeit und Mühe kosten. Man muss viel Hirnschmalz aufwenden, und das Ende ist meist nicht greifbar.

Wem es daher schwerfällt, in ein großes Thema einzusteigen, kann eine Lerntechnik helfen, die Martin Krengel das "Salami-Prinzip" nennt: "Bei dieser Methode schneidet man ein großes Thema in kleine Scheiben. Jeden Tag schneidet man eine Scheibe ab und erledigt das Problem so portionsweise."

Eine weitere Maßnahme, mit der man Lernzeit sparen kann, ist es, abends seinen Schreibtisch aufzuräumen und die wichtigsten Aufgaben nach oben zu legen. "Wenn ich mich dann morgens dransetze, brauche ich gar nicht mehr nachzudenken, womit ich anfange", erklärt Krengel. Annika schreibt sich täglich ihre konkreten Ziele für den Folgetag auf Zettel und bildet dann Stapel, auf denen dringliche "To Dos" immer oben liegen. Das hat den Vorteil, dass sie Gedanken wie "Was lerne ich morgen?" erst mal los ist und sich auf andere Dinge wie Freizeit, Essen und Freunde konzentrieren kann.

 

Kühlen Kopf bewahren

Natürlich baut man sich durch Zeitpläne, To-do-Listen und selbst gesetzte Fristen einen gewissen zusätzlichen Druck auf. Damit dieser nicht zu einer noch stärkeren Überforderung führt, ist es wichtig, dass sich jeder die Grenzen setzt, mit denen er zurechtkommt. "Es gibt Studenten, die sich besser fühlen, wenn sie sich realistische Ziele setzen", erklärt Krengel. "Andere Charaktere können erst unter Druck richtig arbeiten. Wenn du diesen brauchst, um überhaupt anfangen zu können, dann würde ich ihn mir auch machen!"

Annika machte sich zu Anfang der Vorklinik so viel Druck, dass ihre Tage nur noch aus Uni, Lernen, Essen, Nachtarbeit und sechs Stunden Schlaf bestanden. "Vor Klausuren lernte ich teilweise zwölf Stunden pro Tag", verrät sie. Dieses gigantische Pensum konnte sie nur schaffen, indem sie in den heißen Phasen vor Klausuren auf Nachtschlaf verzichtete.

Dabei sollte man gerade daran nicht sparen. "Ist man den ganzen Tag gereizt, hat man nichts gewonnen", erklärt Krengel. "So was geht vielleicht ein paar Tage unmittelbar vor einer Prüfung gut, wenn man so unter Spannung steht, dass der Schlafmangel kompensiert werden kann. Doch langfristig schadet man damit seiner Leistungsfähigkeit. Und hat man mehrere Prüfungen hintereinander, braucht man diese bis zur letzten Klausur."

Für das Problem der riesigen Stoffmenge, die man im Medizinstudium bewältigen muss, gibt es deswegen nur eine Lösung: Man sollte so früh mit dem Lernen anfangen, dass man sich in der Prüfungswoche nur noch auf das Wiederholen des Stoffs beschränken muss. Jetzt, zum Ende der Vorklinik, macht Annika einiges anders: "Weniger arbeiten, mehr Freizeitaktivitäten, weniger Ehrgeiz und mehr Pausen für eine bessere Konzentration."

Sebastians Strategie gegen einen "rauchenden Kopf" in der Vorklinik lautete: Sommerurlaube ohne medizinische Literatur und im Winter regelmäßiges Saunieren und Autogenes Training. Johanna rät bei allem Zeitmanagement folgendes nie aus den Augen zu verlieren: "Nicht alles, was für den Moment wichtig erscheint, ist auch wirklich wichtig. Manches regelt sich von selbst, und anderes stellt sich mit der Zeit als eben doch nicht so dringlich heraus. Deshalb kann auch verschieben erledigen bedeuten!"

Zudem empfiehlt sie, die Vorklinik nicht nur als Belastung wahrzunehmen: "Oft hat mir das Lernen einfach Freude gemacht, denn der Stoff interessierte und begeisterte mich wirklich. Ich habe die Euphorie genossen, etwas zu begreifen, und das Gefühl geschätzt, die Zeit zu haben, mich theoretisch mit so vielen spannenden Details zu beschäftigen." Tatsächlich hat man als Student ein besonderes Privileg: Man hat (fast) alle Zeit der Welt, um zu lernen. Das ist eine Chance, die sich später im Berufsleben leider nur noch selten bietet. Zeitmanagement kann mühsam sein – aber zumindest hat man im Studium noch Zeit, die man managen kann.

 


Egal ob du gerade viel Zeit hast und ausführlich lernen möchtest oder ob du nur schnell die IMPP-Fakten zu deinem Thema durchlesen möchtest:

Hier findest du zu vorklinischen Themen Langtexte, Kurztexte, Steckbriefe oder, wenn du magst, sogar nur die IMPP-Fakten.  

 

 

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