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  • Manon Krüger
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  • 24.09.2014

Der Tod ist nur Gast - Interview mit Prof. Schulte von der Universitätsmedizin Mainz

Dieser Kurs ist für viele Einsteiger ins Medizinstudium wie eine Initiation in ihr künftiges Leben als Arzt: der „Präpkurs. Wir sprachen mit Prof. Dr. Erik Schulte, Institut für Funktionelle und Klinische Anatomie, Universitätsmedizin Mainz über die „grundlegende“ Rolle seines Fachs und warum er es als Dozent so gerne unterrichtet.

 

Prof. Dr. Erik Schulte - Foto: privat

Prof. Dr. Erik Schulte ist Leiter des Instituts für funktionelle und klinische Anatomie in Mainz

 

> Herr Prof. Schulte. Sie unterrichten seit fast 30 Jahren Studenten in der Anatomie und bringen ihnen das Präparieren bei. Begegnen Ihnen im Präp-Saal manchmal noch Befunde, die Sie selbst überraschen?

Ja, durchaus! Man entdeckt zwar keine neuen Erkrankungen oder Strukturen. Aber ab und zu finden wir anatomische Varianten. Vor kurzem hatten wir einen Verstorbenen, bei dem alle Organe seitenverkehrt im Situs lagen. Das Herz lag rechts, die Leber links und der Magen krümmte sich andersherum. Der innere Aufbau dieses Menschen war also komplett spiegelverkehrt. Ich hatte das zuvor nie selbst gesehen, obwohl ich seit Jahrzehnten in der Anatomie bin. Häufiger findet man OP-Narben, künstliche Hüftgelenke und Herzschrittmacher. Solche Fälle bereichern den Kurs natürlich, da man direkt an die klinische Medizin anknüpfen kann.       

 

> Oft hört man Kritik, der Präp-Kurs sei nicht mehr zeitgemäß. Was denken Sie?

Dieser Kurs ist vermutlich der teuerste im Medizinstudium. Da wird von der Politik schon sehr genau geschaut, ob man dieses Geld wirklich ausgeben muss. Schließlich gibt es immer mehr Computerprogramme, die den Aufbau des Körpers simulieren. Im Moment sind die noch zweidimensional. Aber die dreidimensionale Simulation im anatomischen Unterricht wird sicher kommen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass diese Innovation den klassischen Anatomieunterricht in vieler Hinsicht modifizieren wird. Ich glaube aber nicht, dass sie den Präp-Kurs komplett ersetzen und ablösen kann.

       

> Wie groß ist eigentlich der Aufwand, der in einem Präp-Kurs steckt?

In Mainz haben wir zwei Institute, die sich die Lehre teilen. Das Institut für Mikroskopische Anatomie und Neurobiologie und das Institut für Funktionelle und Klinische Anatomie. Drei Präparatoren kümmern sich übergreifend für beide Institute darum, dass die Verstorbenen konserviert werden. Sie fixieren die Leichen, legen sie zwischen sechs und neun Monate in einen Formalinnebel und bringen sie dann zum Kurs in den Präpariersaal. Nach dem Präp-Kurs organisieren sie auch die Urnenbestattung im Krematorium. Fachlich wird der Präparationsunterricht von Professoren und akademischen Mitarbeitern betreut. Einschließlich der studentischen Mitarbeiter arbeiten in den beiden anatomischen Instituten in Mainz insgesamt über 60 Leute dafür, dass der Präp-Kurs abgehalten werden kann. Zu den Personalkosten kommen noch die Auslagen für die Chemikalien und für die Grabstätte über etwa 2.000 Euro pro Verstorbenem. Bei uns übernimmt die Universität diese Kosten. An anderen Unis zahlen das die Körperspender selbst.

       

> Wie viele Präparate werden jedes Jahr in Deutschland benötigt

Ungefähr 1.000.

       

> Ist es schwierig, an die Spender zu kommen?

Nein. Wir haben in unserem Institut zum Beispiel sehr viel mehr Nachfragen als Fälle, die wir annehmen können. Bei den anderen anatomischen Instituten in Deutschland ist das ebenso. Manche haben deshalb sogar eine Aufnahmesperre. Wir nehmen keine Spender unter 50 Jahren an, weil die statistische Lebenserwartung so hoch ist. Sonst liegt die tatsächliche Spende zu weit in der Zukunft.

       

> Was motiviert die Spender ihren Körper zur Verfügung zu stellen?

