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  • Ida Reinhold
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  • 01.03.2017

Darum solltest du in eine Anamnesegruppe

Du kennst es vermutlich. Gerade in der Vorklinik fühlt es sich eher an, als wärst du Biologe oder Chemiker und nicht ein angehender Arzt. Schließlich bekommt der durchschnittliche Medizinstudent, besonders in Regelstudiengängen, Patienten höchstens in der Vorlesung bei einer Vorstellung zu sehen. Doch da gibt es eine Abhilfe, mit der „echte“ Patienten und die Klinikatmosphäre keine Wunschvorstellungen mehr sind: die Anamnesegruppe.

 

 

Im Anamnesegespräch fragt der Arzt den Patienten nach seiner Krankheitsvorgeschichte und sammelt so Hinweise darauf, an was der Patient leidet. Damit ist das Anamnesegespräch neben der körperlichen Untersuchung eines der wichtigsten Diagnosemittel.

Üben kannst du die Anamnese am besten in einer Anamnesegruppe. Sie besteht aus ca. 10 Studenten der Fächer Medizin- und Psychologie und 1-2 Tutoren aus höheren Semestern. Jede Woche führt dabei ein Student ein Anamnesegespräch mit jeweils einem neuen Patienten, wobei er vorher keinerlei Informationen über die Krankheit/Diagnose hat. Bedeutet: Du kannst dich für die Zeit des Gesprächs, meist eine halbe bis dreiviertel Stunde, in die Rolle eines Arztes hineinversetzen und alle Informationen erfragen, die für eine mögliche Diagnose wichtig sein könnten. Dabei wird aber keine Diagnose gestellt oder Untersuchungen durchgeführt und die ärztliche Schweigepflicht ist natürlich oberstes Gebot.

 

Hier kommen meine Tipps zur Teilnahme an einer Anamnesegruppe:

1. Motivation!

Was hilft gegen das Tief in der Mitte des Semesters? Gegen Frust und Niedergeschlagenheit in der Prüfungsphase? Gegen das Gefühl beim Anblick des Bergs an Klausuren, die auf einen warten? Genau. Das machen, wofür wir das alles lernen. Nach drei Stunden mit Patientengespräch, Feedbackrunde, netten Leuten, weißt du wieder, wofür du das alles tust und kannst dich motiviert wieder ins Lernen stürzen.

 

2. Zeitproblem?

Viele fragen sich vor der Teilnahme an der Anamnesegruppe, ob sie überhaupt genug Zeit dafür haben. Ja, hast du! Natürlich sind drei Stunden viel und man denkt, man könne die Zeit auf keinen Fall aufbringen. Aber mal ehrlich, wenn du unmotiviert nach 6 Stunden lernen über deinem Anatomieatlas sitzt und dir nichts mehr merken kannst, ist auch keinem geholfen. Irgendwann ist oft der Punkt gekommen, an dem es sinnvoll ist, das Buch zuzuklappen und in die Klinik zu gehen! Und wenn es dir bei der Entscheidung hilft, ich habe gleich im ersten Semester an der Anamnesegruppe teilgenommen, habe es nie bereut und trotzdem meine Klausuren bestanden. Und wenn es wirklich mal knapp wird, stört es auch keinen, wenn du mal eine Woche auslässt.

 

3. Freiheiten

Du wirst später als Arzt vermutlich nie wieder so frei in deiner Gesprächsgestaltung sein wie in der Anamnesegruppe. Du kannst nicht nur Fragen zum Krankheitsbild, sondern auch zum sozialen Umfeld stellen, die Gefühlswelt des Patienten abtasten sowie den biologischen Hintergrund wie Schlafverhalten abfragen. Besonders wirst du später selten so viel Zeit und Ruhe haben. Auch ist die Sitzordnung meist selbst bestimmbar und du erlebst, die Einflüsse von Raumgestaltung und Auftreten. Wenn du Lust hast, kannst du das Gespräch sogar im Kittel führen, denn viele Patienten reagieren unbewusst anders, wenn eine Person im „weißen Gewand“ gegenübersitzt.
Also: Deiner Kreativität sind natürlich Grenzen gesetzt, aber Freiheiten hast du wie Sand am Meer. Wenn es dir jetzt schon in den Fingern juckt, wird die Anamnesegruppe richtig für dich sein!

 

4. Beobachten lernen

Du führst nicht nur selber ein Gespräch, sondern kannst auch bei anderen zuschauen. Es ist jedes Mal unheimlich spannend, wenn die Tür aufgeht und du dich fragst, was für ein Patient dahinter steht. Wenn du das Gespräch beobachtest, lernst du die Körpersprache von Patient und Gesprächsführer zu lesen, erkennst Unsicherheiten und nimmst die Gesprächsgestaltung ganz anders wahr, als wenn du es selber führst.
Das und die Tatsache, dass auch das Feedback geben trainiert wird, werden dir später als praktizierender Arzt helfen, aus den verbalen Aussagen und der Körpersprache des Patienten Schlüsse für eine richtige und schnelle Diagnose zu ziehen.

 

5. Ängste überwinden

Einen anderen Menschen nach dem Stuhlgang fragen, Suizidgedanken aufspüren oder sich nach dem Sexualverhalten erkunden. Reagieren, wenn ein Patient anfängt zu weinen. All dies kann dir später begegnen. Es hilft, wenn du die Grenze zu intimen oder in der Gesellschaft tabuisierten Themen schon einmal überwunden hast. Denn wenn es für einen selber keine große Sache ist, dann wird auch der Patient offener sein.
Das ist das Schöne an der Anamnesegruppe. Wenn du dabei Angst hast, ist es überhaupt nicht schlimm. Wenn du eine Frage vergeigst oder nicht mehr weiter weißt, dann hat das keine großen Konsequenzen. Dadurch, dass der Patient ja schon diagnostiziert und versorgt ist, stehst du nicht in der Verantwortung oder in der Pflicht, dem Patient zu helfen. Es geht hier allein darum, dass du dich deinen Ängsten und Zweifeln stellen und dich damit für später rüsten kannst. Und wenn du am Ende des Gesprächs vom Patienten mit einem breiten Lächeln belohnt wirst, dann spürst du, dass sich der ganze Aufwand lohnt!


Wer jetzt Lust bekommen hat, an seiner Uni an der Anamnesegruppe teilzunehmen:
Mehr Informationen über die Anamnesegruppen allgemein: http://www.anamnesegruppen.eu/
Speziell wendest du dich am besten an deine Uni und erfragst die Details. Meist fängt die neue Runde zum Semesterbeginn an. Bei dir an der Uni gibt es keine Anamnesegruppe? Dann gründe einfach selbst eine!
Lass dich ein auf neue Leute, neue Gespräche, neue Patienten und vor allem auf eine ganz tolle Zeit!

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