• Lernhilfe
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  • Anika Wolf
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  • 30.07.2012

Lernen mal anders (2) - Wandern im Citratzyklus

Schön ist die Vorstellung ja schon: ich lasse nachts eine CD mit der vertonten Biochemie-Lektüre laufen und morgens habe ich alle komplizierten Stoffwechselwege im Kopf. Funktionieren tut das aber leider nicht. Fast genauso schön, aber tatsächlich wirksam ist eine Lernmethode, die als Loci-Methode bezeichnet wird. Wenn Ihr wissen wollt, wie die Methode funktioniert und wie man selbst beim Spazierengehen mit Spaß lernen kann, dann solltet Ihr Teil 2 unserer Lerntipps lesen: Wandern im Citratzyklus.

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Wann kann ich diese Lernmethode verwenden?

Nach der Geschichten-Methode aus Teil 1 der Lernreihe geht es dieses Mal darum, wie man quasi im Vorbeigehen medizinische Details lernen kann. Kurz gesagt funktioniert das Ganze so, dass man sich einen Weg überlegt, dort verschiedene Punkte festlegt und die Infos, die man sich merken möchte, mit diesen Punkten verknüpft. Im Vergleich zu dem Trick mit den Geschichten ist diese Methode vor allem dann geeignet, wenn man sich die Infos in einer festen Reihenfolge merken muss. Auch wenn viele Einzelinfos zu merken sind, ist diese Technik super, da Merk-Geschichten in solchen Fällen zu lang werden und die Gefahr besteht, dass Teile vergessen oder verwechselt werden.

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Die Lernzutaten und deren Verarbeitung

Wie genau funktioniert die Loci-Methode? Zuerst brauchen wir eine Wegstrecke, die wir im Kopf ablaufen können. Das muss nicht unbedingt ein richtiger Weg sein. Auch alles andere, was eine feste Reihenfolge hat, ist geeignet. Ihr könnt einmal in Eurem Zimmer rund gehen, einmal quer übers Klinikgelände laufen oder einfach Euren Körper von den Füßen bis zum Kopf abschreiten.

Nachdem der Weg nun feststeht, müssen wir entlang der Strecke sogenannte Routenpunkte festlegen. Diese markanten Punkte können Möbelstücke, Gebäude oder sonstige Besonderheiten sein, je nachdem, wo Ihr lang lauft. Wollt Ihr ein Thema mit zehn Einzelinformationen lernen, legt Ihr zehn solcher Punkte auf der Wegstrecke fest.

Als nächstes kommt ein ähnlicher Trick wie in der Geschichten-Methode. Die zu merkenden Dinge werden auf ein Schlüsselwort reduziert und dieses in ein ähnlich klingendes Wort umgewandelt, das gut vorstellbar ist. Das heißt zum Beispiel, dass man sich die Arteria carotis als eine knallrote Karotte vorstellt (weil carotis so ähnlich klingt wie Karotte).

Sind wir nun so weit, dass wir beispielsweise zehn Routenpunkte festgelegt und zehn Schlüsselwörter visualisiert haben, können wir beginnen, die einzelnen Gegenstände auf den Punkten entlang des Wegs zu platzieren. Das heißt, wir wandern den Weg entlang und stehen vor dem ersten wichtigen Ort. Dann nehmen wir das erste Merkwort und verbinden es mit diesem Ort. Hier gilt: so verrückt wie möglich. Nicht einfach den Gegenstand hinlegen oder aufhängen, denn das ist nicht "merk-würdig". Viel besser ist, sie völlig verrückt zu platzieren, sie über den Platz hechten zu lassen oder sonstige lustige Dinge mit ihnen zu tun.

Bleiben wir bei dem Beispiel, dass Ihr Euch als erstes die Arteria carotis merken wollt (zum Beispiel, weil Ihr die Arterien von Schulter und Arm lernen wollt). Nehmen wir weiter an, der erste Punkt auf Eurer Wegstrecke ist das Postamt. Ihr könntet nun natürlich einfach die Karotte vor der Post auf die Straße legen. Das ist aber nicht besonders wirkungsvoll, weil Ihr vermutlich beim Abrufen der Strecke dann nur noch wisst, dass dort irgendwas lag, aber nicht mehr was. Die wichtigste, manchmal auch etwas knifflige Aufgabe ist daher, die Karotte und die Post möglichst verrückt miteinander zu verbinden. Ihr könnt Euch zum Beispiel vorstellen, dass jemand sämtliche Briefkastenschlitze mit Karotten zugestopft hat und Ihr deshalb Euren Brief nicht mehr einwerfen könnt. Oder auch, dass plötzlich Briefe nicht mehr in Umschlägen, sondern in ausgehöhlten Karotten verschickt werden und Ihr Euch erst mal abmühen müsst, um ein Loch in Eure Möhre zu bohren. Alternativ kann natürlich auch eine riesige Karotte am Postschalter sitzen und Briefmarken verkaufen. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Mit den nächsten Schlüsselworten und Routenpunkten fahrt Ihr genauso fort, bis alles verteilt ist. Wichtig ist dabei, dass Ihr Euch alles möglichst genau und lebhaft vorstellt. Die Lernphase ist damit abgeschlossen. Zum Abrufen müsst Ihr nun einfach denselben Weg im Geist wieder entlanglaufen. Dabei könnt Ihr Euch dann (hoffentlich) an den einzelnen Punkten wieder erinnern, welches Bild und damit welchen Merkbegriff Ihr dort verknüpft habt. Lauft Ihr also von der Post aus los, fallen Euch wieder die Karotten in den Briefkastenschlitzen ein und Ihr wisst, dass Euer erster Begriff die Arteria carotis war.