Überwiegend sind das Motive wie: „Ich war mal schwer krank, mir wurde sehr gut geholfen und ich möchte auf dieser Weise etwas zurückgeben.“ Oder: „Ich kenne jemanden der Medizin studiert. Deswegen weiß ich, wie wichtig das ist.“ Diese beiden Gruppen machen über 90 % der Spender aus. Dann gibt es noch eine kleinere Gruppe von Alleinstehenden, die sagen: „Ich möchte für meinen Tod alles regeln. Ich möchte wissen, was mit mir passiert, wenn ich mal gestorben bin. Ich möchte wissen, wer meinen Leichnam abholt und wer sich darum kümmert, dass ich würdig bestattet werde.“ Diese Menschen legen ihre letztwillige Verfügung dann in die Hände eines Institutes.

       

> Sieht man beim Präparieren eigentlich noch den Menschen hinter dem Präparat, oder ist er dafür schon zu verfremdet?

Trotz Präparation bleibt das ein toter Mensch, der seine eigene Würde hat. In meiner Einführung vor den Weihnachtsferien sage ich den Studenten immer: „Wenn Sie nach Hause gehen, denken Sie daran, dass dort oben 24 tote Menschen liegen. Es gibt jetzt 24 Familien, bei denen an diesem Weihnachtsfest ein Stuhl leer bleibt. Da fließen Tränen, da wird um jemanden getrauert – um einen Vater, eine Mutter oder einen Ehemann. Sie müssen um diesen Toten nicht trauern, aber haben Sie Respekt vor dem Schmerz anderer.“ Trotzdem brauchen die Studenten natürlich eine gewisse Distanz, um die Aufgaben des Kurses zu meistern.

       

> Sind die anfänglichen Berührungsängste mit den Toten groß?

Ja. Und ich denke, das ist auch normal. Für die meisten Studenten ist das der erste tote Mensch, den sie sehen. Und dann müssen sie auch noch in ihn hineinschneiden. Diese Zurückhaltung merkt man daran, wie die Studierenden den Präp-Saal betreten: Sie gehen etwas langsamer und halten sich durch Blicke, Gespräche oder tatsächlich aneinander fest. In der Einführung werden die Toten zunächst gemeinsam mit einem Mitarbeiter aufgedeckt und betrachtet. Sieht man Narben oder kann man etwas über die Todesursache sagen? Dann nähert man sich dem Toten. Die Studenten lernen, dass nichts Schreckliches daran ist, mit Leichen zu arbeiten. Es riecht nicht unangenehm und es ist auch nicht eklig. In vielen Filmen wird ein völlig falsches Bild der Anatomie vermittelt. Dort wird oft in dunklen Kellern gearbeitet. Bei uns ist der Präpsaal unter dem Dach und durch riesige Fenster flutet das Licht. Der Saal ist voll mit jungen Leuten, die das pure Leben darstellen. Der Tod ist eigentlich nur ein Gast.

       

> Wie wichtig finden Sie das Thema „Pietät“? Erwarten Sie von den Studenten, dass sie nur Fachgespräche führen, solange sie sich im Präp-Saal aufhalten?

Der Spender hat sich in der Hoffnung vermacht, dass seine Würde geschützt wird. Insofern ist der Präpariersaal ein Ort der Totenruhe – er ist aber ganz sicher kein Ort der Trauer. Der Verstorbene wollte nicht, dass die Studenten um ihn weinen. Er wollte, dass sie an ihm lernen. Respekt und auch mal lachen dürfen schließen sich nicht gegenseitig aus. Lernen soll Spaß machen. Die Studenten arbeiten mit ihren Freunden zusammen, haben gemeinsame Erfolgserlebnisse. Und natürlich kommen da auch mal private Gespräche zu Stande. Das ist keine Frage schlechten Benehmens. Als Richtschnur empfehle ich, sich selbst die Frage zu stellen: Würde es den Toten wohl stören, was ich sage oder wie ich mich verhalte? Hat jemand eine Prüfung bestanden und lacht vor Freude, so würde das den Toten sicher nicht stören. Vielleicht würde er sogar mitlachen, wenn er könnte – denn er hat zu diesem Erfolg beigetragen. Nur Witze über den Toten machen – das geht nicht.

       

> Möchten eigentlich viele Studenten nach dem Kurs selbst Spender werden?

