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  • Sandra Hoffmann
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  • 27.07.2010

Der Präparierkurs in der Vorklinik

Er ist einer der drei Pfeiler der Vorklinik und sorgt immer wieder für Gesprächs- und Diskussionsstoff: der Präparierkurs - auch kurz: "Präpkurs" genannt. Studenten der Medizin sollen hier an menschlichen Präparaten den Aufbau und die Zusammenhänge des Körpers erlernen.

Ziel des Präparierkurses ist die Vorbereitung der Studierenden sowohl auf den klinischen Teil ihres Studiums als auch auf ihre spätere ärztliche Tätigkeit. Außerdem ist die Kenntnis der topografischen Anatomie, die sich mit den Lageverhältnissen der Körperregionen und Organen zueinander befasst, in den neueren bildgebenden Verfahren der medizinischen Diagnostik wie Computer- und Kernspintomografie, Sonografie und Endoskopie gerade in der modernen Medizin unerlässlich.

Der Kursus der makroskopischen Anatomie stellt ein didaktisches Mittel dar, um das umfangreiche Gebiet der makroskopischen Anatomie im Detail zu studieren. Durch die systematische präparative Darstellung der Strukturen wird der Medizinstudent Schritt für Schritt in den Aufbau des gesamten menschlichen Körpers eingeführt.

Kein medizinisches Fachgebiet kommt ohne fundierte Kenntnisse der Anatomie aus.

Durchführung des Kurses

Doch wie muss man sich den Ablauf des Kurses vorstellen?

Zuerst einmal unterscheidet sich der inhaltliche und thematische Aufbau von Uni zu Uni. Während die eine Fakultät den Kurs innerhalb eines Semesters abschließt, unterteilen andere den Kurs in zwei oder drei Teile, die über verschiedene vorklinische Semester verteilt oder auch als Blockkurse in den Semesterferien stattfinden.

An den meisten Universitäten hat sich jedoch das Prinzip durchgesetzt, den Kurs in drei große Themenblöcke zu gliedern: die Anatomie des Bewegungsapparates, der inneren Organe sowie die Neuroanatomie.

Um die Zahl der Studenten abzufangen, wird oft in zwei Gruppen zu unterschiedlichen Zeiten präpariert. Das halbe Semester verteilt sich nochmals an Tische mit bis zu 10 Studenten, die sich zusammen um ein Präparat kümmern. Die mit einem Fixiermittel sozusagen "einbalsamierten" Präparate selbst stammen von freiwilligen Spendern, die sich zu Lebzeiten dazu entschlossen haben, nach ihrem Tod die medizinische Lehre zu unterstützen.

Unter den wachsamen Augen eines Professors und eventuell einiger Assistenten aus höheren Semestern wird nach einem festen Plan die Anatomie des menschlichen Körpers von den Studenten dargestellt. Die Vor- und Nachbereitung mit Lehrbüchern und Atlanten ist dabei unerlässlich. Denn Vorsicht: Der Stoff ist immens umfangreich und die Zeit sehr knapp bemessen.

So unterschiedlich die Erwartungen der Studenten an die fest im deutschen Lehrplan verankerte Lehrveranstaltung, so unterschiedlich die Durchführung des Kurses an den Universitäten - hier nur einige Beispiele:

Bochum:

Es gibt einen dreiteilig gegliederten Kurs mit folgenden Inhalten: Teil I umfaßt die Anatomie des Bewegungsapparates im ersten Semester. Teil II erfaßt die Anatomie der Organe im Rahmen eines Blockkurses nach dem 3. Fachsemester. Zusätzlich findet ein Teilseminar Neuroanatomie am Ende des 3. und zu Beginn des 4. Semester statt.

Göttingen:

Der Kursus der makroskopischen Anatomie verläuft mit den oben genannten Themengebieten über das gesamte 2. Semester hinweg.

Mannheim:

Hier gibt es einen 2-wöchigen Kurs am Ende des 4. Semesters mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Anatomie der inneren Organe.

Nachbereitung des Kurses

Meist wird der Kurs mit einer alle Themengebiete abdeckenden Klausur abgeschlossen. Um den Körperspendern gleichzeitig Dank und eine letzte Ehrerbietung seitens der anatomischen Fakultät zu erweisen, wird außerdem am Ende des Semesters ein Gottesdienst zu ihrem Gedenken für die Angehörigen abgehalten.

Stimmen von Medizinstudenten

Doch was sagen die Studenten über den Kurs? Ist er sinnvoll, ethisch vertretbar oder schlichtweg beängstigend?

"Ich muss sagen, ich war unheimlich aufgeregt, als ich zum ersten Mal den Präpariersaal betreten habe. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartet, wie ich mit einem toten Menschen umgehen würde und ob ich den Kurs ohne weiteres überstehen würde. Immerhin hatte ich schon viele Horrorgeschichten von anderen Studenten gehört. Aber im nachhinein bin ich überrascht ,wie wenig mir das Präparieren zugesetzt hat. Innerhalb von einer Woche hatte ich mich schon an den Geruch von Formalin gewöhnt, obwohl er bis zum Schluss allen immer wieder die Tränen in die Augen steigen ließ." Jana, 19 Jahre

"Der Präparierkurs ist eine unheimliche Bereicherung des Studiums. Ich empfand das Präp-Semester als eines der Highlights, da sowohl der praktische Bezug als auch das Zusammenarbeiten mit unserem Prof mir sehr viel Spaß gemacht hat! Es ist schön, einmal nicht im Hörsaal zu sitzen und sich Vorträge anzuhören, sondern mit einem Ziel nebeneinander zu arbeiten." Stefan, 23 Jahre

"Im Vergleich mit den anderen vorklinischen Semestern fand ich keines so anstrengend wie das Anatomie-Semester! Der Stoff ist unglaublich umfangreich! Ich erinnere mich, wie ich mich zwingen musste, mich jeden Abend noch einmal hinzusetzen und die Seiten in meinem Lehrbuch umzuwälzen. Trotzdem hatte ich Probleme, die schönen farbigen Bildchen im realen Präparat wiederzufinden. Es war teilweise sehr frustrierend - glücklicherweise bin ich durch die Abschlussprüfung gekommen, auch wenn die Testate nicht gerade die volle Punktzahl hergegeben haben." Karina, 25 Jahre

Fazit

In England beklagen sich die Chirurgen seit einigen Jahren über die mangelhaften anatomischen Kenntnisse der Studenten und jüngeren Kollegen. Wie in vielen anderen Ländern hat man in England den systematischen anatomischen Unterricht inzwischen aufgegeben.

Trotzdem ist neben stets wieder aufflammenden kontroversen Diskussionen über die ethischen Prinzipien und den didaktischen Nutzen des Präparierens am Menschen auch der Kostenfaktor Teil der Debatte (z. B. fallen Kosten für die Fixierung und Bestattung an) geworden.

Ob sich der Kurs weiterhin als fester Bestandteil der ärztlichen Ausbildung in Deutschland hält, ist schwer absehbar. Zwar wird in den medizinischen Fakultäten die Tradition oft noch starr beibehalten (wie man an der Diskussion um die Einführung eines "Bachelors of Medicine" sehen kann), doch finden inzwischen auch Neuerungen wie beispielsweise die sogenannten Reformstudiengänge Einzug. Fest steht nur eines: Aus Sicht der deutschen Studenten scheint der Kurs trotz aller mit sich bringender Mühen, auf überwiegend positive Resonanz zu stoßen.

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