Wie Ihr Wege und Merkbilder vorbereitet

Nun zu einem vollständigen Beispiel. Nehmen wir an, Ihr wollt Euch die Zwischenprodukte des Citratzyklus merken. Es gibt hier neun wichtige Strukturen, die Ihr speichern solltet. Wir brauchen also einen Weg mit neun Routenpunkten. Den finden wir zum Beispiel auf dem Gießener Klinikgelände. Wir starten an der Schranke vor der Kinderklinik. Das ist auch gleich der erste wichtige Ort für uns. Laufen wir weiter, passieren wir die Kinderklinik, Punkt zwei. Als nächstes kommt auf der linken Seite die Notaufnahme, das Ziel der ankommenden RTWs und unser Punkt drei. Der Straße folgend ist auf der linken Seite eine lange Mauer, die Punkt vier darstellt. Am unteren Ende der Straße befindet sich das Gebäude, wo früher das Dekanat seinen Sitz hatte. Jetzt ist es unser Punkt fünf. Biegen wir links um die Ecke, gelangen wir zu dem großen Glasgebäude der Chirurgie, Punkt sechs. Noch ein Stück weiter steht auf der rechten Seite ein großer Uhrenturm, der Punkt sieben ist. Einmal links um die Ecke kommen wir an der alten Frauenklinik vorbei, Punkt acht. Den Berg hoch und wir erreichen unser Ziel, den Haupteingang der Uniklinik und unseren Punkt neun. Dieser Weg dürfte den meisten Gießener Medizinern gut bekannt sein und alle anderen können trotzdem versuchen, sich den Weg so gut wie möglich vorzustellen.

Die nächste Aufgabe ist, die Namen der Zwischenprodukte des Citratzyklus so umzuwandeln, dass ein ähnlich klingender und gut vorstellbarer Begriff entsteht. Starten wir mit Acetyl-CoA. Das klingt so ähnlich wie Atze, wir können uns vielleicht den Komiker Atze Schröder vorstellen, den mit den lockigen, wuscheligen Haaren. Wenn Ihr noch einen anderen Atze kennt, könnt Ihr natürlich auch den nehmen. Als nächstes kommt Citrat. Das klingt so ähnlich wie Zitrone. Das nächste Produkt ist Isocitrat. Das ist auch eine Zitrone aber diesmal ist sie dick mit Isoliermaterial umwickelt, damit sie gut geschützt ist und warmgehalten wird. Das Alpha-Ketoglutarat entsteht als nächstes. Ketoglutarat klingt wie eine Mischung aus Kette und Glut, eine glühende Kette. Ein wirklich heißes Schmuckstück also. Das folgende Produkt ist Succinyl-CoA. Das klingt nach Zucchini mit Cola.

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Danach kommt Succinat, eine Zucchini, die rundum mit einer Naht versehen ist (vielleicht hat sich dort jemand an chirurgischen Nähübungen versucht). Fumarat klingt wie "fumer", was auf Französisch rauchen heißt. Malat ist eine ganz besondere Delikatesse, nämlich Salat mit Marmelade. Oxalacetat hört sich an wie Ochsenmaulsalat, das ist ein französischer Fleischsalat. Das ist auch schon das letzte Zwischenprodukt des Citratzyklus, Oxalacetat und Acteyl-CoA verbinden sich dann wieder zu einem neuen Citrat und das Ganze geht von vorne los.

Der Citratzyklus befindet sich mitten in Gießen!

Die Vorarbeit ist nun erledigt, jetzt machen wir uns daran, die Orte und die Merkwörter zu verknüpfen.

Unser Weg über das Klinikgelände startet bei der Schranke vor der Kinderklinik und der erste Begriff ist Atze. Wir können uns zum Beispiel vorstellen, wie der Komiker mit seinem Fahrrad auf die Schranke zurast. Diese öffnet sich aber nicht, er schlägt daher kopfüber einen Salto und landet hart auf der anderen Seite, seine frisch gestylte Lockenfrisur ist im Eimer.