Eher nicht. Ich denke, ein ganz wesentlicher Punkt dafür ist, dass dort der Mensch natürlich so liegt, wie die Natur ihn geschaffen hat. Und die Studenten sehen daneben ihre Kommilitonen, mit denen sie gemeinsam in die Mensa oder ins Kino gehen und stellen sich vor, wie es wohl wäre, wenn ihre Freunde an ihnen arbeiten. Das Problem hat der Verstorbene nicht, denn er ist den Studenten unbekannt – und insofern ist der Aspekt der Diskretion und Anonymität gesichert. Diese Abstraktion können die Studenten unter dem Eindruck des Kurses aber noch nicht leisten. Das geht erst wenn sie älter sind.

       

> Wie ist das bei Ihnen und Ihren Kollegen?

Eigentlich denkt man, als Anatom sollte man sich doch selbstverständlich der Anatomie vermachen. Doch das tun nur ganz wenige. Gerade weil dieser Aspekt der Anonymität und Diskretion nur sehr schwer zu wahren ist – auch wenn man sich an ein ganz anderes Institut vermacht. Denn, wenn man eine herausgehobene Stellung hat, kennt man einen ja auch dort.

       

> Was macht ein Anatom eigentlich neben der Lehre?

Der Präp-Kurs, die Vorlesung und das Seminar, nehmen natürlich nicht den ganzen Tag ein. In der Anatomie gibt es aber jede Menge zu forschen. Oft auch in Hinblick auf Fragestellungen, die sich aus Krankheiten ergeben. Natürlich nicht im Rahmen des Präp-Kurses, denn in der Makroskopie ist quasi alles beschrieben. Aber in der mikroskopischen Anatomie gibt es noch viel zu entdecken. Sehr spannend sind zum Beispiel die Struktur-Funktions-Beziehungen in der Neuroanatomie. Ich selbst beschäftige mich außerdem mit dem Lehrbuch Prometheus. Ein Buch in dieser Größe in zehn Jahren durch vier Auflagen zu begleiten ist ziemlich aufwändig.

       

> Wie sind Sie zur Anatomie gekommen?

Ehrlich gesagt: Ich bin da ein bisschen reingerutscht. Ich wollte eigentlich in die Gynäkologie und Geburtshilfe und habe dort im PJ mein Wahl-Tertial gemacht. Dann kam der Praxisschock. Ich habe festgestellt, dass ich völlig falsche Vorstellungen hatte, wie der klinische Alltag aussieht und dass das auch gar nicht meinen Neigungen entsprach. Dann bin ich als Assistent in die Anatomie gegangen, weil ich da zufällig meine Doktorarbeit absolviert hatte – und war begeistert. Ich habe meine Leidenschaft entdeckt, anderen etwas zu erklären. Aus Sicht der Lehre ist die Anatomie ein besonderes Fach, weil die Studenten sehr leicht dafür zu begeistern sind. Die Vorklinik ist geprägt von naturwissenschaftlichen Fächern. In der Anatomie begegnen die Studierenden dann zum ersten Mal den Menschen als dem Ziel ihres späteren ärztlichen Handelns. Ich weiß: Viele Medizinstudenten könnten sich ein Fach wie Anatomie nicht vorstellen, weil sie unbedingt praktisch tätig sein möchten. Aber für mich ist das genau das Richtige. Ich kann seit vielen Jahren genau das machen, was ich machen will und würde es mir – hätte ich nochmals die Wahl – genau wieder so aussuchen.

 

Vita

Prof. Dr.med. Erik Schulte kam 1956 in Baden-Baden zur Welt. Zum Medizinstudium ging er 1976 nach Freiburg an die Albert Ludwigs-Universität. Sein großes Interesse für den Aufbau und die Funktion des menschlichen Körpers lockte ihn in die Anatomie, wo er 1982 promovierte. Dort entdeckte er sein Talent als Dozent und hielt mit großer Begeisterung Vorlesungen und Seminare. Er nahm 1989 eine Stelle als Oberassistent an der Anatomischen Anstalt der Ludwig Maximilians-Universität München an. 1992 erhielt er den Ruf auf einen Lehrstuhl als Professor für Anatomie an der Johannes Gutenberg – Universität Mainz. Auch hier ist es Prof. Schulte wichtig, seine Lehrveranstaltungen selbst und mit viel Engagement und Spaß zu halten. Das merken auch seine Studenten: 1996 und 2007 bekam er den Preis für „Herausragende Leistungen in der Lehre“ des Fachbereiches Medizin der Universität Mainz.

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