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  • Anika Wolf
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  • 28.06.2018

Start in die Lernphase: Wie beginnt man am besten?

Wenn das Examen näher rückt, tun sich bei Medizinstudenten eine Menge Fragen auf: Wann soll ich anfangen zu lernen? Wie teile ich meine Lernzeit am besten ein? Und: Woher weiß ich überhaupt, was ich alles lernen soll? Anika hat sich bei einem Lernexperten umgehört.

 

©Coloures-pic/Fotolia.com

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Einer, der sich besonders gut mit der Lern- und Arbeitsbelastung des Medizinstudiums auskennt, ist der Psychologe PD Dr. Harald Jurkat aus der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Gießen. Er hat bereits mehrere Studien über die Gesundheit, Lebensqualität und Stressbelastung von Ärzten und Medizinstudenten veröffentlicht. Außerdem bietet er jedes Semester das Praxisprojekt „Stressbewältigung im Medizinstudium“ an. Anika hat ihn gefragt, wie man die Examens-Lernphase aus psychologischer Sicht sinnvoll gestalten kann.

 

>Wie kann die Lernphase zeitlich am besten geplant werden?

In der Lernphase sollte man sich eine Arbeitswoche von 40 Stunden einrichten. Davon sollte eine Netto-Arbeitszeit von 30 Stunden auf das Lernen entfallen. Das heißt, pro drei Stunden Lernen wird eine Stunde Pause eingeplant. Das ist dann eine Vollzeittätigkeit. Lernen ist ja auch sehr anstrengend, weil es dabei um die Akquisition von neuem Material geht und nicht um das Ausüben von Dingen, die man bereits beherrscht. Deshalb sind 30 Stunden netto schon eine ganze Menge, wenn man es konsequent durchhält. Diese 30 Stunden Lernzeit sollten auf fünf Tage verteilt werden, sodass das Wochenende frei bleibt. Nur wenn die Lernzeit von Montag bis Freitag noch nicht erreicht wurde, kann man zuerst den Samstag und dann den Sonntag belegen.

 

>Wie würden Sie die einzelnen Lerntage gestalten?

Ich würde den einzelnen Lerntag in zwei große Blöcke teilen, vormittags und spätnachmittags. In jedem Block sollten kleinere Pausen eingebaut werden und eine richtig große Pause in der Mittagszeit. Man hat also eine Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag, die in zwei Blöcke mit jeweils vier Stunden Gesamtzeit eingeteilt werden. Davon entfallen je drei Stunden auf das Lernen. So bleibt eine große Mittagspause und auch der Abend ist frei.

 

>Das Lernpensum sollte also möglichst immer gleich hoch bleiben?

Ja, das Pensum erhöhen würde ich nur gegen Ende der Lernphase und auch nur dann, wenn es wirklich nötig ist. Meine Empfehlung wäre aber, auch in heißen Phasen nicht über 40 Stunden netto zu gehen. Wenn man das mit Pausen auf eine Gesamtzeit berechnet, sind das schon über 50 Stunden, noch mehr ist irgendwann nicht mehr gut.

 

>Bereitet den Medizinstudenten die Fülle oder die Schwere des Stoffes Kopfzerbrechen?

Das Hauptproblem ist einfach die Menge des Stoffs. Es ist aber wichtig, im Kopf zu behalten, dass die meisten Studenten letzten Endes die Prüfungen in der Medizin bestehen. Die Abbruchquote in diesem Fach ist eine der niedrigsten. Da die Arbeitsbelastung im Medizinstudium gesichert überdurchschnittlich hoch ist, wäre es für jeden Medizinstudenten auch wichtig, etwas an die Hand zu bekommen, um zu wissen, wie man erhöhten Stress bewältigt und sich auf gesunde Art entspannt. Denn auch während der Lernphase ist es wichtig, auf ausreichend Entspannung und Bewegung zu achten. Wenn man nur lernt und die Prüfung dann trotzdem nicht besteht, fällt man sonst erst einmal in ein sehr tiefes Loch. Wichtig ist auch: wenn man denkt, man spare Zeit, indem man zum Beispiel den Sport ausfallen lässt, steigen die Prüfungsängste. In einer Studie wurde festgestellt, dass 30 Minuten Training auf dem Fahrradergometer am Vortag einer mündlichen Prüfung die Prüfungsangst in der mündlichen Prüfung signifikant senken. Man sollte außerdem nie so lange lernen, bis man völlig erschöpft ist. Das Studium ist nicht das ganze Leben. Und wenn das Studium nicht das ganze Leben ist, fallen sogar die Prüfungsängste und man kann mit weniger Prüfungsängsten eine bessere Note erreichen.

 

>Man kann also Prüfungsängste dadurch abbauen, dass man weniger lernt?

Ich würde das noch schärfer formulieren. Ich habe manchmal Studierende, die gehen in die Bibliothek und lernen einfach von morgens bis abends zwölf Stunden. Sie machen kaum Pausen, schlafen dann noch schlecht, behalten nicht mehr viel. Das halte ich nicht für sinnvoll. Wenn diese Studenten dann durchfallen, sind sie völlig niedergeschlagen. Stattdessen könnte man so vorgehen, dass man die 30 Stunden Lernzeit nicht einfach irgendwann ansetzt, sondern sich vorher erstmal körperlich fit macht. Denn das Lernen soll ja auch effizient sein. Wenn es nicht um die Quantität, sondern um die Qualität des Lernens geht, erreicht man, dass man trotzdem körperlich fit und gesund bleibt und die Prüfungsängste reduzieren kann.