Bei Punkt zwei wollen wir die Kinderklinik mit einer Zitrone verknüpfen. In der Klinik könnte es eine neue Therapieform geben, nach der man allen Kindern täglich Zitronen verabreicht. Weil sauer ja bekanntlich lustig macht, werden die Kinder schneller gesund, weshalb die Klinik einen wirklich guten Ruf hat.

Die Notaufnahme, Punkt drei, wird mit der isolierten Zitrone verbunden. Wir malen uns aus, wie der Rettungsdienst eine große, schwer kranke, stöhnende Zitrone einliefert. Sie hatte einen Unfall und muss jetzt mit der goldenen Rettungsfolie umwickelt werden, damit sie nicht zu viel Saft verliert.

Punkt vier ist die lange Mauer an der linken Straßenseite, der nächste Begriff die glühende Kette. Das können wir uns vorstellen als neues Sicherheitskonzept am Eingang des Betäubungsmittel-Lagers. Es gibt keinen Elektrozaun oder ein Zahlenschloss, sondern eben eine Mauer, die mit glühenden Ketten versehen ist, um Eindringlinge abzuhalten.

Nun wollen wir Zucchini und Cola mit dem alten Dekanat verbinden. Wir wissen damit auch, warum das Dekanat verlegt werden musste: jemand hat Zucchinis in die Toiletten gestopft und dann das ganze Gebäude mit Cola überschwemmt!

Der nächste Punkt ist die Chirurgie. Und dort passen die mit Nähten versehenen Zucchinis auch gut hin. Junge Chirurgen müssen das Nähen schließlich auch erst einmal üben und was liegt näher, als Zucchinis zu verarzten?

Die große Uhr an der Straße ist der nächste Punkt, der mit dem französischen Wort fumer, rauchen, verbunden werden soll. Diese Uhr ist super, denn damit geht die Arbeitszeit sehr schnell vorbei. Die Zeiger bewegen sich in einer so hohen Geschwindigkeit, dass die Uhr schon anfängt zu qualmen.

Die ehemalige Frauenklinik und Salat mit Marmelade sind als nächstes an der Reihe. Die Frauenklinik hat ein ähnliches Schicksal erlitten wie das Dekanat: sie kann nicht mehr benutzt werden, weil sich in den Fluren die Salatköpfe stapeln und jemand alle Wände mit Marmelade vollgeschmiert hat.

Endlich haben wir das Ziel erreicht, den Haupteingang der Uniklinik. Zur Belohnung für den langen Weg gönnen wir uns eine große Portion Ochsenmaulsalat, auch wenn wir ja noch etwas skeptisch sind, was diese Delikatesse betrifft.

Eure Skepsis gegenüber dieser Lernmethode hat sich nun hoffentlich in Luft aufgelöst, nachdem Ihr gesehen habt, wie kreativ und abwechslungsreich diese Technik ist. Und wirkungsvoll ist sie auch. Lauft Ihr den Weg ab (das kann natürlich auch im Kopf sein, Ihr müsst dazu nicht jedes Mal dort hinfahren), wird Euch bei den einzelnen Punkten schnell wieder einfallen, was dort passiert ist. Und das heißt, Ihr kennt die Produkte des Citratzyklus!

Noch mehr Wege, die auf Euch warten

Die nächste Merkstrecke dürft Ihr nun selbst in Angriff nehmen. Als Weg geeignet ist alles, was eine feste Reihenfolge hat. Ihr könntet zum Beispiel versuchen, entlang Eures Körpers, von den Füßen bis zum Kopf, die Gruppe der Flaviviren zu platzieren. Das heißt, Ihr beginnt beispielsweise mit dem FSME-Virus und verbindet dies mit Euren Füßen. Vielleicht ist es gerade Frühsommer und von der Hitze hat sich Euer Kopf entzündet, sodass Ihr ihn kurz abgenommen und zwischen den Füßen platziert habt, um ihn vor der prallen Sonne zu schützen. Auf den Knien legt Ihr dann das Gelbfiebervirus ab. So geht es weiter, bis alle Viren versorgt sind.

Auch in einer festen Reihenfolge und damit als Lernweg geeignet ist zum Beispiel das Alphabet. Aber da Buchstaben nicht besonders gut zu merken sind, könnt Ihr bestimmte Themengruppen nehmen und diese mit dem Alphabet verknüpfen. Das Tier-Alphabet könnte so aussehen: A steht für Affe, B für Bär, C für Chamäleon und so weiter. Die Merkbegriffe verbindet Ihr dann mit dem jeweiligen Tier.

Jetzt dürft Ihr Euch selbst an Euren Merkstrecken versuchen. Und keine Angst vor einem Mangel an Kreativität. Übung macht den Meister und Ihr werdet merken, dass es mit der Zeit immer leichter wird, sich verrückte Zusammenhänge auszudenken.

Mehr Lerntipps von Anika:

Lernen mal anders (1): Merkwürdige Geschichten

Lernen mal anders (3): Mit Tiger und Nilpferd durch den Zahlendschungel

 

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