• Bericht
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  • Johanna Heidgen
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  • 16.10.2013

Mein erstes Mal „präpen“

Er gehört zu den wichtigsten Kursen im Medizinstudium: der Präpkurs im Anatomie-Praktikum. Doch die Vorstellung, an einer Leiche zu arbeiten ist für viele Studenten ein Graus. Auch Johanna hatte Bammel vor dem präpen. Hier erzählt sie, ob ihre Sorgen begründet waren.

 

Unterricht am Skelett - Foto: Fotolia/CandyBox Images

Mediziner müssen die Anatomie des menschlichen Körpers in und auswendig kennen. Foto: Fotolia/CandyBox Images   

 

Ich studiere in Berlin an der Charité und hatte meinen ersten „Präpkurs“ im dritten Semester. Genaugenommen war es ein Mittwoch gleich in der ersten Uniwoche. Am Montag merkte ich bereits erste Symptome von Nervosität, die sich dann bis zur Aufregung am Mittwochmorgen steigerten. Das machte sich besonders durch hochfrequentierte Besuche im Bad, als auch durch vermeintlich erscheinendes, orientierungsloses Hin- und Herlaufen in meinen eigenen vier Wänden bemerkbar. So quälte ich mich mit Bauchgrummeln am Mittwochmorgen zum Rudolphisaal, unserem Anatomiesaal.

Der studentischer Tutor erwartete uns bereits. Ausgerechnet unser Anatomieprofessor kam an diesem, für mich so wichtigen Tag, zu spät. Geplant? Wollte er uns noch länger zappeln lassen? Nein, ganz bestimmt nicht. Nach einigen Minuten erschien auch er und es ging direkt los.

Beruhigend bemerkte ich, dass er uns nicht nach unserer Stimmungslage fragte. Es hätte ebenso nicht verhindert werden können, ungesehen zu fallen. Es folgte nun: Leiche raus, umgedreht und los!

Klingt doch ganz einfach, nicht wahr?! Gott sei Dank hatten wir ein, zwei starke Jungen, die uns beim Umdrehen der Leiche halfen. Doch letztendlich war es relativ einfach, die Leiche zu drehen, da sie durch die Formalininjektion und –besprühung bereits eine starre Form angenommen hatte.

 

Bäuchlings lag sie nun vor uns

Unser noch unbenutztes Präparierset, das unter anderem Wechselklingen, Pinzetten und Scheren enthält, kam nun zum Einsatz. Der studentischer Tutor machte die ersten Schnitte, um die Leiche in Abschnitte einzuteilen. Wir Studenten wurden nun auf die verschiedenen Körperbereiche aufgeteilt. So war mein Part der rechte Unterschenkel und Fuß.

Jetzt wurde es ernst. Wir sollten selbst die Klinge ansetzen. Ich machte mich an die Arbeit, die Haut zu präparieren. Mit Skalpell und Pinzette ausgestattet, zog ich langsam an der Haut, die sich alsbald löste. Ich sah Epidermis, Corium und die darunter liegende, gelbe Schicht der Subkutis. Ab diesem Moment wandelte sich die Nervosität in Konzentration und Interesse. Es war spannend, die verschiedenen Schichten auszumachen, zu benennen und vor allem auch handwerklich tätig zu sein. Unter dem strengen, dennoch wertschätzenden Blick unseres Professors, arbeiteten wir diszipliniert und sachgemäß.

Nach einer Stunde hatte ich bereits die Hälfte des Unterschenkels freigelegt. Auch die anderen Kommilitonen hatten ganze Arbeit geleistet. Die Zeit verging für mich wie im Flug und leider viel zu schnell.

Als Letztes befeuchteten wir unsere präparierten Stellen, deckten die Leiche mit feuchten Tüchern zu und umhüllten sie mit einer Plastikhülle, sodass sie vor dem Austrocknen geschützt war. So kam sie wieder in die Kühlbox bei 10 Grad.

Als ich den Saal verließ, fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen. Ich wusste nun: Du kannst das! Du hast das gepackt! Ich hatte das Gefühl, einen wesentlichen Schritt im Studium weitergekommen zu sein.

 

Einmal ist immer das erste Mal  

Letztendlich ging es mir beim Präparieren so, wie beim ersten Mal Blutabnehmen. Wenn man es noch nie gemacht hat, weiß man nicht, was einen erwartet. Man muss es einfach ausprobieren. Ich habe im Moment des Präparierens, für mich entdeckt, dass ich scheinbar handwerkliches Geschick besitze und zudem großen Gefallen daran gefunden habe.

Im Studium erwarten einen immer wieder unerwartete Herausforderungen. Sie machen das Studium spannend und einen selbst reifer. Man wächst schließlich mit seinen Aufgaben.

 

 

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