 

>Wie lange vor dem Examen sollte man anfangen zu lernen? Es gibt offizielle Lernpläne, die für das Physikum 50 Tage und für das Hammerexamen 100 Lerntage ohne Pausen umfassen. Sind diese Pläne sinnvoll? Oder sollte man sich vielleicht auch an den Kommilitonen orientieren?

Ich würde mich weitgehend an die offiziellen Lernpläne halten, sie aber leicht modifizieren, sodass zumindest immer Sonntage und Feiertage frei bleiben. Wenn man den ganzen Tag nur lernt, alles auf eine Karte setzt, sich nicht mehr bewegt und dann vielleicht wegen Prüfungsängsten und innerem Leistungsdruck die Prüfung nicht besteht, fällt man in ein wirklich tiefes Loch. Deswegen ist es wichtig, nicht alle Ressourcen mit Lernen vollzustopfen, um gerade in der Prüfungssituation stabil zu sein. Wenn man psychisch gesund in die Prüfung geht, hat das den Vorteil, dass das erlernte Wissen im Allgemeinen auch komplett abgerufen werden kann.

 

>Wenn ich nun einen Lerntag geplant, aber absolut keine Lust zum Lernen habe, was dann?

Wenn man an einem Tag dasitzt und einfach keine Lust hat zu lernen, muss man das akzeptieren. Vielleicht gibt es persönliche Probleme oder man kann sich überhaupt nicht konzentrieren. Das ist dann eben so. Aber dann sollte man natürlich nicht dazu verfallen, am nächsten Tag gleich wieder nichts zu lernen. Für solche Fälle sind auch die Puffertage gut. Wenn man einen Tag nicht gelernt hat, können die zwei Reservetage in der Woche belegt werden, erst der Samstag, dann der Sonntag. Das ist völlig in Ordnung. Denn wenn man absolut keine Lust hat und nichts geht, ist das sowieso kein effektives Lernen. Ich würde es so machen: solange es geht, fünf Tage pro Woche und auch in der heißen Phase nicht mehr als sechs Tage lernen. Dann bleibt immer noch ein Puffertag, mit dem notfalls etwas ausbalanciert werden kann.

 

>Lernblockaden können ja auch durch einen hohen Druck entstehen, zum Beispiel wenn es schon nicht mehr der erste Prüfungsversuch ist oder man starke Prüfungsangst hat. Wie kann man solche Situationen vermeiden?

Wenn man merkt, dass es mit dem Lernen nicht klappt, sollte man sich frühzeitig im Studium Hilfe suchen. Die meisten Medizin-Unis in Deutschland haben eine Form von Stressbewältigungs- oder Beratungsprogramm. Das sollte man auch frühzeitig in Anspruch nehmen, nicht erst, wenn man kurz vor einem Härtefallantrag ist. Das Medizinstudium ist zwar nicht leicht, aber es ist zu bewältigen.

Auch bei großem Druck muss man darauf achten, dass mindestens ein freier Tag pro Woche bleibt. Durch den starken inneren Druck ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch die Prüfungsängste ansteigen. Man sollte eher Prävention betreiben. Wenn es zum Beispiel nach den vier Semestern Vorklinik eng wird, man im 4. Semester noch viel erledigen muss oder sich vielleicht persönlich nicht gut fühlt, ist es fast besser, sich beim ersten Mal nicht unnötig frühzeitig anzumelden. Im Physikum gibt es so viele Fragen, das besteht man nicht mal aus Versehen. Man sollte sich beim ersten Mal erst dann anmelden, wenn eine reelle Chance zu Bestehen vorliegt. Wenn man so vorgeht, wird man wahrscheinlich auch beim ersten Mal bestehen und kommt gar nicht so weit, beim dritten Versuch zu landen. Wenn man sich aber in einer Krise anmeldet, nicht ausreichend gelernt hat und dann durchfällt, tritt ein Automatismus ein und man muss nach einem halben Jahr wieder antreten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sehr viele, die schon zweimal durchgefallen sind, durch den erhöhten Druck auch beim dritten Mal durchfallen. Wer also bei der ersten Prüfung nicht besteht, sollte sich möglichst schnell Hilfe suchen, um zu vermeiden, dass er überhaupt beim dritten Versuch landet.

Außerdem empfehle ich, ein Entspannungsverfahren zu lernen, weit vor dem Prüfungstag. Zum Beispiel Autogenes Training: wenn man das gut beherrscht und geübt hat, reichen sogenannte Kurzformeln aus, die sogar während der Prüfung selbst angewendet werden können. Sie dauern nur 30 bis 60 Sekunden. Dadurch kommt man von einem extremen auf ein mittleres Erregungsniveau zurück, mehr ist ja nicht nötig. Auf einem mittleren Anspannungsniveau kann man die beste Prüfungsleistung erbringen. Wem das nicht ausreicht, der sollte sich zusätzliche Hilfe suchen. Ich biete zum Beispiel für die Vorklinik Seminare zur Stressbewältigung an, die auch wirksam sind. Besonders dann, wenn man nicht erst vor dem letzten Prüfungsversuch kommt. Je eher man das Angebot wahrnimmt, desto länger kann man davon profitieren. Dieser Kurs ist für leichte bis mittlere Prüfungsängste geeignet. Wenn das nicht ausreicht, gibt es die Möglichkeit zu Einzelgesprächen. Im schlimmsten Fall ist vielleicht eine ambulante Verhaltenstherapie erforderlich, wenn die Prüfungsängste zu ausgeweitet sind und vielleicht noch andere zusätzliche Probleme vorliegen.


 

 

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