• Reportage
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  • Tobias Herbers
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  • 01.03.2016

Der ganz normale Wahnsinn – aus dem Alltag eines Pflegepraktikanten

Auf den Krankenhausgängen mischt sich der Geruch von abgestandenem Urin mit dem Aroma frisch duftenden Kaffees. Was sich für viele wie der blanke Horror anhört, ist für die Ärzte von morgen schon heute Realität. Eine Reportage über Pflegepraktikanten.

© Thomas Möller


Es ist 7:30 Uhr. Ein Wagen mit frischen Brötchen rollt über den etwas düster wirkenden Flur. „Frühstück“, ruft eine gutaussehende junge Frau. Sie klopft an die Tür von Zimmer 151. Nur zwei Zimmer weiter geschieht gerade ein Unglück. Blut rinnt aus dem Arm einer jungen Frau und tropft unaufhaltsam auf die weiße Krankenhausbettwäsche. Vor ihrem Bett steht ein junger Mann, der hastig versucht, die Blutspuren zu beseitigen. Doch zu spät! 

Eine Krankenschwester steckt bereits den Kopf zur Tür herein. Die Begeisterung über den Vorfall steht ihr ins Gesicht geschrieben. Später wird sie ihrem Schützling erklären, wie man eine Infusion abstöpselt, ohne dabei ein Blutbad anzurichten. Für Tim, den jungen Mann aus dem Zimmer, klingt das wie Zukunftsmusik. „Pflegepraktikum“ nennt man das, was der junge Mediziner hier gerade absolviert. Es soll ihn „in Betrieb und Organisation eines Krankenhauses einführen“ und „mit den üblichen Verrichtungen der Krankenpflege vertraut machen“ – so formuliert es die Approbationsordnung für Ärzte.

Ins kalte Wasser geworfen

Tim ist 19 Jahre alt, frischgebackener Abiturient und zum ersten Mal im Krankenhaus. In drei Monaten wird er sein Medizinstudium beginnen. „Ich habe mich auf das Praktikum gefreut“, erzählt er. „Am Anfang muss man teilweise schon ganz schön schlucken – aber man gewöhnt sich an vieles.“ Tim lacht. In den letzten Wochen hat er viele neue Eindrücke gesammelt. Eindrücke, die man auch erstmal verarbeiten muss. Gestern beispielsweise hat er geholfen, einen Toten zu versorgen. „Schläuche raus, Gebiss rein. Dann noch schnell einmal mit dem Waschlappen über das Gesicht. Anschließend die Haare kämmen.“ Es überrascht mich, wie nüchtern der 19-Jährige davon erzählt. Professionelle Anleitung erhält er nicht.

Mittlerweile ist es 8:15 Uhr. Die hübsche junge Dame fängt an, die Frühstückstabletts wieder aus den Zimmern zu räumen. Für Tim beginnt „die Blutdruckrunde“. „Am ersten Tag wurde mir erklärt, wie das geht“, berichtet er und klopft an die Tür von Zimmer 147. Im mittleren von drei Betten liegt eine Frau. „Blutdruckmessen!“, kündigt Tim an. Bereitwillig macht die ältere Dame ihren Oberarm frei. Tim legt die Blutdruckmanschette um den Arm der Patientin und fängt an, die Manschette aufzupumpen. 

„Jetzt das Stethoskop in die Ellenbeuge legen und langsam die Luft aus der Manschette ablassen.“ Er fängt an, das kleine Rädchen am Messgerät aufzudrehen. „130 zu 80 – das ist in Ordnung!“ Anschließend schreibt er den Wert auf einen kleinen Zettel. So geht das weiter – Zimmer für Zimmer. 45 Minuten braucht er für die 14 Zimmer der Station. „Fühlst du dich beim Blutdruckmessen sicher?“, frage ich. „Es klappt“, antwortet er und verschwindet im Stationszimmer.

