• Interview
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  • Das Interview führte Anna Rademacher
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  • 14.10.2008

Präpkurs: zwischen Spannung und Ohnmacht

Was erwartet mich beim Kurs makroskopische Anatomie - kurz Präpkurs genannt? Anna Rademacher hat Stefanie P., die inzwischen im ersten klinischen Semester studiert, zu ihren Erfahrungen befragt.

>Stefanie, warst du sehr aufgeregt beim ersten Termin?

Stefanie: Nein. Mein Bruder, selbst Medizinstudent, meinte noch zu mir, dass wir beim ersten Kurstag gar keine Leiche zu sehen bekommen, uns erst mal einen Film anschauen und "behutsam" auf den Kurs eingestimmt würden. Als wir dann doch in den Präpsaal gehen sollten und nicht in den Hörsaal, war eigentlich noch alles in Ordnung. Ein flaues Gefühl im Magen bekam ich erst, als die Leichen ausgepackt wurden.

>Was schoss dir durch den Kopf, als die Leiche vor dir lag?

Meine Gedanken schienen sich zu überschlagen. Zum einen musste ich an eine Patientin meines Vaters denken, die ein Jahr zuvor verstorben war. Sie hatte sich für die Anatomie als Körperspenderin zur Verfügung gestellt. So war ich zunächst froh, dass wir vor einem Mann standen, bekam dann aber richtig Panik bei der Vorstellung, ich könnte die Frau hier irgendwo im Saal sehen. Hinzu kam, dass zwei Wochen vor dem Kurs eine Schulfreundin bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Irgendwie war ich plötzlich derart überfordert, dass ich als eine der wenigen in Ohnmacht fiel.

>Konntest du dich im Verlauf des Kurses ans Präppen gewöhnen?

Wir gewöhnten uns ziemlich schnell an die Arbeit an den Leichen, weil der Prüfungsstress in den Vordergrund rückt und der Lernstoff nicht zu unterschätzen ist. Wenn ich manche Kommilitonen beobachte, gewöhnt man sich aber für meinen Geschmack zu schnell. Ab der dritten Woche sah ich die ersten kaugummikauend und mit dem Handy telefonierend im Saal. Eine andere Sache ist, dass man den Kurs mit nach Hause nimmt. Ich konnte kein Rührei mehr essen und auch mit Fleisch hatte ich meine Probleme.

>Wie würdest du den Geruch im Präpsaal beschreiben?

Es riecht ein bisschen wie neue Kiefernmöbel, denn die enthalten viel Formalin, womit auch die Leichen konserviert werden. Ich hatte übrigens das Gefühl, den Geruch auch nach dem Kurs nicht aus der Nase zu bekommen. Das war schon ein komisches Gefühl, gerade in der Adventszeit, wenn man über den Weihnachtsmarkt läuft und sich einbildet, alles riecht nach Leiche. Oder einfach nur auf dem Nachhauseweg, wenn man glaubt, jeder in der Tram rümpft die Nase meinetwegen.

>Was war dein persönliches Highlight beim Präpkurs?

Es war nicht etwa das Öffnen des Thorax oder das Finden irgendeiner bestimmten Struktur, sondern die zwischenmenschliche Atmosphäre, die sich während des Kurses entwickelte. Unsere Planungsgruppe wurde ein Team und in diesem Team bildeten sich Freundschaften, von denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie sich je wieder lösen. Wir lernten einander wahnsinnig gut kennen und wissen, was wir von den anderen erwarten können. Schön fand ich, dass wir alle mitzogen - und natürlich, dass die gesamte Gruppe den Kurs bestanden hat.

>Welche Dinge hast du als unangenehm empfunden?

Ich empfand es als sehr störend, wenn Professoren, die unseren Kurs nicht betreuten, in den Prüfungen Fragen stellten, bei denen der Student offensichtlich nur bloßgestellt werden sollte.

>Wie lautet Dein persönliches Fazit? Sollte im Medizinstudium auf den Präpkurs verzichtet werden?

Nach Abwägen des Für und Wider bin ich der Meinung, dass man auf den Präpkurs auf keinen Fall verzichten sollte. Er ist eine gute Möglichkeit für die Studenten auszuloten, ob Medizin das richtige Studium ist, gerade weil er für viele eine Grenzerfahrung darstellt. Die Studenten können und müssen sich aufgrund dieses Kurses intensiv mit Leben und Tod auseinandersetzen. Leider gehört die Auseinandersetzung mit dem Tod zum Arztsein dazu. Ich werde viele Dinge nie wieder vergessen, weil ich sie an der Leiche selber präpariert oder einfach nur gesehen habe. Das war prägender als die beste Grafik im Anatomieatlas. Ich persönlich war darüber hinaus sehr stolz darauf, den Kurs erfolgreich absolviert zu haben: Das ist ein wunderbares Gefühl.

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