Frühstück zwischen Stuhlproben und Pflegefall

9:20 Uhr: „Ich habe Hunger!“ Die Krankenschwester stolpert in das Dienstzimmer der Station. „Wir sollten langsam frühstücken.“ Tim überträgt gerade die gemessenen Blutdruckwerte in die Patientenakten. Fünf Minuten später sitzen wir zusammen mit drei Krankenschwestern und einem Pflegeschüler in der Stationsküche. Schon beim ersten Bissen ertönt ein schriller Pfeifton. Der Pflegeschüler steht auf und verlässt schweigend den Raum.

Zwei Minuten später steht er wieder in der Tür. „Tim, kannst du mir bitte helfen? Wir müssen den Pflegefall aus der 143 frisch machen.“ „Moment, ich komme.“ Gemeinsam verlassen wir die Stationsküche. In Zimmer 143 liegt ein alter Mann. Er röchelt, sein Gesicht ist fahl, die Wangen eingefallen. Der Sauerstoff an der Wand blubbert vor sich hin. Während Tim sich Handschuhe anzieht, öffnet der Pflegeschüler bereits die Windel. Es fängt an zu stinken.

Während Tim den älteren Herrn auf die Seite dreht, wendet sich der Pflegeschüler dem Hinterteil des Patienten zu. „Wir müssen Stuhlproben nehmen“, sagt der Pflegeschüler und verzieht das Gesicht. Für mich als Außerstehenden wirkt die Situation irgendwie irreal. Zwei junge Männer, keiner älter als 20, putzen einem über 80-jährigen den Hintern ab. Gedanken scheint sich daüber keiner zu machen. Fünf Minuten später ist alles erledigt. Auf dem Flur grinst Tim mich an: „Tja, so ist das,hier sieht man Sachen die man sonst nicht sehen will!“

Es gibt Grießsuppe

Mittlerweile ist es 11:30 Uhr. Tim muss wieder zu dem Patienten in Zimmer 143 – diesmal um den alten Mann zu füttern. Ich begleite ihn. Für den Mann wird es heute Grießsuppe geben. Tim klappt den Nachttisch des Patienten herunter. Der Geruch von warmer Milch verteilt sich im Zimmer. Tim taucht den Löffel in die Suppe und lässt ihn im Mund des Patienten versinken. Der Mann verschluckt sich, fängt an zu husten.

Kurze Zeit später röchelt er weiter – so als wäre nichts gewesen. Ich frage Tim, ob er das „Essen anreichen“ erklärt bekommen hat. „Nicht wirklich“, antwortet er. Später spreche ich noch mit dem Pflegeschüler. Er erklärt mir, dass man durchaus einiges über das Thema wissen sollte: Dass man vorher den Blutzucker messen muss, man den Patienten zum Essen aufsetzen und die Nahrung evtl. andicken muss. Alles Dinge, die man Tim nicht erklärt hat. „Kannst du bitte noch das Blut ins Labor bringen?“, ruft die Krankenschwester Tim zu. „Ja klar“, entgegnet er und schnappt sich die drei Blutröhrchen. Auf dem Weg ins Labor frage ich ihn, was ihm das Praktikum bisher gebracht hat.

„Man bekommt einen ersten Eindruck vom Krankenhaus – mehr nicht!“ „Bist du gut angeleitet worden?“, hake ich nach. „Es geht so. Einige Sachen bekommt man nur einmal gezeigt und soll dann machen. Eine Kontrolle gibt es selten.“ Es scheint, als würde er als Pflegepraktikant zwischen den Stühlen zu stehen. Bisher gibt es nur sehr wenige Kliniken, die feste Ausbildungsstrukturen für Pflegepraktikanten haben. Auch die Approbationsordnung schweigt zu diesem Thema.

14:00 Uhr: Die junge Frau von morgens verteilt Kaffee. Der Zettel in ihrer Hand verrät, welche Patienten die Tasse selber halten können. Um alle anderen muss sich Annika kümmern – die Pflegepraktikantin aus dem Spätdienst. Auch Annika hat wenig Anleitung bekommen. Macht das Pflegepraktikum so überhaupt noch einen Sinn?

Du hast Fragen? Hier erfährst du alles über die rechtlichen Rahmenbedingungen im Pflegepraktikum: https://www.thieme.de/viamedici/vorklinik-pflegepraktikum-1503/a/krankenpflegepraktikum-fuer-medizinstudenten-3870.htm

 

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